26.08.2003 · Mehrere Argumente sind gegen Kniggestunden in der Schule vorgebracht worden. Doch bei näherem Hinsehen sind sie schnell entkräftet. Ein Plädoyer für den Benimm-Unterricht.
Von Jürgen KaubeGegen die Absicht des saarländischen Kultusministers Schreier, an den Schulen seines Landes bis zur sechsten Klasse einen Benimm-Unterricht einzuführen, sind drei Argumente aufgeboten worden.
Erstens: Benehmen gehöre in jede Stunde, Wohlverhalten sei ein fächerübergreifender Wert und bedürfe keiner eigenen Lerneinheit. Es werde vielmehr, jedenfalls von guten Lehrern, bereits unterrichtet, insofern sie auf Umgangsformen auch in Biologie, Geschichte oder Sport achteten. Zweitens: Benimm-Unterricht sei ohnehin ohnmächtig, wenn nicht in den Familien und in "der Gesellschaft" Fehlverhalten stärker sanktioniert werde. Drittens: Die Schüler würden in einem solchen Unterricht zu etwas gezwungen, was nur aus freien Stücken wirkliches Benehmen sei, der Unterricht bleibe der Gesinnung, die er hervorbringen möchte, selber äußerlich.
Mindestanforderung an erträglichem Verhalten
Es sind dies die drei klassischen Argumente zur Abwehr curricularer Neuerungen. Wir machen es schon. Es hilft ja nichts. Und: Zwang ist den höchsten Dingen fremd. Aber kaum etwas von alledem stimmt. Der Einwand, daß Benehmen in jede Stunde und nicht in eine besondere gehört, beruht auf einem Denkfehler. Die Artikulation im Deutschen gehört ja auch in jede Stunde, ohne daß daraus schon zwingend der Wegfall des Deutschunterrichts hervorginge. Wer wie Josef Kraus, der Präsident des Lehrerverbands, sagt, sofortige Reaktionen der Pädagogen auf Verhaltensverstöße seien "besser als spezielle Knigge-Stunden", hat die Frage noch nicht beantwortet, ob solche Stunden denn gut wären. Gedankenreiches, elegantes, historisch gebildetes Deutsch seitens der Erzieher wäre ja auch besser als spezielle Grammatik- oder Schiller-Stunden - und trotzdem sind diese hilfreich.
Was die Kritiker nicht bedenken, ist die Verwandlung, die ein Unterrichtsziel erlebt, wenn es vom geheimen auf den offenkundigen Lehrplan gehoben wird, wenn also Rücksichtnahme im Umgang nicht nur verlangt, sondern thematisiert wird. Gerade dies, die Mindestanforderungen an erträgliches Verhalten zu thematisieren - was auch hieße: sie nicht nur an die Tafel zu schreiben -, erlaubt es auch, den zweiten Einwand zu entkräften. Gewiß gibt es in der Umwelt der Schule so wie schlechtes Deutsch auch schlechte Manieren. Doch das "konterkariert" nicht, wie die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft meint, die Bemühungen der Lehrer, sondern macht sie nötig und versorgt sie mit Stoff. Warum etwa sollte es nicht möglich sein, Zehnjährigen den einen oder anderen Erwachsenen als zweifelhaftes Beispiel hinzustellen? Der Ethosunterricht kann darum nicht an einer rücksichtsarmen lauten, frechen Umwelt scheitern, sondern nur an sich selbst. Schließlich das Argument vom Schulzwang, der verordnen will, was seinen Sinn doch nur aus Einsicht gewinnt. Wie ist Freiheit durch Kausalität möglich - so lautet seit mehr als zweihundert Jahren tatsächlich das Haupträtsel aller Erziehung. Im Bereich des anmutigen Verhaltens gibt es eine Antwort: Übung. Niemand kann von Kindern verlangen, in Benimm-Stunden tugendhaft zu werden. Das wäre Etikettenschwindel. Ein innerlicher Glaube an den Sinn und die Vorzüge gefälligen Verhaltens ist weder erforderlich noch überprüfbar. Es geht nur um die Veränderung des Verhaltens der Schüler, hin zu mehr fremdbestimmtem Konformismus, mehr Distanz zu eigenen Impulsen und zum Verhaltensrepertoire ihrer nicht selten ungehobelten Idole. Das Innere, die Freiheit und die Tugend kriegen wir später.