28.02.2010 · Überlichweise sind die Werbe-Videos, mit denen sich amerikanische Hochschulen auf Youtube zeigen, ebenso würdevoll wie öde. Doch jetzt gibt Yale den digitalen Eingeborenen, wonach es sie verlangt: lippensynchrone Gesänge und miese Tänze.
Von Oliver JungenDie Videoplattform Youtube feiert dieser Tage ihren fünften Geburtstag, kürzlich wurde die magische Marke von einer Milliarde täglicher Abrufe geknackt. Die alten Hexenmeister der Bewegtunterhaltung senden trotzig weiter ihr teures Programm an wacklige Hausantennen, doch die Lehrlinge haben längst übernommen, lassen via Breitband, Walle! walle, die Puppen tanzen. Getanzt nämlich wird bei den Youtubbies gern, je schlechter, desto williger, weshalb Gary Brolsmas so lippensynchroner wie sinnfreier Sitztanz „Numa Numa“ auch in Zeiten, in denen minütlich Wagenladungen von Werbefilmchen auf Googles Videohalde abgeladen werden, noch das Richtmaß aller digitalbewegten Dinge ist.
Locker sticht der übergewichtige Nerd die blumigen „Admission Videos“ aus, die amerikanische Universitäten inzwischen regelmäßig ins Netz stellen - von deutschen Hochschulen findet man einstweilen nur Streikszenen. Die würdevolle, aber öde Selbstdarstellung der Wellesley-Elitehochschule für Frauen zum Beispiel darf sich als extremes Nischenprogramm fühlen. Harvard lud vor drei Monaten ein neues Hochglanzvideo hoch, doch hat man darin die Hauptrolle abschreckenderweise einem schmierigen Playboy in rosafarbenem Polohemd anvertraut.
Wie wird Stanford kontern?
Immerhin baute die Regie einen makabren Schmunzler ein, denn unter den „vielen spannenden Karrieren“, die über den Schirm laufen, findet sich zwischen „Nobelpreisträger Physik“ und „Zur Ruhe gesetzter Millionär“ auch die ideale Harvard-Laufbahn „Unabomber“. Aber erst Yale hat verstanden, was die Stunde geschlagen hat: Numa Numa statt Technophobie. Vor wenigen Tagen wurde das sage und sende siebzehnminütige Video „That's Why I Chose Yale“ Youtube anvertraut, das den digitalen Eingeborenen gibt, wonach es sie verlangt: lippensynchrone Gesänge und miese Tänze (siehe auch: „That's Why I Chose Yale” auf Youtube). Ein „Highschool Musical“ aus der weltfremdesten aller Realitäten, an dem sich nicht nur Hunderte Studenten, sondern auch Dekane und Professoren beteiligten und das derart mutig im Peinlichen badet, dass es auf der Stelle im Ranking weit nach oben geschossen ist.
Über die plumpe Antwort Princetons, wo man jüngst ein Filmchen über das nun beginnende „Jahr des Tigers“ einstellte, kann Yale nur müde lachen: Nicht einmal eine Massentanzszene auf dem Campus! Jetzt muss Stanford kontern. Mit einer Choreographie von Hans-Ulrich Gumbrecht, dem Fachmann für die Produktion von Präsenz?