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Veröffentlicht: 26.04.2014, 16:19 Uhr

Unglück vor Südkorea Das Schiff sind wir alle

Die untergegangene Fähre „Sewol“ ist nicht bloß ein Problem der Koreaner. Der Kapitän, der das sinkende Schiff verlässt, ist die perfekte Verkörperung der neoliberalen Ideologie, wonach Gemeinsinn nur eine Illusion ist.

von Byung-Chul Han
© dpa Rettungsarbeiten vor der Küste Südkoreas

Das Fährunglück, das sich kürzlich vor der Küste Südkoreas ereignet hat, lässt sich nicht als ein Unfall abtun, der allein durch die Nachlässigkeit oder Unprofessionalität der Crew verursacht wurde und sich auf landestypische Gegebenheiten von Südkorea zurückführen ließe. Es verrät viel über unsere Welt selbst. Die „Sewol“ lässt sich sogar als Signatur der Gegenwart, ja als eine Metapher unserer heutigen Gesellschaft deuten.

Von allen Seiten wurde der Kapitän allein für das Fährunglück verantwortlich gemacht. Die südkoreanische Präsidentin Park Geun-hye wirft ihm Mord vor. Verantwortlich für dieses Unglück ist aber zunächst die neoliberale Politik des Ex-Präsidenten Lee Myung-bak, der auch Manager von Hyundai war.

In der Regel dauert ein Schiffsleben zwanzig Jahre. 2009 wurde es aber auf die Anordnung der unternehmensfreundlichen Regierung auf dreißig Jahre verlängert. Diese Neuregelung fand im Zuge neoliberaler Deregulierung statt, die damals die Regierung von Lee Myung-bak forcierte. Wenn die Zwanzig-Jahre-Regelung weiterhin Bestand hätte, hätte die Reederei das schon 18 Jahre alte Schiff, das in Japan kurz vor der Ausmusterung stand, nicht erworben. Die rein profitorientierte Unternehmenspolitik erhöht massiv das Unfallrisiko. Kosten senken, effizient wirtschaften, dieses neoliberale Diktum geht auf Kosten des Menschenlebens und der Menschenwürde.

In Korea wurden auch die Rettungsdienste bei Unfällen auf See in der Vergangenheit teilprivatisiert. Privatisierung der Rettungsdienste, die angeblich Kosten senken soll, stellt aber ein Risiko dar. Da im Falle der „Sewol“ sich auch Rettungstaucher der Marine an der Bergung der Passagiere beteiligten, ist anzunehmen, dass es dabei zu Koordinationsproblemen kam, die womöglich zur Verzögerung der Rettungsarbeit führten.

Unter diesen Bedingungen entsteht kein Gefühl der Verantwortung

Es ist auch bekannt geworden, dass die meisten Besatzungsmitglieder der „Sewol“ die sogenannten „Irregulären“ waren. Sie hatten einen befristeten Arbeitsvertrag. Der Kapitän selbst hatte einen nur auf ein Jahr befristeten Arbeitsvertrag mit einem sehr niedrigen Lohn. Er soll nur dem Namen nach Kapitän gewesen sein, ohne Autorität. Unter solchen Arbeitsbedingungen entstehen kein Engagement, keine starke Bindung an das Schiff und auch kein Gefühl der Verantwortung. So rettet man zunächst sich selbst, wenn es geht. Der eigentliche Mörder ist nicht der Kapitän, sondern das neoliberale System. Hier kann man von einer systemischen Gewalt sprechen, auf die solche Unfälle zurückgehen.

Eine Festanstellung ist in Korea heute sehr rar. Die Arbeitswelt besteht zunehmend aus „Irregulären“. Allgemeine Befristung der Arbeit zerstört aber die Moral. In Südkorea wurde die Festanstellung radikal abgeschafft durch die neoliberale Agenda, die im Zuge der Asienkrise auf den Druck des IWF rigoros durchgesetzt wurde. Davor war das Arbeitsverhältnis praktisch unkündbar. Seit der Neoliberalisierung der Wirtschaft ist das soziale Klima in Südkorea sehr rauh und unmenschlich. Jeder denkt nur noch an sich, an sein eigenes Überleben. Der Gemeinsinn zerfällt.

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