11.07.2006 · Nur zwei Jahre nach Zuerkennung des Titels „Unesco-Welterbe“ droht dem Dresdner Elbtal schon wieder die Aberkennung: Ein Unesco-Komitee hat die einmalige Flußlandschaft auf ihre Rote Liste gefährdeter Welterbe-Stätten gesetzt.
Die Kulturlandschaft Dresdner Elbtal kommt wegen eines geplanten Brückenbaus auf die Rote Liste gefährdeter Welterbe-Stätten. Das entschied das Unesco-Welterbekomitee am Dienstag in Litauens Hauptstadt Vilnius. Damit droht dem Elbtal die Aberkennung des prestigeträchtigen Welterbe-Status.
Experten befürchten die Zerstörung der barocken Stadtsilhouette, die mit der Frauenkirche erst seit wenigen Monaten wieder komplett ist. Das Komitee forderte Deutschland deshalb dringend auf, das Bauvorhaben „Waldschlößchenbrücke“ in Dresden zu stoppen und bis zur nächsten Komitee-Sitzung 2007 nach alternativen Lösungen zu suchen, um den Schutz der Kulturlandschaft Dresdner Elbtal sicherzustellen.
Eine letzte Chance für Dresden
Die 21 gewählten Vertreter der 182 Vertragsstaaten der UNESCO- Welterbekonvention zeigten Dresden mit der Aufnahme in die Rote Liste gewissermaßen die Gelbe Karte: Statt dem Elbtal sofort den Titel Weltkulturerbe abzuerkennen, bekommt Dresden noch eine letzte Chance. Dabei hatte die rund 20 Kilometer lange Flußlandschaft im Stadtgebiet erst vor zwei Jahren, im Juli 2004, den begehrten Titel bekommen. Nach dem Kölner Dom, der am Montag nach zwei Jahren wieder von der Roten Liste gestrichen worden war, steht damit nun abermals ein deutsches Kulturdenkmal auf der Roten Liste.
„Die Entscheidung ist eindeutig. Wir sind gut beraten, sie sehr ernst zu nehmen“, sagte der Präsident der Deutschen Unesco-Kommission, Walter Hirche. Die zuständigen Stellen auf Bundes-, Landes- und Stadtebene seien aufgefordert, die weiteren Schritte gemeinsam zu beraten. „Wenn Dresden den Baubeginn mit unveränderten Plänen forcieren sollte, würde dies mit großer Wahrscheinlichkeit den Verlust des Titels bedeuten“, sagte der Sprecher der Deutschen Kommission, Dieter Offenhäußer. Dies wäre ein beispielloser Vorgang in der 30jährigen Geschichte der Welterbe-Konvention, der dem internationalen Ansehen Deutschlands als Kulturnation erheblich schade.
Alternativen spielten keine Rolle
„Welterbe bedeutet, daß vor Ort nicht ohne Einbeziehung der weltweit geltenden Regeln entschieden werden kann“, hieß es in der Erklärung des Komitees. Die Stadt, die die Notwendigkeit der Brücke unter anderem mit einer Entlastung der Innenstadt vom Verkehr begründet, war bis zuletzt nicht davon ausgegangen, daß das Unesco-Komitee Titel und Brücke für unvereinbar halten könnte. Sie hielt an der nach Meinung von Kritikern an der sensibelsten Stelle geplanten Elbquerung fest. Alternativen spielten keine Rolle. Die Stadtväter verweisen zudem auf den Bürgerentscheid vom Februar 2005, bei dem mehr als zwei Drittel für die Brücke votierten. Allerdings ist auch die damalige Fragestellung umstritten. Für den 19. Juli ist nun eine Sitzung des Wirtschaftsförderungsausschusses angesetzt, auf der über die Vergabe der Bauleistungen für die Brücke entschieden und ein möglicher Baubeginn festgelegt werden soll.
Dresden werde auch ohne Welterbe-Titel weiter Touristenmagnet sein, meinte FDP-Stadtrat Holger Zastrow. „Dresden ist kein riesiges Freiluftmuseum unter Denkmalschutz. Was für Dresden am besten ist, entscheiden zuerst die Dresdner vor Ort nicht aber Bürokraten im 870 Kilometer fernen Vilnius.“ Für die Stadt und den suspendierten und wegen Untreue angeklagten Oberbürgermeister Ingolf Roßberg (FDP) ist die achte Stadtbrücke ein Prestigeobjekt. Seit 1859 wird regelmäßig darum gestritten. In den Bewerbungsunterlagen um den Welterbe-Titel war die Brücke vermerkt. Ein halbes Jahr nach Verleihung des Titels äußerte das Unesco-Welterbezentrum Paris in einem Brief an das Auswärtige Amt Sorge, die Brücke könne den freien Blick auf Elbhänge und Stadt beeinträchtigen. Der für den 22. März 2006 geplante Baubeginn wurde verschoben. Kritiker sehen - bestätigt von Gutachten - gravierende „visuelle Auswirkungen und irreversible Schäden“ für die besonderen Qualitäten des Elbtals. Unterstützung kam von prominenten Persönlichkeiten aus München und Berlin.
Das Unesco-Komitee will auf der nächsten Tagung im Sommer 2007 erneut über den Welterbestatus des Dresdner Elbtals beraten. Die Frist für die Stadt, dem Welterbezentrum einen Bericht über die ergriffenen Maßnahmen vorzulegen, läuft bis Februar 2007. Hilfreich sei ein Blick nach Köln, sagte Kommissions-Sprecher Offenhäußer. Nach viel Wirbel auf diplomatischen Parkett und langen Diskussionen hatte die Stadt ihre Baupläne für Hochhäuser gekippt und den Weg für die Rehabilitation des weltbekannten Kölner Doms frei gemacht.
Mit UNESCO keine Welterbe
Tobias Braun (elbarune)
- 11.07.2006, 21:45 Uhr
Welterbe-Zerstörung finanziert vom deutschen Steuerzahler
Dietrich Herrmann (herrmann)
- 11.07.2006, 23:41 Uhr