Home
http://www.faz.net/-gqz-zi7t
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 11. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Unesco-Konferenz Welterbe hinter Stacheldraht

25.07.2010 ·  Unter den neunhundert Unesco-Welterbestätten finden sich nur wenige, die an Inhumanität und Verbrechen erinnern. Und Deutschland hat noch gar keine solche Gedenkstätte beantragt. Heute beginnt in Brasilien die Welterbe-Konferenz der Unesco.

Von Andreas Lorenz-Meyer
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Hans-Christian Täubrich leitet das Dokumentationszentrum des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes in Nürnberg. Ihn erreichte im Juli 2008 der Antrag einer Arbeitsgruppe im Nürnberger Stadtrat, die aus Vertretern von FDP, Freien Wählern und Öko-Demokraten besteht. Sie hatten sich vorgenommen, das Gelände zum Unesco-Welterbe erklären zu lassen. Zuvor war Nürnberg bereits mit einer Kandidatur der Altstadt gescheitert. Täubrichs Reaktion: „Das hätte wie ein verzweifelter zweiter Anlauf gewirkt. Ausgerechnet mit dem Reichsparteitagsgelände! Hier liegen die Wurzeln für die Zerstörung der Nürnberger Altstadt.“

Zudem befürchtete Täubrich Irritationen bei den Nachfahren der Opfer der Nazi-Diktatur, die das Dokumentationszentrum besuchen: „Wie soll man denen erklären, warum ausgerechnet dieser Ort zum Weltkulturerbe zählen sollte? Man kann nicht noch ausführlich erklären, dass damit der verantwortungsbewusste Umgang mit dem Gelände in den letzten zehn Jahren gemeint ist.“ Ähnlich sah es das mit Horst Seehofer und Charlotte Knobloch besetzte Stiftungs-Kuratorium; es lehnte den Antrag der Arbeitsgruppe einstimmig ab.

Für Auschwitz wurde eine Ausnahme gemacht

Das Welterbe-Abkommen von 1972 schließt Gedenkorte nicht aus, doch bis heute findet sich gerade mal eine Handvoll dieser „Memory Sites“ unter den beinahe neunhundert Welterbestätten. Als Erste wurde 1978 die Sklaveninsel Gorée vor der Küste Senegals zum Welterbe erklärt, ein Jahr später kam auf polnischen Antrag das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau hinzu - gemäß „Kriterium VI“, das Schauplätze nennt, die „Ereignisse von außergewöhnlicher universeller Bedeutung“ bezeugen. Die strengen Unesco-Statuten lassen einen Antrag, der allein darauf gründet, normalerweise gar nicht zu. Für das Verbrechen, das mit dem Namen Auschwitz verbunden ist, wurde jedoch eine Ausnahme gemacht.

1996 beantragte Japan für die am 6. August 1945 ausgeglühte Atomruine der Handelskammer von Hiroshima einen Listeneintrag. Die Bewerbung ging zurück auf die verspätete japanische Unterzeichnung der Unesco-Konvention im Jahr 1992 und den Appell von 1,65 Millionen Japanern, das Friedensdenkmal zum Weltkulturerbe zu ernennen. Das geschah dann auch. Allerdings fiel der Beschluss nicht einstimmig aus, weil die amerikanische Delegation die Unterstützung verweigerte, solange die „historische Perspektive“, sprich ein Eingeständnis der Kriegsschuld Japans fehle. Deshalb meldete auch China Bedenken an.

Auf Robben Island an Nelson Mandela denken

Drei Jahre danach setzte die Unesco eine Insel als „Triumph der Freiheit“ auf die Liste: Robben Island vor der Küste Südafrikas, wo Nelson Mandela achtzehn seiner siebenundzwanzig Haftjahre verbracht hatte. In den letzten Jahren kamen mit James Island in Gambia (2003) und Aapravasi Ghat auf Mauritius (2006) zwei exemplarische Orte des Kolonialismus dazu. Auch hier kamen die Bewerbungen aus den Herkunftsländern der Sklaven, nicht aus denen der früheren Sklavenhalter.

Die 185 Nationen der Welterbe-Gemeinschaft halten sich mit der Nominierung von Gedenkstätten, die auf dunkle Kapitel der eigenen Geschichte verweisen, auffällig zurück. Das möchte Steffen Noack von den Unesco-Projektschulen, einem weltweiten Netzwerk, ändern. Er nennt gleich ein Dutzend welterbereifer Kandidaten: die Orte des GULag in der Sowjetunion, die Hinrichtungsstätten des Pol-Pot-Regimes in Kambodscha, aber auch Werke aus Malerei und Literatur wie Picassos „Guernica“ oder Solschenizyns „Archipel GULag“.

Konzentrationslager Buchenwald auf die Welterbeliste?

Norbert Kampe von der Gedenk- und Bildungsstätte im Haus der Wannseekonferenz hat bisher keine Pläne für einen Welterbeantrag seiner Institution in der Schublade. „Eine derartige Idee ist noch nie an mich herangetragen worden, doch die symbolische Wirkung des Titels wäre vermutlich erheblich und würde den Ort und unsere Erinnerungsarbeit aufwerten. Ich kann mir allerdings keinen Alleingang einer Gedenkstätte vorstellen. Sachsenhausen, Ravensbrück oder Buchenwald könnten denselben Status beanspruchen.“

Nahe bei Weimar, dessen Klassik- und Bauhaus-Stätten schon Welterbe sind, liegt das Konzentrationslager Buchenwald. Soll es auf die Welterbeliste? Oberbürgermeister Stefan Wolf, der im Stiftungsrat der Gedenkstätte sitzt, sagt dazu: „Wenn wir Weimar als einen Lernort verstehen, dann gehört Buchenwald genauso dazu wie das Werk Goethes, Schillers und Herders und das Bauhaus mit seiner neuen, zivilen Definition von Kultur.“ Einen Antrag aber gibt es nicht.

Günter Morsch von der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten hat auch noch keinen Antrag für die Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück gestellt: „Wir sind skeptisch, dass nach Auschwitz ein zweites Konzentrationslager aufgenommen wird.“ Doch spätestens mit dem absehbaren Ende der Zeitzeugenschaft, wenn „die baulichen Zeugnisse der NS-Verbrechen noch zentraler für unsere Erinnerungskultur“ würden, fiele es „mit einem Welterbetitel leichter, sie zu erhalten“.

Gedenkstätten müssen exemplarisch bleiben

Birgitta Ringbeck, seit 2001 die Beauftragte der Kultusministerkonferenz für das Unesco-Welterbe, hat bei ihrer Arbeit die Vorschlagsliste fest im Blick. Sie ist das imaginäre Wartezimmer für Welterbeanwärter: Wer draufsteht, kommt irgendwann auch dran. Mittlerweile ist das Wartezimmer etwas eingestaubt, denn seit 1998 wird streng nach Reihenfolge vorgegangen - höchstens eine Kultur- und eine Naturstätte pro Jahr. Warum so selten Gedenkstätten nominiert werden? Birgitta Ringbeck erklärt: „Ich hätte große Schwierigkeiten, wenn Konzentrationslager wie Schlösser in Serie nominiert werden. Gedenkstätten müssen exemplarisch bleiben. Das darf nicht normal werden.“

Mit dem 2008 beschlossenen neuen Gedenkstättenkonzept verpflichtet sich der Bund, auch an das Unrecht der SED-Diktatur zu erinnern. Doch wie sind die beiden deutschen Diktaturen zu gewichten? Siegfried Reiprich von der Gedenkstätte Hohenschönhausen, dem zentralen Untersuchungsgefängnis der Stasi in Berlin, hält nichts von Reihen- und Rangfolgen: „Es ist unmoralisch, die Opfer der beiden Diktaturen gegeneinander auszuspielen. Natürlich war die DDR nur ein Wurmfortsatz des totalitären Sowjetimperiums und um Größenordnungen weniger kriminell als die NS-Diktatur.“

Die Vorschriften der Unesco sind strenger geworden

Seit 2001 arbeitet der frühere Dissident Reiprich in Hohenschönhausen und beobachtet, „dass Hauptschüler aus Bayern mitunter mehr über die DDR wissen als Brandenburger Gymnasiasten“. Fatal sei gewesen, dass nach der Vereinigung eine wirksame strafrechtliche Aufarbeitung der SED-Verbrechen misslungen sei: „Wenn Mauerschützen mit einer Bewährungsstrafe davonkommen, dann kann das Töten ja nicht so schlimm gewesen sein. Die Opfer sind gewissermaßen selbst schuld.“ Diesbezüglich, meint Siegfried Reiprich, wäre die Ernennung Hohenschönhausens zum Welterbe ein Segen: „Dann bekämen alle Verharmloser von der Weltgemeinschaft gesagt: Dies ist ein Ort des Unrechts und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“

Im Jahr 2012 wird Bewegung in die deutschen Nominierungsgewohnheiten kommen. Bis dahin nämlich können die Bundesländer zwei Kandidaten für die neue Tentativliste benennen. Diese wiederum greift frühestens ab 2017, wenn die gesamte alte Kandidatenriege Welterbestatus erreicht hat. Nach einer nationalen Vorprüfung werden dann zwanzig Bewerber ausgewählt. Die Vorschriften der Unesco sind strenger geworden: Kirchen, Altstädte und Schlösser haben in den neuen Vorschlagslisten ausgespielt. Stattdessen sollen bisher unterrepräsentierte Kategorien aufgestellt werden. Damit steigen die Chancen, dass zum ersten Mal eine Gedenkstätte unter den deutschen Welterbe-Anwärtern sein könnte.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wulffs Ensemble

Von Martin Otto

Schon Bertholt Brechts Dogsborough konnte Geschenke guter Freunde nicht ablehnen. „Dieses Landhaus hätt’ ich nicht nehmen dürfen“, bekennt die an Reichspräsident Hindenburg angelehnte Figur. Mehr 5