04.07.2003 · Die Liste des Weltkulturerbes als Arche Noah, die auf Grund zu laufen droht: Mit den vierundzwanzig neuen Stätten in den Listen der Unesco droht dem Welterbe eine inflationäre Ausweitung, die seinen Schutz bedroht.
Von Dieter BartetzkoWahrlich weltumspannend ist, was vorgestern die Unesco in Paris als diesjährige Erweiterung ihrer Liste des globalen kulturellen Erbes vorgestellt hat: Stätten in Gambia und dem Sudan, in Kasachstan und Zimbabwe, in Israel, Rußland, Mexiko, China, Australien, der Mongolei, Italien, Südafrika, Vietnam und der Schweiz. Ebenso weitgespannt ist der von der Unesco zugrunde gelegte Kulturbegriff: Naturstätten wie das Drei-Flüsse-Gebiet von Yunnan in China oder der Monte San Giorgio im Tessin sind ebenso nobilitiert worden wie die Landschaftskünste der Gärten in Kew. Die prähistorischen Felshöhlen im indischen Bhimbetkasind werden genauso als unentbehrlich klassifiziert wie die mittelalterlichen Holzkirchen Südpolens oder die klassische Moderne der "Weißen Stadt" von Tel Aviv.
Aus achtunddreißig Kandidaten, vorgeschlagen von zweiunddreißig Ländern, hat die Unesco-Kommission nun vierundzwanzig Stätten ausgewählt. Bremen, das seinen Marktplatz mit Roland, Rathaus und Dom ins Rennen geschickt hatte, blieb auf der Strecke. Die Enttäuschung darüber hält sich in Grenzen. Nicht nur, weil andere, vor allem ostdeutsche, Städte mit weitaus größerem und gefährdeterem historischem Bestand eher der Unesco-Betreuung bedürfen. Wichtiger noch ist, daß der verpaßte Aufstieg Bremens eine zaghafte Tendenz der Erbbeschützer zu strengerer Auswahl andeutet: Denn dem Welterbe droht eine inflationäre Ausweitung, die am Ende jede Besonderheit nivellieren und Schutz verhindern könnte - wo alles annähernd Historische als schützenswert betrachtet wird, kann nichts wirklich geschützt werden.
Mehr als halb voll
Die Liste der Unesco ist für viele von der Arche Noah zum Traumschiff für Pauschalreisende geworden. Deshalb erklärte Bremens Oberbürgermeister Henning Scherf mit den Worten: "Das Glas ist halb voll", man werde es im nächsten Jahr wieder versuchen. Doch dieses Traumschiff ist - mit nunmehr 582 Kultur-, dreiundzwanzig "gemischten" und 149 Naturstätten von "außergewöhnlichem universellen Wert" - nicht nur bereits viel mehr als halb voll, es ist auch kurz davor, auf Grund zu laufen.
Das bezeugt der vordergründig so ermutigende Beschluß, die Ruinen von Assur im Irak und das Tal von Bamian in Afghanistan sowohl auf die Liste des Welterbes wie auch auf die rote Zusatzliste bedrohter Stätten zu setzen: Machtlos wie die Mannschaft einer havarierten Arche mußte im März 2001 das Unesco-Komitee zusehen, wie unter dem Regime der Taliban fanatische bewaffnete Lumpen unter dem Vorwand religiösen Eiferertums die beiden monumentalen Buddha-Statuen des zweiten und vierten Jahrhunderts nach Christus im Tal von Bamian in die Luft sprengten. Gottergeben und sanftmütig wie einst Noah nach der Sintflut betrauerte man den Verlust und fing von vorn an: "Die Übergangsregierung in Kabul", so erklärte Anfang 2002 Paul Bucherer, der Leiter des Schweizer Afghanistanmuseums, der im Auftrag der Unesco in Bamian gewesen war, "betrachtet den Wiederaufbau der weltberühmten Statuen als absolute politische Priorität."
Klägliche Reste
Es folgten Pläne, die vernichteten Skulpturen wenige Meter vom ursprünglichen Standort zu rekonstruieren und die schartigen Felsnischen der Originale zum Zeichen der Mahnung leer zu lassen. Doch im Bamian-Tal ist seither nichts geschehen; die kläglichen Reste der beiden originalen Buddhas drohen in ihren Nischen von der Wand zu stürzen. Die sie umgebenden Fresken verwittern, rings um die Kultstätten floriert Raubgräberei.
Dasselbe Bild in Assur: Die Ruinenstätte am Ufer des Tigris, erste Hauptstadt des antiken assyrischen Reichs, zwischen 1903 und 1914 zuerst von deutschen Archäologen, dann nach 1945 vom irakischen Antikendienst systematisch ausgegraben, mit Stufentempeln, Palästen, Bastionen und Kanälen prunkend, war lange Zeit von einem Staudammprojekt bedroht. Es ist durch den zweiten Irak-Krieg und die amerikanische Besatzung vorläufig gestoppt. Nicht gestoppt, sondern sogar aufgeblüht sind dagegen die systematischen Plünderungen der Ruinen. Sie und auch der gravierende Verfall der Relikte werden von Assurs Spitzenplatz auf der Roten Liste so unberührt bleiben, wie die amerikanische Heeresführung ungerührt blieb, als die Unesco ihr zu Beginn des Irak-Kriegs Listen jener Kulturstätten überreichte, die unbedingt zu schonen seien.
Enervierend blind
Offenkundig ebenso ungerührt von all diesen desillusionierenden Erfahrungen erläuterte die Unesco ihren Beschluß von vorgestern als "politisches Signal", das "die Hoffnung der internationalen Gemeinschaft symbolisiert, daß sich Handlungen wie die vorsätzliche Zerstörung der Buddha-Statuen niemals wiederholen". Das ist Idealismus, so zu Herzen gehend, aber auch so enervierend blind wie der des greisen Noah, der unendlich geduldig die zerstörte Welt heilen wollte und den seine Söhne, begierig neuen Ufern zustrebend, samt seiner Liebe zum Althergebrachten hinter sich ließen. Einer ihrer Nachkommen, so meldet die Bibel, war Nimrod, der große Eroberer, Zerstörer - und Gründer Babylons. Auf ihn berief sich Saddam Hussein, unter dessen Diktatur Welterbestätten bedenkenlos zu touristischen Attraktionen ausgebaut oder, wie Assur, dem sogenannten Fortschritt preisgegeben wurden.
Wer bewahrt das Welterbe davor, zum Spielball der Politik oder zur Mehrzweckwaffe im Wettkampf des Welttourismus zu werden? Dazu bedürfte es eines Verantwortungsbewußtseins und eines Einverständnisses aller Länder, wie sie die Weltgeschichte bisher noch nicht verzeichnet hat. Einstweilen also bleibt es bei der geistigen Sintflut, die im Zeichen des Hier und Jetzt heute Denkmäler schützt und morgen preisgibt - und in der die nußschalengroße Arche namens Welterbeliste, soll sie nicht zum Handbuch für Sonntagspredigten verkommen, mit Sorgfalt und Strenge geführt werden muß.