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Veröffentlicht: 22.02.2012, 13:43 Uhr

Umgang mit Aufmerksamkeitsstörungen Ich habe ADHS oder Vom Leben in einer linearen Welt

Pharma-Verteufelung und Verschwörungstheorien: Die Behauptung, es gebe gar kein „Aufmerksamkeits-Defizit“ und keine „Hyperaktivitäts-Störung“, ist unhaltbar.

von Christopher Lauer
© dapd Der Autor im Berliner Abgeordnetenhaus

Ich lebe seit Mitte 2011 mit einer ADHS- Diagnose. Aber die „Aufmerksamkeits-Defizits-Hyperaktivitäts-Störung“ ist doch eine Kinderkrankheit! Nein, ist sie nicht. Ich nehme Methylphenidat. Aber das ist doch ein Medikament, um Kinder ruhigzustellen! Nein, ist es nicht. Aus meinem subjektiven Empfinden kann ich sagen: Methylphenidat hilft mir, in gewissen Situationen den Alltag sozialverträglicher zu bewältigen. Das ist alles.

Ich nehme Methylphenidat nicht gegen ADHS, denn ADHS war 27 Jahre mein Normalzustand. Ich nehme es wegen ADHS, als Zugeständnis an eine Gesellschaft, in der 95 Prozent der Erwachsenen eben keine ADHS haben. Mein Leben hat sich sowohl durch die Diagnose als auch durch die Einnahme von Methylphenidat zum Positiven verändert. Wenn ich einen der vielen Texte lese, die behaupten, wir lebten in einer Welt, in der wilde Kerle nicht mehr gebraucht und sie deswegen mit Medikamenten ruhiggestellt würden, werde ich wütend. Erstens gibt es beispielsweise in Berlin genug männliches Jungvolk, das nicht müde wird, im öffentlichen Raum seine Männlichkeit zur Schau zu stellen. Zweitens machen die richtig wilden Kerle heute vielleicht keinen Wanderausflug mit Baumbekletterung mehr, sondern sie programmieren etwas oder werden Mitglied einer Partei. Wir sollten uns alle darüber freuen, in einer Gesellschaft zu leben, in der man die Fähigkeiten, auf die Jagd zu gehen oder Krieg führen zu können, nicht mehr braucht.

Das ändert aber nichts daran, dass Kinder und Erwachsene ADHS haben. Auch Frauen. Selbst ich hielt dieses Syndrom lange Zeit für eine Modeerscheinung. Die Schlussfolgerung liegt ja auch nahe: Eine Krankheit, die es vor wenigen Jahren so noch nicht zu geben schien, poppt auf, es gibt auch ein Medikament dagegen, also muss ja die Pharmalobby dahinterstecken, also muss es sich bei ADHS um eine Modeerscheinung handeln. Vielleicht ist die bessere Erklärung, dass sich die Schulmedizin stärker mit ADHS auseinandergesetzt hat. Methylphenidat ist ein Generikum, sprich, es gibt keine Patente mehr darauf. Es wurde schon vor achtzig Jahren gegen Hyperaktivität eingesetzt.

Gefasel von einer Verschwörung der Leistungsgesellschaft

Die Berichterstattung über ADHS ist seit Jahren dieselbe Folklore. Da wird behauptet, Studenten putschten sich mit Methylphenidat auf, um leistungsfähiger zu sein. Da wird von abgemagerten Kindern berichtet, die nicht mehr essen. Hemmt Methylphenidat den Appetit? Ja. Aber trotzdem ist man in der Lage zu essen. Man muss es sich an manchen Stellen bewusster machen zu essen, nicht mehr, nicht weniger. Natürlich dürfen die Andeutungen nicht fehlen, man könne Methylphenidat zerhacken und wie Koks auf die Schleimhäute reiben. Wenn ich von „erheblichen Risiken“ lese, die verschwiegen würden, frage ich mich, welcher Arzt, der darum weiß, dies mit seinem hippokratischen Eid verantworten kann.

Auf der anderen Seite das vermeintliche Gegenprogramm: Nein, wir wollen unser Kind nicht ins Schema F pressen lassen, nein, wir verzichten auf Medikamente, nein, bei ADHS und Methylphenidat handelt es sich um eine große Verschwörung der Leistungsgesellschaft. Dass Methylphenidat nur bei ADHSlern konzentrationsfördernd wirkt, dass es auf lineare Menschen - so werden Nicht-ADHSler von ADHSlern zuweilen genannt - also komplett anders wirkt, wird nicht erwähnt. Das nennt man paradoxe Medikamentenwirkung. Warum verschreibt der Hausarzt denn nicht Frau Müller Methylphenidat bei Konzentrationsbeschwerden? Weil es bei fast allen Menschen eben nicht konzentrationsfördernd wirkt.

Wenn es hingegen fünf Prozent nicht diagnostizierte ADHSler im Erwachsenenalter gibt, dann finden sich naturgemäß Studenten, die von einer positiven Wirkung berichten. Hat jemand die Studenten, bei denen es nicht wirkt, befragt? Oder die ADHSler, bei denen Methylphenidat, auch das gibt es, nicht wirkt?

Wie möchte man die Welt erleben?

Hinter der rein deskriptiven Berichterstattung, die oft ein Extrembild zeichnet, verbergen sich persönliche Schicksale. Wenn ich ein Syndrom habe, das die Schulmedizin nicht trennscharf beschreiben kann, und ein Medikament, mit dem man negative Begleiterscheinungen des Syndroms behandeln kann, dann ist das für die Betroffenen erst mal ein großes Glück. Vielleicht macht es misstrauisch, dass eine Erkrankung und ihr Gegenmittel scheinbar aus dem Nichts aufpoppen. Soll man Betroffenen, weil man Gerüchte über ihre Krankheit gehört hat, die Behandlung verwehren?

Sicher gibt es Fehldiagnosen. Sicher gibt es Eltern und auch Kinder, die ADHS als Ausrede benutzen, um sich um was auch immer nicht kümmern zu müssen. Aber das gibt es bei anderen Krankheiten auch. Auch hier gilt: Wer will, findet Wege, wer nicht will, Gründe. Was genau ist denn der Vorwurf, der ADHSlern und Methylphenidat entgegengebracht wird, der sich in irgendeiner Form quantifizieren ließe? Dass sie ein Medikament nehmen, das anscheinend ohne größere Nebenwirkungen funktioniert?

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Wenn man versucht, die Situation objektiv zu betrachten, zeigt sich: Es gibt Menschen, die leiden mal mehr, mal weniger unter Symptomen, die sich unter dem Begriff ADHS zusammenfassen lassen. Damit kann man als Betroffener erst mal leben, stößt aber immer wieder auf Probleme, wenn man mit einer Welt konfrontiert wird, die nicht von ADHSlern gemacht worden ist. Die Welt ADHS-konform zu gestalten, wäre wahrscheinlich ein bisschen kompliziert. Also gehen ADHSler den Weg, unter anderem Methylphenidat zu nehmen. Nicht mehr, nicht weniger. Natürlich muss man die Medikamenteneinnahme reflektieren, sich kritisch damit auseinandersetzen, ob man die Welt so erleben möchte oder nicht. Es hilft auch, eine begleitende Gesprächs- oder Verhaltenstherapie zu machen. Kann ein Kind das tun? Mit Hilfe seiner Eltern sicherlich.

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