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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Umfrage Woran glauben Sie, ohne es beweisen zu können?

 ·  Erlesene Forscher und Autoren geben Antworten auf die Glaubensfrage: von der Überversorgung mit Informationen, harmlosen Handys, gottgläubigen Gelehrten und hirnlosen Ideologien.

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Es kann aufregender sein, das neue Jahr mit einer guten Frage zu beginnen als mit einem guten Vorsatz. John Brockman macht es nun schon zum achten Mal. Der New Yorker Literaturagent und Pionier einer „Dritten Kultur“, in der Geistes- und Naturwissenschaft wieder verschmelzen sollen, hatte zuerst 1998 einer erlesenen Runde von Forschern und Autoren eine Frage gestellt. Damals lautete sie: „Welche Fragen stellen Sie sich selbst?“

Inzwischen hat Brockman auf der Internetseite seiner Intellektuellenstiftung namens „Edge“ (http://www.edge.org/) ein „Weltfragenzentrum“ eingerichtet. Daß sich die Frage des Jahres 2005 auf das Glauben bezieht, ist, da Amerika gerade sein gläubiges Gesicht gezeigt hat, kein Zufall. Doch was glauben die so vernunftgetriebenen Wesen der „Dritten Kultur“? Wir dokumentieren einige der Antworten auf die Frage, woran man glaube, auch wenn man es nicht beweisen könne (F.A.Z.)

Judith Rich Harris: Hell und haarlos fanden wir schön

Ich glaube, daß drei Selektionsmechanismen die menschliche Evolution bestimmt haben. Wir wissen bisher, daß es eine natürliche Auslese gibt, die „fitness“ prämiert, und daß es eine sexuelle Auslese gibt, die Attraktivität prämiert. Das dritte Selektionsprinzip, das ich vermute, prämiert Schönheit, aber nicht die von Erwachsenen.

Ich nenne es die Selektion der Eltern, weil ich glaube, daß die Neigung Neugeborene zu töten, die zu einer ungünstigen Zeit auf die Welt gekommen sind, in der Menschheitsgeschichte mitunter aus ästhetischen Rücksichten zurückgestellt worden ist: wenn das Kind auffällig aussah. Das könnte erklären, warum die Europäer sich in so kurzer Zeit von ihren afrikanischen Vorfahren durch die Helle ihrer Hautfarbe unterschieden und sich der Homo sapiens durch auffällig geringe Behaarung gegenüber seinen tierischen Ahnen und vermutlich auch gegenüber dem Neanderthaler auszeichnete. Noch aber wissen wir nicht einmal, ob der Neanderthaler ein Fell besaß.

Die Autorin ist Entwicklungspsychologin.

Randolph Nesse: Glauben heißt später sterben.

Ich glaube, daß man als Mensch grundsätzlich einen Vorteil davon hat, an Dinge zu glauben, die man nicht beweisen kann. Menschen, die an etwas Falsches glauben, sind oft erfolgreicher als solche, die immer einen Beweis für etwas brauchen, bevor sie es glauben oder bevor sie handeln. Menschen, die ab und an von ihren Gefühlen überwältigt werden, ergeht es im Leben besser als solchen, die stets akribisch planen. An Dinge zu glauben, die man nicht beweisen kann, bietet vielleicht sogar einen Überlebensvorteil, ja ich glaube, daß unsere Befähigung zu intensivem Fühlen und leidenschaftlichen Überzeugungen sich im Lauf der Evolution deswegen durchgesetzt hat

Der Autor ist Psychologe an der Universität von Michigan.

Susan Blackmore: Glücklich, ganz ohne freien Willen

Ich glaube, daß es möglich ist, glücklich und gemäß moralischen Prinzipien zu leben, ohne an den freien Willen zu glauben. Nach mehrjährigen Bemühungen in diese Richtung habe ich das Gefühl, einen freien Willen zu haben, völlig verloren. Meine Mitmenschen sagen, daß das unmöglich ist, daß ich lüge und mich nur absichtsvoll selbst täusche, damit meine Theorie nicht zusammenbricht. Aber das stimmt nicht. Wenn das Gefühl des freien Willens weg ist, trifft man Entscheidungen, ohne den Eindruck zu haben, jemand treffe sie. Können solche Entscheidungen moralisch ausfallen? Ich glaube, daß die Mystiker und die Buddhisten uns vorgemacht haben, daß dies möglich ist. Viel schwerer fällt es mir, das Gefühl eines bewußten inneren Selbst ganz aufzugeben. Ich scheine einfach weiter zu existieren.

Die Autorin ist Psychologin an der Universität Bristol.

Thomas Metzinger: Es wird hirnlose Ideologien geben

Ich glaube, daß binnen fünfzig Jahren ein Durchbruch bei der Erklärung des Bewußtseins gelingen wird. Es wird dann fundamentalistische Widerstandsbewegungen gegen das wissenschaftliche Bild vom Menschen geben. Gleichzeitig werden neue Ideologien entstehen, die vulgäre Formen des Materalismus und primitiven Hedonismus predigen.

Spätestens dann werden Wissenschaftler einsehen, daß sie nicht einfach reduktionistische Erklärungen des Geistes in die Welt setzen und die Bewältigung der Folgen anderen überlassen können. Es wird Bewußtseinstechnologien geben, die mit wachsender Perfektion eine Einflußnahme auf neuronale Korrelate erlauben. Für diese neuen Technologien brauchen wir eine neue angewandte Ethik und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Frage, was eigentlich einen „wünschenswerten“ Bewußtseinszustand ausmacht.

Der Autor lehrt Philosophie in Mainz.

Freeman Dyson: 131072 wird niemals durch 5 teilbar sein

Als Mathematiker kann ich diese Frage exakt beantworten. Ich behaupte etwas, das unbeweisbar und einfach genug ist, um auch von Leuten verstanden zu werden, die keine Mathematiker sind. Nämlich: Einfache Potenzen von 2 sind 2, 4, 8, und so weiter: Einfache Potenzen von 5 sind 5, 25, 125 und so fort. Nun nehmen wir eine solche einfache Potenz von 2, zum Beispiel 131072 und drehen die Ziffernfolge um: 270131.

Meine Behauptung lautet: Es kommt niemals vor, daß die Umkehrung einer Potenzzahl von 2 eine Potenzzahl von 5 ist. Die Ziffernabfolge einer hohen Potenz von 2 scheint zufällig. Es wäre sehr unwahrscheinlich, daß ihre Umkehrung ausgerechnet einer Potenz von fünf entspräche und desto unwahrscheinlicher, je höher die Zahl ist. Beweisen kann ich das nicht. Denn jeder Beweis müßte annehmen, daß die Ziffernabfolge der Potenzen doch einem nichtzufälligen Muster folgt.

Die Annahme ihrer Zufälligkeit bedeutet, daß die Behauptung wahr ist, weil die Wahrscheinlichkeit dafür spricht. Aber sie kann nicht bewiesen werden, denn es gibt keine tieferen Grund dafür, daß sie wahr sein muß. (Für Experten: Das Ganze funktioniert nicht, wenn man statt Potenzen von 5 solche von 3 nimmt, denn die Umkehrung einer Ziffernfolge, die durch 3 teilbar ist, ist ebenfalls durch 3 teilbar. Teilbarkeit durch 3 ist eine nichtzufällige Eigenschaft von Ziffernfolgen.)

Der Autor arbeitet am Institute for Advanced Studies in Princeton.

Esther Dyson: Wir leiden an mentaler Diabetes

Ich glaube, daß sich unser Denken auf immer kürzere Zeiträume beschränkt. Früher haben Maschinen die Arbeit automatisiert, heute automatisieren Maschinen die Produktion von Informationen, die Aufmerksamkeit binden und uns die Zeit nehmen. Die stillen Phasen im Alltag sind verschwunden. Heute gilt jede Minute, die wir nicht beschäftigt sind, als verschwendet. Das beeinflußt das Denken und führt zu etwas, was ich mentale Diabetes nenne. Unsere Kinder leben in einer informationsgesättigten Umwelt, die ihre Vorstellungskräfte ersetzt anstatt sie zu stimulieren. Ich glaube, daß die ständige Verfütterung von Informationen ähnliche Auswirkungen hat wie die Übernährung mit Süßem.

Die Autorin sitzt im Beirat der „Long Now Foundation“.


Carlo Rovelli: Uhrmacher sind oberflächliche Wesen


Ich bin überzeugt, daß es keine Zeit gibt. Das soll heißen: Man kann über die Natur auf eine völlig schlüssige Weise nachdenken, ohne dabei Zeit und Raum vorauszusetzen. Und es wird sich zeigen, daß es sinnvoll ist, so über die Natur nachzudenken. Die Begriffe „Zeit“ und „Raum“ verhalten sich zur Natur wie der Begriff „Wasseroberfläche“ zu den einzelnen Atomen aus denen Wasser und Luft bestehen. Wenn man nur ganz genau hinschaut, gibt es keine Wasseroberfläche, sondern nur einen ständigen Austausch von Teilchen. Zeit und Raum sind also nichts als bequeme Redeweisen, um sich die Wirklichkeit zurechtzulegen.

Der Autor ist Physiker in Marseille.

Steve Pinker: Der Planet der Opportunisten

Ich glaube, daß psychologische Eigenschaften des Menschen Anpassungen sind, die sich im Lauf der Evolution entwickelt haben. Neue Techniken der Genomanalyse werden es ermöglichen, die Spuren der evolutionären Selektion im Erbgut sichtbar zu machen. Dann wird man zeigen können, daß viele Gene, die eine Rolle in der Kognition und bei Emotionen spielen, sich nur bei Primaten oder sogar nur beim Menschen durchgesetzt haben.

Der Autor ist Neurobiologe in Harvard.

Tom Standage: Handys machen mich nicht nervös

Ich glaube, daß die von Mobiltelephonen ausgehende Strahlung harmlos ist. Diese Annahme kann leider nie letztgültig wissenschaftlich bewiesen werden. Doch es hat schon so viele überflüssige Warnungen gegeben hat, vor Hochspannungsleitungen oder vor Computerbildschirmen. Früher dachte man, Telegraphenleitungen beeinflussen das Wetter und Eisenbahnfahrten verursachen nervöse Störungen. Diese Technologieangst gehorcht einem Muster: Am Anfang gibt es geringfügige Hinweise auf Gefahren, dann wird geforscht, mit dem Ergebnis, daß keine Gefahr besteht - und trotzdem gibt sich damit niemand zufrieden.

Tom Standage arbeitet als Wissenschaftsjournalist für „The Economist“.

David Myers: So viel über dich und mich

Als christlicher Monotheist halte ich allem voran zwei unbewiesene Annahmen für wahr. Erstens: Es gibt einen Gott. Zweitens: Ich bin es nicht (und Sie sind es auch nicht).

Der Autor lehrt Psychologie am Hope College.

Alle Texte aus dem Englischen übersetzt von Christian Schwägerl und Jürgen Kaube.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2005, Nr. 2 / Seite 36
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