Für den Fall, daß die ARD sich einmal nach einem neuen Talkformat umsehen sollte, hätten wir einen Vorschlag. Wie wäre es, zum Beispiel, anstelle von „Herman & Tietjen“ mit „Pleitgen & Plog“? Die beiden werden ja nicht mehr ewig Intendanten bleiben, und da böte es sich doch an, im Ersten auf einer anderen Spielwiese weiterzumachen. So wie Ulrich Wickert, der heute abend nach fünfzehn Jahren zum letzten Mal die „Tagesthemen“ moderiert, aber beileibe nicht aufhört, sondern mit „Wickerts Bücher“ auf dem Bildschirm bleibt.
Unterhaltsam sind Pleitgen & Plog, sogar sehr, charmant und sie haben Humor. Elder statesmen, wie sie im Buche stehen. Das sind übrigens alles Qualitäten, die die beiden am Dienstag abend auf dem Abschiedsempfang zu Wickerts Ehren beim NDR in Hamburg dem Moderator bescheinigten. Am Ende waren sie alle von sich selbst ein wenig gerührt.
Was für ein guter Schlips
Und das mit Recht, denn nicht alles, was bei der ARD entsteht, ist von solcher Dauer und Qualität wie Wickert. „Born to be an anchor“ - das sei, nein, nicht Wickert, sondern dessen Nachfolger Tom Buhrow, meinte Pleitgen. Doch da hatte er über den Kollegen schon soviel Gutes gesagt, daß man davon ausgehen darf, daß er die beiden für geborene Nachrichtenmoderatoren hält. Und da stand der NDR-Intendant Jobst Plog nicht an, etwas anderes zu behaupten. Ulrich Wickert, meinte Plog, „hilft uns, mit dem Tag Frieden zu machen“. Er sei einer der besten, den die ARD in die Hamburger Nachrichtenredaktion habe schicken können, charmant, gebildet, weltmännisch, unabhängig, ein Star, aber ein Teamplayer zugleich.
Und einer, der seinen Goethe kennt. Was man von den Kollegen und Zuschauern nicht unbedingt behaupten kann, wie Wickert leidvoll erfahren mußte. Da hatte er doch eines Abends in jede Zwischenmoderation einen Satz aus dem „Faust“ geschmuggelt und - was geschah? Folgendes: Am nächsten Morgen traf der Belesene einen Bekannten, vermeintlich homme de lettre wie er selbst, und der war ganz verzückt, geradezu aus dem Häuschen. Selten so was gesehen. Diese Farbkomposition! Doch er meinte nicht Goethes Farbenlehre, sondern Wickerts Schlips. „Was für ein guter Schlips!“
Was bleibt
Darauf reduziert zu werden ist nicht Wickerts Kragenweite, schon gar nicht nach fünfzehn Jahren bei den „Tagesthemen“. Und was bleibt von ihm als Korrespondent? Der wagemutige Fußmarsch durch das Verkehrschaos an der Place de la Concorde. Das machte den damaligen Paris-Korrespondenten berühmt. Wenn es geht, wie man es sich beim NDR vorstellt, könnte Wickert aber demnächst zu einer wirklich spektakulären Expedition aufbrechen - als Reporter auf den Spuren Joseph Conrads durch den Kongo „Ins Herz der Finsternis“.
Einer Bemerkung an diesem Abend möchten wir noch eine besondere medienpolitische Bedeutung beimessen. Sagte Fritz Pleitgen doch, man orientiere sich in der ARD bei der Pensionsgrenze bekanntlich nicht an einem „mittelständischen Medienunternehmen“ wie Bertelsmann, sondern am Vatikan. Das nur als Hinweis für die Rundfunkräte in Köln, die eifrig nach einem Nachfolger für den WDR-Intendanten suchen. Pleitgen ist schließlich erst achtundsechzig.