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Ukraine Striptease für die Freiheit

21.08.2011 ·  Die jungen Kiewer Frauen von „Femen“ bescheren dem Feminismus in ihrem autoritär regierten Land ungeahnte Aufmerksamkeit. Ihre Methoden sind äußerst unorthodox - und ziemlich wirksam.

Von Jonathan Widder
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Die Überzeugung, der Zweck heilige die Mittel, ist weit verbreitet im Osten Europas. Dass sie jedoch einmal zu solch kuriosen Entwicklungen führen würde, wie sie zurzeit in Gestalt der ukrainischen Frauengruppe „Femen“ zu erleben ist, das konnten selbst die hellsichtigsten Beobachter nicht vorhersagen.

Es ist morgens halb zehn in Kiew, ein bewölkter Augusttag, und über den Chreschtschatyk, den zentralen Boulevard der Stadt, schallen Stimmen aus Lautsprechern, zwischendurch ertönt Musik. Der Lärm kommt aus der Nähe des Petschersker Bezirksgerichts, wo gerade Julija Tymoschenko der Prozess gemacht wird. Die regierungstreue Justiz wirft ihr vor, zu ihrer Zeit als Ministerpräsidentin mit Russland einen ungünstigen Gasvertrag ausgehandelt zu haben.

Neben dem Gebäude stehen Zelte, Fahnen sind aufgesteckt, und zur Straße hin hängen Banner mit der Aufschrift: „Unsere Hoffnung ruht nur auf Tymoschenko!“, „Janukowitsch, Hände weg von Tymoschenko!“ oder „Die Mafia schüchtert Tymoschenko nicht ein“. Ein paar Dutzend Anhänger, vor allem ältere Herrschaften, lauschen dem Redner, der fordert, die „Banditen“ von der Regierung hinauszuwerfen: „Raus mit der Bande“; „Julia Tymoschenko hat das Land gerettet“; „Ruhm der Ukraine, Ruhm den Helden“. Das immer gleiche Gewäsch. Und zwischendurch wird die Nationalhymne gespielt.

Szenen vor dem Gericht

Noch grotesker ist die Szene ein paar Meter weiter. Direkt vor dem Eingang zum Gerichtsgebäude sind zwei weitere Blocks abgeteilt, beide so groß wie der für Tymoschenko; darin weht ein ganzes Meer von blauen, roten und schwarzen Fahnen, Polizisten bewachen den Zugang, und auf den schwarzen Bannern, die die Blöcke umgeben, steht weiß geschrieben: „Julia! Genug!“, oder: „Sie hat gestohlen“.

Dazu dröhnt aus einem mächtigen Lautsprecherturm die Stimme eines unsichtbaren Redners, der versucht, die Demonstranten neben ihm zu übertönen. Er brüllt etwas von Verantwortung und Patriotismus in den Kiewer Morgen hinein, er brüllt seine Parolen in die Köpfe der genervten Passanten, ganz offensichtlich in der Überzeugung, dass so ein Gerichtsprozess allein dann doch etwas zu schwach ist, um die Bevölkerung von der Richtigkeit seines Urteils zu überzeugen.

Man kann die ganze Verkommenheit dieses Prozesses schon an dieser einen Szene ablesen. Hier demonstriert eine Regierung für sich selbst. Sie versucht, ihrer gleichgeschalteten Justiz durch pure Lautstärke Legitimität zu verleihen. Viel armseliger kann sich ein vermeintlicher Rechtsstaat nicht geben.

Neue Protestform

Diese genauso klägliche wie unheimliche Polit-Routine wird unterbrochen, als plötzlich zwei junge Frauen auf einen der Gefangenentransporter klettern, die ein paar Meter weiter um die Ecke geparkt sind. Die beiden sind hübsch und schlank, haben außer Jeans und Schuhen fast nichts an, über den Kopf halten sie Transparente, auf denen steht: „Wil'na Kassa“ - „Freie Kasse“, und ihre nackten Brüste sind dadurch sehr gut sichtbar. Denselben Slogan rufen sie wieder und wieder in die Menge, zwischendurch fordern sie die umstehenden Fotografen und Polizisten mit einem Augenzwinkern auf, zu ihnen hochzuklettern und mitzumachen. Es dauert ein paar Minuten, bis drei Polizisten dann tatsächlich zu ihnen hochklettern - allerdings nur, um sie unter heftigem Widerstand nach unten zu zerren und festzunehmen. Das passende Fahrzeug steht schon bereit.

„Freie Kasse“, das soll heißen: Wenn Selbstbedienung aus den öffentlichen Kassen schon zur Tagesordnung gehört, dann soll sie doch für alle erlaubt sein und nicht nur für die Politiker, die gerade in der Regierung sitzen. Die Aktivistinnen protestieren also nicht etwa für Julija Tymoschenko, sondern nehmen die politische Kultur beider Clans aufs Korn, „zweier krimineller Vereinigungen“, die beide „unendlich weit entfernt“ seien „von den Bedürfnissen der einfachen Leute“.

Die beiden jungen Frauen heißen Inna Schewtschenko und Oksana Schatschko und sind Mitglieder von „Femen“, der etwas anderen Frauengruppe, die seit 2008 mit ihren Protesten die ukrainischen Gemüter erregt. Die Aktionen der Gruppe laufen fast immer nach dem gleichen Muster ab: Ein paar junge Frauen kommen an einen Ort, entblößen ihre Körper, schwenken Fahnen mit politischen Forderungen und skandieren die entsprechenden Parolen. Irgendwann werden sie von der Polizei abgeführt, meist aber schon bald wieder laufen gelassen.

Effizienter Körpereinsatz

Galten die ersten Aktionen der Gruppe noch dem Kampf gegen den Sextourismus, so hat die Gruppe ihren Themenkreis längst auf soziale Probleme aller Art erweitert. Sie demonstrieren gegen Bestechung und Vorteilsnahme im Hochschulwesen, indem sie vor dem Bildungsministerium Sex zwischen Professoren und Studentinnen simulieren; sie klemmen sich eine ukrainische Miniaturflagge zwischen die nackten Hinterbacken, um gegen den Stimmenkauf bei den nächsten Kommunalwahlen zu protestieren; oder sie lassen sich unbekleidet beim Pinkeln fotografieren, um auf die schlechte Versorgung Kiews mit öffentlichen Toiletten aufmerksam zu machen.

Unter Marketing-Gesichtspunkten ist ihre Strategie genial. Alle möglichen nationalen und internationalen Medien berichten mittlerweile über die ukrainische Frauengruppe, fast jeder in der Ukraine kennt sie. Wo andere kritische Stimmen Jahre brauchen, um ihre Positionen zu verbreiten, oder längst Janukowitschs Zensursystem zum Opfer gefallen sind, schaffen es die „Femen“-Frauen selbst unter repressiven Bedingungen noch, ihre Botschaften im Wochentakt unters Volk zu bringen, in allen Medien und zu den besten Sendezeiten.

Natürlich kommt diese Spielart des feministischen Protests nicht nur im Westen vielen Beobachtern völlig absurd vor; auch in der Ukraine verdrehen Vertreter aller Generationen immer wieder die Augen, wenn die Sprache auf die jungen Polit-Stripperinnen kommt. Und doch ist ihre Strategie weniger paradox, als es auf den ersten Blick scheinen mag.

„Sexismus mit Sexismus bekämpfen“

Unterhält man sich mit den jungen Frauen, dann zerbröckeln schnell alle Befürchtungen (beim ein oder anderen könnten es auch Hoffnungen sein), es handle sich hier um ein paar verwirrte Blondinen, die den Lockungen medialer Aufmerksamkeit nicht widerstehen können und die bloß noch nicht verstanden haben, dass der weibliche Körper ein Sakrament ist, welches ein ernsthafter Mensch nur in verhülltem Zustand anbetet.

Anna Hutsol, Gründerin und Leiterin von „Femen“, ist 26, klein und stämmig, hat kurze, rot gefärbte Haare, und wenn man ihre Gruppe vor einer Protestaktion durch die Kiewer Innenstadt begleitet, kann sie schon mal so zügig laufen, dass der Rest der Gruppe, auch wenn er sich beeilt, schnell mal fünf bis zehn Meter hinter ihr zurückbleibt.

„Sexismus mit Sexismus bekämpfen“, das ist ihr Motto. „Eine Frau“, sagt sie, „kann ihren Körper auch für nützliche Ziele einsetzen, nicht nur, um den Männern zu gefallen.“ Ihre Positionen, die denen vieler deutscher Feministinnen bis auf die strategischen Fragen ziemlich ähnlich sind, trägt sie mit Schärfe und Nachdruck vor. Nein, ein Objekt ist diese Frau ganz sicher nicht.

Tamara Martsenyuk, Gender-Expertin an der fortschrittlichen Kiewer Mohyla-Akademie, bezeichnet die Strategie von „Femen“ als „fundierten, postmodernen Grassroot-Feminismus. „Wenn Tierschützer in Westeuropa nackt gegen Pelzmäntel demonstrieren - warum sollen dann in der Ukraine nicht Feministinnen halbnackt für die Rechte der Frau auf die Straße gehen?“
Der Hintergrund solcher Aktionen ist in der Ukraine dennoch ein anderer als in Nord- und Westeuropa. Während bei uns die Forderungen der Frauenbewegung schon seit Jahrzehnten breit diskutiert werden und viele davon heute allgemein anerkannt sind, finden die Ideen der weiblichen Emanzipation in der Ukraine meist wenig Beachtung und werden immer wieder als westlicher Abweg abgetan.

Ein traditionsreicher Appell

Als nach dem Regierungswechsel im letzten Jahr der neue Premierminister Asarow gefragt wurde, warum seinem Kabinett nur Männer angehörten, antwortete er, Reformen durchzuführen sei eben keine Frauensache. Ein politisches Risiko ging er mit der Äußerung nicht ein. Sein Chef, Präsident Wiktor Janukowitsch, hatte noch im Wahlkampf verkündet: „Der Platz der Frau ist in der Küche.“

Als Reaktion auf Asarows Sexismus rief „Femen“ die Frauen und Geliebten der Minister zum Sexboykott auf. Ob der Appell erfolgreich war, ist allerdings nicht bekannt.
Sicherlich sind nicht alle Forderungen der Gruppe gleich überzeugend, manche wirken vor lauter Aktionismus wenig durchdacht. So fordern sie, die Visumsbedingungen für Ausländer wieder zu verschärfen, um den Sextourismus zu bekämpfen. Und die Prostitution würden sie am liebsten komplett verbieten.
Und doch muss man festhalten, dass sich „Femen“ gerade in autoritären Zeiten als politische Protestgruppe fest etabliert hat.

Mit ihren Aktionen beweisen sie mehr Mut als die meisten anderen Frauen und Männer, ganz gleich wie gebildet oder aus welchem Land. Und dass ihnen der Geheimdienst nachts einen Besuch abstattete und warnte, ihr Protest könne noch einmal mit einem gebrochenen Bein enden, das dürfte, so traurig es ist, einer der verlässlichsten Indikatoren für die Wirksamkeit dieser jungen Frauen sein.

Beitrag zu einer wirklichen Zivilgesellschaft

Natürlich ersetzen die Aktionen von „Femen“ nicht die Arbeit der vielen Gruppen und Organisationen, die beharrlich für die Gleichstellung der Geschlechter kämpfen oder für die demokratische Entwicklung in ihrem Land.

Aber solange die ukrainische Politik von Schmalspurgeistern geprägt ist, die ihr Gerangel um die Macht als Endkampf zwischen Gut und Böse stilisieren, während sie die Prinzipien des Rechtsstaats systematisch verhöhnen; solange der Großteil der ukrainischen Bevölkerung an kaum noch etwas so sehr glaubt wie an seine eigene politische Ohnmacht; und solange die westlichen Länder diesem Treiben zuschauen und sich dabei mal wieder nicht entschließen können, ob sie ihre identitätsstiftenden Prinzipien und Werte jetzt tatsächlich einmal anwenden sollten oder lieber doch nicht - so lange bleiben die Proteste von „Femen“ ein wichtiger Beitrag zur Emanzipation der ukrainischen Gesellschaft. Auch wenn sie manchmal kaum mehr zu sein scheinen als eine weitere absurde Showeinlage im Zirkus der ukrainischen Politik.

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