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Ukraine : Dieses Drehbuch schrieb ein Irrer

  • -Aktualisiert am

Die Selbstorganisation ist das einzige Mittel, das dem ukrainischen Volk noch bleibt Bild: REUTERS

In der Ukraine ahnt man heute, warum niemand Hitler oder Stalin stoppen konnte. Und es geschieht in der geographischen Mitte Europas.

          Seit Mittwoch dem 22. Januar 2014, als in Kiew auf dem Euromaidan der erste Schuss eines Heckenschützen fiel und den aus Dnepropetrowsk stammenden Demonstranten Sergei Nigojan tötete, hat die Lage in der Ukraine eine Grenze überschritten, hinter die es kein Zurück mehr geben kann. Ukrainischen Journalisten gelang es, über soziale Netzwerke den Scharfschützen als den russischen Staatsbürger Dimitri Snegirjow aus Rostow am Don zu identifizieren. Allerdings sind soziale Netzwerke keine gute Beweisgrundlage.

          Schon vorher hat es zahlreiche Hinweise und Spekulationen von Beobachtern und Experten gegeben, wonach die Proteste in der Ukraine unter Beteiligung russischer Kommandos unterdrückt werden, die sich, angetan mit der Uniform der ukrainischen Bereitschaftspolizei („Berkut“), unter deren Leute mischen. Schon im vorigen Frühjahr hatte das russische Staatsfernsehen voll Stolz neuartige, illegale Spezialoperationen von Eliteeinheiten in Nachbarländern angekündigt, die dort die „politischen und wirtschaftlichen Interessen Russlands“ verteidigen würden - wie dies im Übrigen auch die Amerikaner, die Israelis und Franzosen täten.

          Jedenfalls ist die Brutalität, mit der die Polizei seit dem Abend des 30. November vorgeht - an dem die Einwohner Kiews erstmals massenhaft auf die Straße gingen - der wichtigste von einem ganzen Komplex von Faktoren, die das Land seit zwei Monaten nahe am Siedepunkt halten – ohne dass Präsident Janukowitsch sich jemals klärend geäußert hätte, und ohne dass die Parlamentarier, die die Oppositionsgruppen anführen, versucht hätten, sie zum Gegenstand einer Untersuchung zu machen. Und ohne Stellungnahme ist die Spannung immer weiter gewachsen, bis sie explodierte.

          Erniedrigung und rohe Gewalt

          Die Todesschwadronen, wie sie heute in der Ukraine genannt werden, reißen ukrainische Flaggen herunter, zwingen ihre halb totgeschlagenen Gefangenen höhnisch dazu, nackt im Schnee die ukrainische Nationalhymne zu singen, und fotografieren sich selbst in Siegerpose mit dem Fuß auf dem Kopf eines am Boden liegenden Menschen (diese Pose wurde von russischen Soldaten in den Tschetschenienkriegen eingeübt). Sie entführen Menschen aus Krankenhäusern und foltern sie zu Tode. Das in die Medien gelangte Videomaterial ist spärlich, aber mehr als eindrucksvoll, hat Europa dergleichen seit den Zeiten der Nazi-Konzentrationslager nicht gesehen.

          Die Geschichte des Journalisten und Aktivisten Igor Lutsenko, der von diesen Menschenjägern gefoltert wurde - einschließlich einer inszenierten Scheinhinrichtung -, aber dann das Glück hatte, freigelassen zu werden, beschwört noch ein weiteres Bild herauf – das einer Neuauflage der Tscheka-Verhörmethoden in der Tradition der Stalinzeit, die aber ganz auf der Linie der aktuellen russischen Staatspropaganda liegen. Während des Verhörs wurde Lutsenko geprügelt und angebrüllt: „Wieviel zahlt dir das amerikanische Außenministerium dafür, dass du auf dem Maidan bleibst, Bastard?“. Die nackte Leiche des zusammen mit Igor entführten Mannes, Juri Verbitsky, wurde hingegen, den Kopf vollständig mit Klebeband umwickelt, auf einem Feld außerhalb von Kiew gefunden. Er wurde ermordet, weil er aus Lwiw in der Westukraine stammte – offenbar macht diese Herkunft einen Menschen in den Augen der Todesschwadronen zum „Feind“, den man nicht am Leben lässt.

          Auflösung eines Staates

          So korrupt und derb unsere ukrainische Polizei auch sein mag, wir haben nie erlebt, dass sie derart massiv gegen ihr eigenes Volk vorgeht, wie bei einem Feldzug im Ausland. Nicht von ungefähr wurde die Kiewer „Berkut“-Einheit aus der Stadt abgezogen. Niemand weiß, welche Erschießungskommandos ihre Gewehre auf die Demonstranten auf dem Maidan richten. Immer mehr Menschen werden als vermisst gemeldet, werden geschlagen, festgenommen, unter grotesken Anschuldigungen eingesperrt. Wie etwa der zweiundsiebzig Jahre alte Kiewer Mykola Pasichnyk, den man zu zwei Monaten Haft verurteilte, weil er Einsatzkämpfer der „Berkut“ geschlagen haben soll. Es ist als sollten solche Anklagen klar machen, dass, nachdem die Assoziation der Ukraine mit der Europäischen Gemeinschaft „aufgeschoben“ wurde, die neuen Herren eingetroffen sind, um das Ruder zu übernehmen. Und die ukrainischen Behörden, von der Polizei und den Gerichten bis zum Parlament und dem Präsidenten, kollaborieren mit ihnen oder tun so, als bemerkten sie nichts.

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