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Veröffentlicht: 30.12.2013, 17:24 Uhr

Überwachungsstationen Tausend Augen schauen uns an

Der amerikanische Künstler und Bürgerrechts-Aktivist Trevor Paglen fotografiert seit Jahren die Abhörstationen der NSA. Seine Arbeiten verändern unseren Blick in den Himmel.

von
© Courtesy of Metro Pictures; Altman Siegel; Galerie Thomas Zander Unsere Vorstellung vom leeren Himmel bekommt Kratzer: „Four Geostationary Satellites Above the Sierra Nevada“ (2007)

Dies ist das Bild einer Nacht in den Bergen: Mondlicht fällt auf den Schnee, der Wald ist schwarz, der Himmel leer und kalt - denkt man jedenfalls. Denn dort oben befinden sich Dinge, die kaum sichtbar sind, die der Mensch ins Bild schoss, Satelliten. Der Fotograf, der hier regungslos auf die Erscheinung wartete, hat sie mit einer Langzeitbelichtung sichtbar gemacht; er wusste, dass die Flugkörper hier, nachts in der Sierra Nevada, zu sehen sein würden.

Niklas Maak Folgen:

Der Fotograf heißt Trevor Paglen. Seit Jahren dokumentiert er mit riesigen Präzisionsobjektiven Dinge und Orte, die nach dem Willen ihrer Erfinder möglichst nicht sichtbar werden sollten: geheime Überwachungssatelliten, Drohnen auf ihrem todbringenden Flug, Militärmaschinen, die Gefangene in geheime Gefängnislager der CIA transportieren, Abhörstationen der NSA - und es ist kein Wunder, dass Paglen, der selbst jahrelang kaum beachtet vom breiten Kunstpublikum seine Arbeit machte, plötzlich als einer der wichtigsten Künstler des Zeitalters von Big Data gefeiert wird: zur Zeit in einer Ausstellung des Smithsonian Art Museum in Washington und einer im Van Abbe-Museum in Eindhoven, die noch bis zum kommenden Sonntag Paglens Sammlung von 1500 Codenamen für Personen oder Operationen amerikanischer Militärprogramme zeigt; im kommenden Jahr in zahlreichen Ausstellungen, darunter auch in Deutschland, etwa ab dem 5. April in der Schau „Smart New World“ in Düsseldorf.

Alles, was er tut, ist legal

Trevor Paglen wurde 1974 in Maryland geboren - auf der Andrews Air Force Base, wo sein Vater Augenarzt bei der Armee war. Später studierte er Religionswissenschaften und Geographie, und wie alle guten Kartographen interessierten ihn besonders die weißen Flecken, die eine Gesellschaft in ihren Darstellungssystemen produziert. Paglen nähert sich, soweit das möglich ist, den geheimen, nirgendwo verzeichneten Sperrgebieten und Gefängnissen der CIA, wofür er 2006 nach Afghanistan reiste. Er berechnet Flugbahnen von Flugzeugen, die in keinem Flugplan zu finden sind. Er benutzt eine von Informatikern und Astronomen entwickelte Software, die die orbitalen Bewegungen von Satelliten berechnen kann. Er verwendet extreme Teleobjektive, wie sie für astronomische Beobachtungen entwickelt wurden, um Flugobjekte und Abhöranlagen aus bis zu vierzig, fünfzig Kilometern Entfernung zu fotografieren.

27134648 © Courtesy Metro Pictures; Siegel, Vergrößern Abhörstation der NSA in West Virginia

Er reist in die Wälder von West Virginia, wo es eine „National Radio Quiet Zone“ gibt: die Menschen dürfen hier kein Mobiltelefon, kein Radio, nicht mal eine Fernbedienung benutzen, die Polizei überwacht das Verbot scharf, in der Zone herrscht Stille wie vor dem Zeitalter der Kommunikationstechnologie, man hört nur das Rauschen der Wälder. An diesem scheinbar idyllischen Ort entsteht das Bild, das zu einer der ersten Ikonen des Big-Data-Zeitalters wurde: Die grünschimmernde, leicht unscharfe Aufnahme einer Abhörstation der NSA, die den „Moon Bounce“ auffängt. Seit Januar 1946 beschäftigt das Phänomen das Militär; damals zeichnete man in Fort Monmouth, New Jersey, das Echo vom Mond auf, was seitdem für die Funktechnologie genutzt wird. Seitdem wird auch hier an Daten gesammelt, was nur geht; Trevor Paglen ist der erste, der in seiner Kunst die neuen Orte von Big Data sichtbar macht.

Was geht im Orbit vor sich?

Wie Taryn Simon, die für ihren „American Index of the Hidden and Unfamiliar“ amerikanische Labors und Überwachungsorte fotografierte, gehört Paglen zu einer Generation jüngerer amerikanischer Künstler, die mit Methoden des investigativen Journalismus arbeitet. Im Prinzip geht er vor wie ein gründlich recherchierender Reporter. Alles, was er tut, ist legal (das unterscheidet ihn von Whistleblowern wie Edward Snowden), er besorgt sich Informationen, an die jeder kommen könnte. 2006 veröffentlichte er zusammen mit dem Reporter Adam Clay Thompson das Buch „Torture Taxi“, in dem gezeigt wird, wie die CIA weltweit Terrorverdächtige in geheime Spezialgefängnisse bringt; für das Buch recherchierte er Flugbewegungen kleinerer Airlines, die im Auftrag von Tarnfirmen an abgelegene Orte flogen und fand dort Spuren des Militärdienstleisters Kellogg, Brown & Root, der damals Teil von Halliburton war - jener Firma, deren Vorstandsvorsitzender Dick Cheney war, bevor er unter Bush junior Vizepräsident der Vereinigten Staaten wurde.

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