14.06.2006 · Das ZDF serviert alte Polenwitze, der polnische Boulevard zeichnet Schlachtengemälde, und Podolski streift das falsche Trikot über: Gedanken vor dem WM-Duell zu den ganz besonderen deutsch-polnischen Beziehungen.
Von Jörg ThomannFür viele Ehen soll die Fußballweltmeisterschaft ja eine extreme Belastung darstellen. Doch das ist eigentlich nur der Fall in solchen Ehen, in denen die Frau ihre Tage in der Küche zubringt und der Mann nun dreimal soviel Zeit vor dem Fernseher oder mit den Kumpels in der Kneipe als ohnehin schon - und dieses Rollenmodell scheint uns doch ein wenig aus der Mode geraten.
Tatsächlich kann die WM für den fußballbegeisterten Ehemann ein Glücksfall sein, wenn die besondere Atmosphäre des Turniers dafür sorgt, daß sich die Gattin von der allgemeinen Hochstimmung anstecken läßt. Was gibt es Schöneres, als das Hobby plötzlich mit der Liebsten teilen zu können, wer würde nicht gern beim gemeinsamen Torjubel seiner Angetrauten in die Arme fallen?
Etwas komplizierter ist die Sache, wenn es sich um eine internationale Ehe handelt. Zum Beispiel um unsere. Mann aus Deutschland, Frau aus Polen, die statistisch beliebteste Kombination übrigens unter allen Ehen von Deutschen mit Ausländerinnen. Wie groß war die Vorfreude, als es mir nach etlichen erfolglosen Jahren endlich einmal gelungen war, die Gattin zum Fußball vors Fernsehgerät zu locken, um gemeinsam den erwarteten Sieg der Polen gegen Ecuador zu feiern. Statt aber wie erhofft vom Sofa in meine Arme zu hüpfen, versank meine Frau angesichts des Grottenkicks ihrer Landsmänner immer tiefer in den Polstern. Die zweite Halbzeit wollte sie schon gar nicht mehr anschauen. Der Abend war ein Reinfall, und ich fragte mich, wenn auch nur ein paar Sekunden lang, ob ich nicht besser eine Brasilianerin hätte heiraten sollen.
Es ist traurig, Pole zu sein
„Es ist traurig, während dieser Weltmeisterschaft Pole zu sein“, konstatiert der oberschlesische Schriftsteller Wojciech Kuczok in der heutigen „Welt“ angesichts der Erkenntnis, „daß wir den schlechtesten Fußball der Welt spielen und daß die Sportler aus Trinidad und Tobago, aus Iran und Angola sich auf dem Spielfeld schöner und lebendiger bewegen als unsere“. Er erwähnt nicht einmal die Deutschen, die in früheren Turnieren auf den schlechtesten Fußball abonniert waren, auch wenn der mitunter bis ins Finale führte.
Die Polen hingegen erwarten von sich selbst zwar nicht immer den Sieg, zumindest aber Leidenschaft und Einsatz bis zum letzten. Dies erklärt sich aus der oft tragischen Geschichte der polnischen Nation, die sich in blutigen Schlachten gegen übermächtige Gegner tapfer schlug, um am Ende meist doch zu verlieren und sich allenfalls als moralischer Sieger zu fühlen. Immerhin: Gegen Deutschland sieht Kuczok sein Land nach der schwachen Leistung des Ecuador-Spiels nun als „moralischen Favoriten“.
Unterrichtsfach Patriotismus
Überhaupt scheinen die Polen derzeit eine Pechsträhne zu haben. Denken wir nur an die jüngsten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen - auch damals saßen wir fassungslos auf dem Sofa -, die eine recht obskure Koalition aus antiliberalen, teils chauvinistischen und fremdenfeindlichen Politikern an die Macht brachten, deren fragwürdigste Figur - Roman Giertych, jungnationalistischer Führer der „Liga Polnischer Familien“ - ausgerechnet Erziehungsminister wurde. Eine seiner ersten Ideen im neuen Amt war die Einführung eines neuen Unterrichtsfachs namens Patriotismus. Dabei hätten die Polen, anders gewiß als die Deutschen, darin gar keine Nachhilfe nötig. Patriotisch ist der Pole sowieso, wenn auch in den seltensten Fällen so aggressiv-nationalistisch, wie es sich der radikale Giertych wünschen würde, sondern mit einer augenzwinkernden, selbstironischen Note.
Diese Note auch von der polnischen Presse zu erwarten, wäre wohl etwas zu viel verlangt. Immerhin greift der polnische Boulevard vor dem Deutschlandspiel nicht - wie die Kollegen aus England es gern tun - auf Wortwahl und Bildsprache des Zweiten Weltkriegs zurück, erinnert dafür aber an andere Kampfhandlungen. Sie werden dem gemeinen deutschen Fußballfan, der allenfalls die 1974er Wasserschlacht von Frankfurt kennt, nichts sagen: Mit Jan Matejkos Panoramagemälde der Schlacht bei Grunwald, bei uns die Schlacht von Tannenberg genannt, demonstriert der „Super Express“ auf seinem Titelblatt polnisches Geschichtsbewußtsein. Damals, im Jahr 1410, fügte das Königreich Polen-Litauen unter König Jagiello dem Heer des Deutschritterordens eine vernichtende Niederlage zu. „Gegen die Deutschen kann man gewinnen!“, ruft die Zeitung ihren Lesern entgegen.
Lück tritt nach
Reichlich geschichtslos hält die deutsche Seite dagegen. „Klinski, putz die Polski“, trompetet „Bild“ in haarsträubender polnischer Grammatik auf seiner Seite eins und reimt im Sportteil „Polen“ auf „versohlen“. Derweil versuchen sich Ingolf Lück und Konsorten in der ZDF-Sendung „Nachgetreten“ an einer Wiederbelebung aller Witze über diebische Polen, die Harald Schmidt Ende der neunziger Jahre zu peinlich wurden. Polen habe verloren, hieß es in der drittklassigen Komikerrunde, und das sei doch sehr ungewöhnlich: Üblicherweise fänden die Polen ja eher Dinge, die niemand verloren habe. In den polnischen Zeitungen ist das ein großes Thema. Wie soll man ihnen und auch der Ehefrau erklären, daß Ingolf Lück in deutschen Zeitungen seit vielen Jahren überhaupt kein Thema mehr ist?
Wieviel mehr für die Völkerverständigung tut da doch der in Gliwice geborene Lukas Podolski! Die polnische Boulevardzeitung „Fakt“ feiert ihn, den sie natürlich Łukasz nennt, auf ihrer Titelseite im Nationaltrikot - dem polnischen. Podolski, ein Überläufer? Klinsmanns Abwehr wird sich in acht nehmen müssen. Ganz sicher bin ich jedenfalls nicht, ob ich der deutschen Mannschaft heute abend den echten Sieg wünschen soll oder lieber den moralischen. Nichts gegen Patriotismus - aber eine Ehefrau mit guter Laune ist ja auch nicht zu verachten.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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