Herr Cai hätte es nicht so gern, dass man seinen Arbeitsplatz fotografiert. Wenn die Polizei mitbekomme, sagt er, dass sich hier eine nicht angemeldete Müllsammelstelle befinde, rücke sie noch an und vertreibe ihn. Wir stehen vor zwei Baracken auf einem weiten leeren Parkplatz. Nebenan rauscht der Verkehr auf Pekings Dritter Ringstraße. Dreihundert Meter weiter und auf der anderen Straßenseite erheben sich neu errichtete Einkaufsmalls, eingerahmt von vierundzwanzigstöckigen Wohntürmen, deren Fenster zur Abwehr der unbarmherzigen Pekinger Sonne dunkelgrün verspiegelt sind. Die Sonne scheint auch jetzt im Dezember so grell, dass sie den Augen weh tut, aber es ist bitterkalt, fünf Grad unter null, und es weht ein schneidender Wind.
Das Arbeitsgerät von Herrn Cai ist ein kleiner Fahrradkarren, mit dem er den Müll seiner Kunden aus den verspiegelten Wohntürmen abholt. Wenn sie Altpapier loswerden wollen, rufen sie ihn auf seinem Handy an. Für ein Kilo Papier gibt er ihnen neun Mao, etwa zehn Cent. Er verkauft das Kilo seinerseits an einen Müllzwischenhändler für ein Yuan Renmimbi, das sind elf Cent. Die Gewinnspanne: ein Mao oder ein Cent. Der Zwischenhändler verkauft das Papier an Firmen weiter, die es recyceln können. Zum Glück gibt es manchmal auch schwerere Elektrogeräte, die die Leute ausrangieren wollen. Mit denen kommt man auf einen besseren Schnitt. So kann Herr Cai im Monat etwa tausend Yuan, etwa 110 Euro, verdienen.
Er ist jetzt 43 Jahre alt, vor zwei Jahren ist er nach Peking gekommen. Vorher war er in Schanghai, auch schon in der Müllbranche, aber in Peking seien die Aussichten besser. Er trägt eine grüne Armeehose und einen dicken Schal über der hellbraunen Cordjacke. Mit seinem sanften Gesicht unter der weißen Baseballkappe guckt er etwas verlegen zur Seite. Man spürt, dass er es nicht gewohnt ist, über sich zu sprechen. Zusammen mit einem Kollegen wohnt er in einer Baracke ein paar hundert Meter weiter auf dem Parkplatz, doch er müsse zugeben, dass es dort nachts sehr kalt sei. Es gebe keine Heizung, der einzige Strom gehe für eine Lampe drauf. Ursprünglich stammt Herr Cai aus einem Dorf im Kreis Xinyang in der Provinz Henan, doch der Boden, den er da bestellen konnte, ist zu klein, als dass er die ganze Familie ernähren würde. Er hat eine Frau und zwei Kinder dort, wenn sie ihn bitten, schickt er ihnen Geld. Sonst spart er alles, was er in Peking verdient. Jedes der Kinder braucht für die Schule jährlich zweitausend Yuan. Herr Cai findet das ziemlich günstig; früher, als man auch auf dem Land Schulgeld zahlen musste, war es mehr.
Leben in Untergrundschächten
Um mit solchen Beträgen hauszuhalten, muss man in Peking hart kalkulieren. Ein Baozi, eine mit Fleisch oder Gemüse gefüllte Teigtasche, kostet an den Verkaufsstellen auf der Straße acht Mao. Für ein Pfund Spinat oder Auberginen muss man auf dem Markt drei Yuan ausgeben. Eine Fahrt mit der U-Bahn kostet zwei Yuan, der Bus einen Yuan, mit Dauerkarte immer noch vier Mao. Eine Tageszeitung kostet einen Yuan. Abends konnte man, als es noch nicht so kalt war, zu den Fernsehapparaten gehen, die am Rand der Parks aufgestellt werden, und dort anderen beim Karaokesingen zugucken.
Die Menschen vom Land, die in Peking leben, um dort mehr zu verdienen als daheim – manche schätzen ihre Zahl auf vier Millionen, andere gar auf zehn Millionen –, sind das Bindeglied zwischen der zunehmend auf den Weltmärkten konkurrierenden Metropole und dem Rest Chinas. Die Investitionen, Kosten und Gewinnspannen dieser Klasse geben ein realistischeres Bild der ökonomischen Relationen der Hauptstadt, als es die ausschließliche Orientierung an westlichen Städten könnte. Obwohl ohne die Leute vom Land die Pekinger Wirtschaft nicht funktionieren würde, gewährt ihnen das chinesische Recht keine offizielle Aufenthaltserlaubnis für die Stadt. „Hukou“ heißt diese Genehmigung, die ihnen einen Anspruch auf medizinische Grundversorgung, Sozialversicherung und die Möglichkeit, ihre Kinder auf eine städtische Schule zu schicken, sichern würde.
Genauso wenig können sie eine normale Wohnung in Peking beziehen, und zwar aus finanziellen Gründen. Laut der Stadtregierung kosten Wohnungen mit nach deutscher Rechnung etwa fünfzig Quadratmetern im Durchschnitt 2947 Yuan monatliche Miete. Das sind 1947 Yuan mehr, als Herr Cai monatlich verdient. Für die 250 Quadratmeter eines renovierten traditionellen Hofhauses in der Innenstadt, wie es neuerdings nicht nur Ausländer, sondern auch trendbewusste Chinesen mögen, müsste man monatlich schon 50.000 Yuan auslegen – dafür müsste Herr Cai mehr als vier Jahre arbeiten. Die meisten Arbeiter von auswärts leben daher in Sammelunterkünften, die ihnen ihr Arbeitgeber zur Verfügung stellt, in Baracken neben Baustellen zum Beispiel, oder in Schlafsälen innerhalb der Lokale, in denen sie als Bedienung arbeiten. Eine Million Menschen sollen in den Untergrundschächten leben, die Mao aus Angst vor einem sowjetischen Atomschlag unter der Stadt anlegen ließ, doch die Vermietung dieser Art von Unterkünften soll demnächst verboten werden.
Eine Generation der „Wohnungssklaven“
Auch für Stadtbewohner mit Hukou ist die Wohnungsfrage in den vergangenen beiden Jahren prekär geworden. Laut Daten der Stadtverwaltung beträgt das monatliche Durchschnittseinkommen unter ihnen 4037 Yuan, also umgerechnet etwa 450 Euro. Wenn irgend möglich, versuchte man bisher, eine Wohnung zu kaufen, sobald man eine feste Stelle antrat und eine Ehe einging. Doch die Immobilienpreise sind jüngst so sehr gestiegen, dass man für 75 Quadratmeter schon durchschnittlich 1,6 Millionen Yuan auslegen muss. Das ist auch unter den günstigen Kreditkonditionen, die die staatlichen Banken bieten, schwierig. Schon bisher sprach man in China von einer Generation der „Wohnungssklaven“, die dazu verurteilt sei, ihr ganzes Leben lang die Wohnung abzubezahlen. Für anspruchsvollere Wohnungen wie eine mehr als fünfhundert Quadratmeter große Villa im „Peking House“ muss man mehr als zehn Millionen Yuan ausgeben.
Bis zwei Uhr mittags hat der Süßkartoffelverkäufer auf dem Bürgersteig zwanzig Yuan verdient. Er ist unzufrieden mit sich, und verschämt wendet er die gutmütigen Augen unter der Kapuze des grünen Militärmantels ab. Er ist seit fünf, sechs Jahren in der Stadt, aber er überlegt, wieder in sein Dorf in Henan zurückzukehren. Schon im Morgengrauen kauft er die Süßkartoffeln auf dem Markt, die er dann in dem Ofen auf seinem Fahrradkarren röstet und zehn Stunden lang auf der Straße weiterverkauft. Und dann muss man immer noch aufpassen, ob die Polizei vorbeikommt und ihn vertreibt. Für eine Süßkartoffel verlangt er vier Yuan.
Die Pekinger Mittelschicht ist beim Essen mittlerweile an höhere Beträge gewöhnt. In einem Nudelsuppenlokal kommt man mit fünfzehn Yuan pro Mahlzeit hin, doch in den brechend vollen Spezialitätenrestaurants zahlt man gut und gern hundert Yuan pro Person. Am oberen Ende der Kostenskala ist der Preis vor allem ein Prestigefaktor. Auch unscheinbare Lokale bieten Haifischflossensuppe für 880 Yuan an. In guten Restaurants kann man japanisches Abalone-Seeohr, dessen Wirkung auf die weibliche Haut allseits gelobt wird, für 3880 Yuan bestellen. Das will auch für gut verdienende Angestellte wohlüberlegt sein. In der Finanzbranche kommt man in Peking laut offiziellen Zahlen mittlerweile auf ein Durchschnittseinkommen von 14 515 Yuan monatlich, in der Telekommunikation auf 6776 Yuan. Das reicht allemal für bescheidenere Mittelschichtvergnügungen wie Kino (fünfzig Yuan normal, bis 140 im intimen VIP-Raum). Taxifahren ist immer noch vergleichsweise günstig mit rund zwanzig Yuan für fünf Kilometer.
Der Fahrradreparateur, der in seinem langen blauen Kittel immer auf dem Bürgersteig neben dem Kiosk steht, hat für seinen gutsortierten Werkzeugkasten im Lauf der Jahre zehntausend Yuan investiert. Doch es hat sich gelohnt: Zurzeit, sagt er, verdiene er zweitausend Yuan im Monat. Die beiden erwachsenen Söhne leben in Kanton, doch anders als die meisten Arbeitskräfte vom Land ist er nicht von seiner Frau getrennt: Auch sie wohnt mittlerweile mit ihm in Peking. Wenn es nach Chen Gui ginge, müssten sie die Stadt aber beide bald wieder verlassen. Der Präsident eines Immobilienverbands hat kürzlich einen originellen Vorschlag gemacht, wie man der Überfüllung Pekings Herr werden könne: Man solle die Lebenshaltungskosten entschieden anheben. Er denkt da vor allem an die Wohnungs- und Autopreise. Modelle, die unter hunderttausend Yuan kosten, sollten erst gar keine Fahrlizenz erhalten. Bei einer eilends angestellten Umfrage auf der Internetseite sina.com lehnten die meisten Pekinger den Vorschlag ab. 36,2 Prozent aber stimmten zu.