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Twitterwochen im Theater : Dramaturgenwitz

Nussecken statt digitaler Leckereien: Die deutschen Theater kämpfen sich wacker durch eine Theatertwitterwoche und kommen zu der Einsicht, dass 140 Zeichen doch relativ kurz sind.

          Wie der gute Dieter Hildebrandt wusste, ist der Unterschied zwischen einem Ausnahmeeinfall und einem Einnahmeausfall beträchtlich. Das haben sich wohl auch die fünf Theater gedacht, die nun einen sagenhaften Social-Media-Gag namens #TTW13, vulgo : „Erste Twitter-Theaterwoche“ ausheckten, um auf sich aufmerksam zu machen. Am vergangenen Montagmorgen hatten die Verantwortlichen der teilnehmenden Häuser und einige Freunde unter dem genannten Hashtag sich schon so viele Vorschusslorbeeren auf die Häupter gezwitschert, dass die Spannung ins Unermessliche stieg.

          Doch so aufschlussreichen Tweets wie „Los geht’s!“ zum Trotz wollte sich auch nach Stunden und Tagen nicht recht erschließen, wann es denn endlich über Neckereien hinausgehen sollte. Das Hamburger Thalia Theater postete Fotos von wilden Kerlen vor und hinter der Bühne, das Schauspielhaus Bochum seine liebsten Dramaturgenwitze („Ich habe die Fassung verloren“), das Deutsche Theater Berlin bot Einblicke in den Kostümfundus und das Münchner Residenztheater etwa fünfzig Makro-Aufnahmen von frischgebackenen Nussecken, um Twitterer auch physisch ins Haus zu locken.

          Wacklige Bilder, tiefe Einsichten

          Die für die Abende angekündigten Live-Übertragungen, darunter Hans Falladas „Jeder stirbt für sich allein“ (Hamburg) oder Michael Frayns Willy-Brandt-Drama „Demokratie“ (Berlin) stellten sich leider als solche ohne Bewegtbild und Ton heraus, was eine Twitter-Diskussion über alles Theatralische stark erschwerte. „@DT_Berlin“ und „@Schauspielhannover“ versuchten es dann wenigstens mit Telegramm-Tweets im Minutentakt: „Hagen kann auch tuckig. Hat Claude eine Affäre mit Anna? Nein, es ist Mama!“. Worauf jemand vorschlug, man solle doch lieber einfach den Stücktext ins Netz stellen. In München gab es gar einige „Twitterstatisten“, die wacklige Bilder und tiefe Einsichten („Ist jetzt surreal hier“) aus einer Adaption von Jean Pauls „Flegeljahren“ live von der Bühne durchfunkten – warum man Theater lieber aus zweiter Hand und im Korsett von 140-Zeichen-Nachrichten erleben soll, konnten aber auch sie nicht vermitteln. Das erhoffte „Aufbrechen elitärer Theaterkritik“ durch Graswurzel-Tweets blieb jedenfalls aus.

          Am Freitag dann eine tolle Twitterfrage an den „Flegeljahre“-Regisseur Robert Gerloff: Wie er es denn geschafft habe, die fünfhundert Seiten der Romanvorlage zu lesen? Die Antwort: „Mit zuviel Alkohol kommt man bei J.P. nicht weiter. Wenn man durchhält, kommt der Spaß durchs Lesen. Zwischendurch ist es hart.“ Härter durchzuhalten als diese fünftägige Twitter-Lektüre konnte wohl kaum etwas sein. Selbst das Warten auf Godot oder aufs Christkind scheint ein Klacks dagegen. Immerhin zum Schluss noch ein bezeichnender Tweet vom Schauspiel Hannover: „Trotzdem bleibt das Besondere ja: Theater ist echt & live.“ Das hätten die auch mal eher sagen können!

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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