Home
http://www.faz.net/-gqz-7491a
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Deutsches Weininstitut

Twittern im Museum Von Tweet zu Tweet

Sie treffen sich in Ausstellungen, legen ihre Smartphones aber trotzdem nicht aus der Hand: In deutschen Museen werden immer mehr sogenannte Tweetups abgehalten.

© Städel Vergrößern „Twittern im Dunkeln“ heißt der Tweetup in der Ausstellung „Schwarze Romantik“. In Frankfurt nennt man die Sache dann „Kultup“

Das klingt nach Stress: Jemand betrachtet ein Gemälde, folgt einer Führung, tippt Überlegungen in sein Smartphone, macht ein Foto, hängt es an die Nachricht, schickt das Ganze ab und schenkt seine Aufmerksamkeit wieder dem Gemälde. Eigentlich geht die Aktionskette noch weiter: Man liest, was die anderen um einen herum und im Netz gesendet haben, um parallel in die Debatte einzutauchen. Stop! Wovon ist hier die Rede?

Swantje Karich Folgen:      

Von einer Hochkulturerfahrung im digitalen Zeitalter. Zu dieser nervlichen und auch für den Touchscreen-Daumen körperlichen Anstrengung treffen sich Kunsthistoriker, Kunstinteressierte und Kunstunbedarfte zurzeit in Museen - freiwillig. So etwas nennt sich „Tweetup“ und ist schnell erklärt: Über den Microbloggingdienst Twitter, die Websites der Museen sowie altbekannte analoge Kanäle wird zu einer exklusiven Führung in einem Museum eingeladen.

Holzklasse und Museum 2.0

Die Besucher aber kommen nicht und lauschen andächtig dem Vortrag, sondern sie halten ihre Telefone bereit, ihre iPads in den Händen, die sie wild betippen: Denn auch ihre Ansichten und Eindrücke sind gefragt. Was sie über die Bilder und die Ausstellung denken, was sie fühlen, was sie begeistert und ärgert, senden sie in die digitale Welt. Die Inhalte sind dort unter einem Stichwort (“Hashtag“), zum Beispiel „#tweetup“, zu verfolgen. „Holzklasse“ nennen sie die Menschen mit Notizblock und Bleistift, die erst im Nachhinein über die Aktionen berichten.

Die Museums-Tweetups haben in Deutschland mit kleinen Guerrilla-Aktionen begonnen, organisiert von einer Social-Media-Gruppe aus München: den „Kulturkonsorten“. Sybille Greisinger und Christian Gries, beide Kunsthistoriker, verabredeten sich, und los ging es. Sie stehen auch hinter der 2011 erstmals veranstalteten Tagung „aufbruch. museen und web 2.0“, die bei ihrer zweiten Ausgabe in diesem Jahr die Mitarbeiter der Museen endlich in der digitalen Gesellschaft aufgewacht sahen. „Grundsätzlich ist jeder zu diesen Terminen eingeladen, der ein Smartphone besitzt und über einen eigenen Twitteraccount verfügt“, sagt Christian Gries. Mittlerweile können sich die Museen zwischen mehreren Anbietern entscheiden, „kultup“ in Frankfurt und „museup“ in Berlin. Auch für Dresden ist bereits ein Projekt angekündigt.

Führung ohne Blickkontakt

Ein Tweetup dauert eine bis maximal zwei Stunden. Es geht dabei nicht um einen umfassenden Ausstellungsbesuch, sondern um eine Ergänzung, in der Organisation ähnlich einem Flashmob. Hier zählt die Wertschätzung der individuellen Inhalte, der Meinungen Einzelner, die über Twitter live mitverfolgt werden können. Schaut man auf die Einträge, zum Beispiel aus dem Deutschen Museum München, entsteht der Charme einer kunstaffinen Dada-Comedy: „Das Museumsgebäude steht auf 1500 Betonpfählen, die bis zu sieben Meter in den Inselboden gerammt wurden.“ - gefolgt von „Fernrohr: mit dem Neptun entdeckt wurde?“ Welchen Sinn hat das? Lohnt sich das für die Museen?

330 Tweets wurden bei einem Besuch im Haus der Kunst in München mit anschließender Fahrt zum Archiv von Rupprecht Geiger gezählt; Vorort und durch Mitleser von Wien bis Frankfurt. Getwittert wurde in Deutsch, Englisch und Französisch. Auf der Internetseite von kulturkonsorten.de heißt es, dass „270 000 Leser erreicht worden seien“. Dieser Tweetup ist besonders interessant, weil verschiedene Orte verknüpft wurden: die Schau „Geschichten im Konflikt“ zur Historie des Ausstellungshauses mit einer Führung durch das außerhalb von München gelegene Rupprecht-Geiger-Archiv.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Familienurlaub in Dublin Das Geheimnis der mumifizierten Kirchenmaus

Kinder und Kultur: Das geht selten gut zusammen - es sei denn, man ist in Dublin, der familienfreundlichsten Hauptstadt Europas. Mehr Von Judith Hyams

18.12.2014, 18:35 Uhr | Reise
Art Detective Kunstdetektive spielen Sherlock Holmes

In den Archiven der staatlichen Museen in Großbritannien lagern mehr als 30.000 alte Gemälde, über die so gut wie nichts bekannt ist. Kunsthistoriker sind mit der Recherche überfordert und wenden sich mit der Initiative "Art Detective" an die Öffentlichkeit. Kunstinteressierte Laien recherchieren den Hintergrund der Werke. Mehr

17.12.2014, 18:02 Uhr | Feuilleton
Schauspielerin Judy Greer Ich weiß nicht, woher Sie mich kennen

Der Name Judy Greer sagt Ihnen nichts? Da geht es Ihnen wie Millionen anderen, denn sie ist Hollywoods erste Wahl, um die beste Freundin des Stars zu spielen. Sie weiß, wie es sich anfühlt, die ewige Zweite zu sein - doch sie kennt auch die Vorteile dieser Rolle. Mehr Von Christiane Heil

16.12.2014, 12:47 Uhr | Gesellschaft
Google Art Project Museum 2.0

Die digitale Revolution macht auch vor dem Kulturbetrieb nicht Halt. Mit interaktiven Touren versuchen Museen junges Publikum zu erreichen. Das Rijksmuseum in Amsterdam zählt zu den Vorreitern. Mehr

02.12.2014, 14:53 Uhr | Feuilleton
Glosse: Unsere Handy-Hirne Daumen hoch, alles wird super

Die Evolution nimmt Fahrt auf. Was das gute alte Klingelhandy noch nicht geschafft hat, bringt uns das Smartphone: Superhirne aus dem flinken Daumen. Viele spüren es, bei manchen sieht man es schon. Mehr Von Joachim Müller-Jung

25.12.2014, 18:09 Uhr | Wissen
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 13.11.2012, 22:02 Uhr

Daumen hoch!

Von Stefan Schulz

Hätten Sie gern den Fingerabdruck von Ursula von der Leyen? Der alte Agententrick mit dem Trinkglas ist passé. Inzwischen reicht ein Bild mit hoher Datendichte. Und trotzdem ist die biometrische Identifikation allgegenwärtig. Mehr 1