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Twitter-Welle über Sexismus : Aufschrei und Scham

Es scheint nur einen Anlass gebraucht zu haben: Auf Twitter überstürzen sich Tweets über sexistische Äußerungen und Übergriffe.

          Um 1.26 Uhr, mitten in der Nacht auf Freitag, machte eine Frau, die sich auf Twitter Anne Wizorek nennt, einen Vorschlag. Aus gegebenem Anlass möge man doch „diese Erfahrungen“ von nun an unter dem Hashtag „Aufschrei“ sammeln - gemeint waren mit „diesen Erfahrungen“ all jene Bemerkungen und Übergriffe, denen Frauen in ihrem alltäglichen Leben ausgesetzt sahen und die sie als sexistisch empfunden haben. Gesagt, getan.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Was sich in den folgenden Stunden auf Twitter ereignete, dürfte die Erwartungen der Initiatorin weit übertroffen haben. Im Sekundenrhythmus flossen unter dem genannten Stichwort Tweets ins Netz, die von schockierender Ernsthaftigkeit waren, weil sie Situationen schilderten, von denen man eigentlich nicht angenommen hatte, dass sie sich in dieser Zahl noch ereignen würden.

          Die Welle rollt

          Nun ist Twitter natürlich ein Medium, mit dem sich problemlos Nachrichten verbreiten lassen, deren Wahrheitsgehalt im Einzelnen nur schwer zu überprüfen ist. Doch machte allein die schiere Masse der Kommentare stutzig und zeigte, dass sich die geschilderten Vorgänge nicht als Lappalien abtun lassen. Da schrieb beispielsweise @frequenzen von einem „Typ, der mir im Vorübergehen an den Busen grabschte, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.“ Eine andere Userin namens @Butterbacke berichtete von sexuellen Übergriffen an einer Schule, nach denen nicht die beiden Jungs, „sondern das betroffene Mädchen die Schule verlassen muss.“

          Ein @frolleinb zitierte einen Teamleiter, der auf Schwangerschaften im Team mit den Worten „Muss ich euch Mädels morgens persönlich die Pille auf den Tisch legen?“ reagierte. Eine andere wiederum wandte sich mit ihrem Aufschrei an all jene Frauen, die selbst nach dem Motto argumentierten: „So wie die sich anzieht, muss sie ja belästigt werden“. Und diese vier Tweets sind nur wenige Beispiele für die vielen Tausenden, die sich im Laufe des Tages angesammelt hatten

          Debatte mit 140-Zeichen-Statements?

          Sehr bald meldeten sich auch etliche Männer zu Wort, die unter dem eilig eingerichteten Hashtag „Scham“ ihrer Verstörung Ausdruck verliehen. Einige nachdenkliche Stimmen berichteten hier von Situationen, in denen sie beobachtet hatten, wie Frauen belästigt wurden, und in denen sie doch nicht eingegriffen hatten. Wieder andere versuchten der Ansammlung von Negativbeispielen den Schrecken zu nehmen, indem sie mutmaßten, dass sich da einige Damen ja mal wieder ziemlich langweilen müssten - ob man denn nichts Besseres zu tun habe, als die Männer dem Generalverdacht des Sexismus auszusetzen?

          Tatsächlich aber erweckten die vielen Tweets vielmehr den Eindruck, dass sich eine Diskussion darüber, ob die einzelnen Beispiele wirklich sexistische Erlebnisse beschrieben oder ob sie teilweise die Grenzen zur Sittenwidrigkeit gar nicht überschritten hatten, nur schwer seriös führen lässt. Schon gar nicht in den 140 Zeichen, aus denen ein Tweet besteht. Was Frauen als Zumutung empfinden, das wurde hier deutlich, ist höchst subjektiv. Es gibt klare Grenzen, die jeder kennen und respektieren muss. Aber es gibt auch eine Grauzone, die in einer offenen Gesellschaft wie der unseren, eine große Dimension angenommen hat.

          Auch auf dieses grundsätzliche Dilemma wiesen etliche Tweets hin. @jeamejean etwa schrieb: „Es ist die Gesellschaft, die Sex zu einer alltäglichen Sache gemacht hat und damit den Respekt davor zerstört.“ Eine Orientierung in dieser Gesellschaft mit all ihren öffentlich zur Schau gestellten Perversionen einerseits (als Stichworte fielen hier immer wieder zu Recht die Fernsehsendungen „Bachelor“ und „Dschungelcamp“) und einem privaten Sittlichkeitsempfinden andererseits, das diese Entwicklung oftmals nicht mitgemacht hat, mag schwer fallen - sie ist aber eine Aufgabe, die sich jedem jeden Tag stellt.

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