19.09.2009 · Mit ihrer zierlichen Figur verkörperte Lesley Hornby alias „Twiggy“ das modische Frauenideal der sechziger Jahre, danach reüssierte sie als Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin. Am heutigen Samstag wird Twiggy sechzig Jahre alt.
Von Ingeborg HarmsWenn Twiggy sich morgens die Augen schminkte, brauchte sie eineinhalb Stunden. Als der bekannte Londoner Friseur Leonard ihr für ein Salonfoto das lange Haar à la Jean Seberg abschnitt, ahnte er den Effekt und nahm sich dafür sieben Stunden Zeit. Danach dauerte es nur noch ein paar Tage, bis aus dem unbekannten Mädchen ein ausgebuchtes Starmodel geworden war. Dazwischen lag ein doppelseitiger Artikel des „Daily Express“ mit der Überschrift „Das Gesicht der sechziger Jahre“. Doch es war nicht nur das Gesicht mit der in England so beliebten, leicht irritierten Oberlippe, das die siebzehnjährige Tochter eines Schreiners zum Inbegriff dessen erhob, wovon die westliche Jugend träumte. Es war vor allem die Figur, denn Twiggy war der Spitzname Lesley Hornbys und sagte so viel wie „dünner Zweig“. Eigentlich war sie viel zu jung, mit 166 Zentimetern viel zu klein und mit ihren Brust- und Hüftmaßen, 77 und 82, viel zu formlos, um als Model eine Chance zu haben.
Doch die Welt war auf der Suche nach einem neuen Frauenideal, und die Mode irrte ihr voraus. In Paris entwarfen Courrèges, Balmain und Cardin kindliche Hängerkleidchen, und in London, wo das Schneiderhandwerk noch nicht ausgestorben war, verdrehte die „Biba“-Boutique jungen Frauen allwöchentlich mit neuen schrillen Kollektionen den Kopf. Twiggy war die Antwort auf diese Experimente. Mit ihrer Elfengestalt, dem blassen Gesicht und den langwimprigen, schwer verschatteten Augen hatten die neuen Kleider plötzlich Sinn. Über Nacht wurde sie so berühmt, dass man sich in New Yorker Lokalen beifallklatschend erhob, sobald sie den Raum betrat. Dass sie sehr laut und schweres Cockney-Englisch sprach und tobend lachte, blieb auf den Fotos unsichtbar.
Die Kunst, nicht zurückzusehen
Auch dass die Ikone der weiblichen Befreiung praktisch die Leibeigene ihres Lebenspartners und Managers Justin de Villeneuve war, wussten nur Eingeweihte. Als sie sich bald darauf emanzipierte und zunächst zum Stepptanz wechselte, blieben ihre Ansichten konservativ. Inzwischen ist sie zum zweiten Mal verheiratet, hat Country-Platten eingespielt und ist, oft sehr erfolgreich, in zahlreichen Filmen und Broadway-Musicals aufgetreten, wobei sie mit so bekannten Regisseuren wie Ken Russell und John Schlesinger zusammengearbeitet hat. Ihr Haar ließ sie so schnell wie möglich wieder wachsen, und doch hat sie das fotografische Rollenspiel auf eine neue Stufe gehoben. Sie ist die Frau geblieben, die Mia Farrow in „Rosemary's Baby“, Kate Moss und die Magermodels der jüngeren Modegeschichte erst möglich machte. Den Ruhm verdankte sie pubertärer Schlaksigkeit und einem guten Friseur. Doch die beeindruckende Schauspielkarriere hat sie allein ihrem Ehrgeiz zuzuschreiben, ihrem Perfektionismus und der Kunst, nicht zurückzusehen. Am 19. September wird sie sechzig.