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Kurt-Krömer-Show Da sagt man danke für

„Blöde Sau“ trifft „Puffgänger“: Die „Late Night Show“ von Kurt Krömer in der ARD will witzig sein, ist aber unerträglich. Kein Wunder, dass der Gast Matthias Matussek dagegen rechtlich vorgeht.

© rbb/Max Kohr Vergrößern Schaut euch den an: Matthias Matussek (links) stieg zu Kurt Krömer in den Ring mieser Pointen. Danach besann er sich eines anderen. Er hätte es vorher wissen sollen

In den obskuren Tiefen des Schwarzwalds gibt es einen eingetragenen „Verein für Implosionsforschung“, der - kurz gesagt - auf der Suche nach Wunderenergie ist, die sich in kupfernen Wirbelwasserzentrifugen verstecken soll, wobei man den Ideen eines seltsamen Försters folgt, der für die SS an einer Wunderwaffe forschte, die wohl auch in tausend Jahren nicht einsatzfähig gewesen wäre. Vielleicht hat der Mann nur am falschen Ende gesucht. Denn die prächtigsten Implosionen findet man in der gehirnerweichenden Wirbelwasserzentrifuge namens Unterhaltungsfernsehen, so etwa an diesem Samstag in der ARD. Die Rede ist von der „Krömer - Late Night Show“, deren heutige Ausstrahlung der als Gast und Opfer von Krömers Witzeleien geladene Journalist Matthias Matussek vor Gericht zu verhindern suchte.

Kurt Krömer, vor einigen Jahren noch als neue Wunderwaffenhoffnung des untergehenden Flimmerreichs gehandelt (Grimme-Preis), hat sich eingerichtet in der öden Rotzbengelrolle, und man wundert sich, warum überhaupt noch jemand sich dafür hergibt, derart vorhersehbar angelümmelt zu werden.

Von „Pöbelhans“ bis „Puffgänger“

Es sind die C- bis Z-Promis, die sich auf die abgeratzte Couch im Berliner Ensemble setzen. Dort fungieren sie entweder als Stichwortgeber für müde ausgedachte, aber frenetisch beklatschte Witze - „Sie sind vom ‚Stern‘ zum ‚Spiegel’ gewechselt, ist das nicht ein bisschen so, als wenn Ronald McDonald zu Burger King wechselt?“; „Wenn es Gott gibt, warum moderiert Markus Lanz dann noch ‚Wetten dass ..?‘“ Oder sie werden mit zugegeben geistesgegenwärtiger Häme dem johlenden Publikum zum Fraß vorgeworfen, sobald sie sich zum (meist unterirdischen) Mitwitzeln gedrängt fühlen. Ein Beispiel? Matussek: „Glauben in Berlin, das ist wie in Uganda Heizungen verkaufen. Das geht gar nicht.“ Krömer: „Warte mal, vielleicht entwickelt sich das noch zu ’nem Knaller...Verreckt! Weeste wat, ich bin ’n guter Mensch, dat schneiden wir raus. Da sagt man danke für.“

Rausschneiden sollen hätte man auch die dümmlichen Einspielfilmchen und die Herumtanzeinlage mit Travestie-Trulla Ades Zabel. Außerdem den gesamten Auftritt des zweiten Gasts: Das Gedruckse und Gegluckse der Schlagersängerin Mary Roos ist nicht nur kolossal peinlich, sondern auch so vollkommen unterwürfig, dass es nicht einmal Angriffsfläche für Boshaftigkeiten bietet.

Matthias Matussek dagegen wirkt von Anfang bis Ende rührend erstaunt darüber, was da gerade passiert: Hat der Gastgeber ihn soeben tatsächlich als „Pöbelhans“ und „hinterfotziges Arschloch“ vorgestellt und nicht, wie gewünscht, als „Journalist und Autor“? Hat er ihn dann tatsächlich „Puffgänger“ und danach, ihn von hinten befummelnd, „mein Hase“ genannt? Hat er tatsächlich jeden Beitrag des Gastes abgewürgt? In einem Umfeld, in dem Chaos minutiös geplant und Echtheit ein Fremdwort ist (erst recht die von der ARD schamlos gebrauchte Formel „Anarchie“, denn hierarchischer sind die Herrschaftsverhältnisse im Talkfunk selten), inmitten einer solchen Pseudoauthentizität wirkte einzig diese Irritation echt. Und gefährlich.

Wie konnte das nur passieren?

Natürlich hat Krömer recht, wenn er die blamable Idee Matusseks aufspießt, als Geschenk (ein gar nicht mehr aktueller Running Gag der Vorgängershow) sein eigenes Buch - „mein letztes Werk: eine Novelle“ - mitzubringen und darüber auch noch schwadronieren zu wollen. Als Konter aufs Angepöbeltwerden fiel dem Gast zudem nur „blöde Sau“ und schlecht simuliertes Erbrechen ein. Wo immer Matussek gequält mitzumachen versuchte, war es schlimm, eine einzige Fremdschämveranstaltung: also wie gewohnt.

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Der Innendruck solcher Sendungen ist ja stets vakuumniedrig, doch die Hülle hält, weil alle mitmachen. Sobald aber ein Riss entsteht, ist nichts mehr zu retten. Und genau das passiert. Der eher traurige als genervte Blick Matusseks an der Kamera vorbei ist das Einzige, was von dieser Sendung in Erinnerung bleibt, ein Blick, in dem die Frage liegt, wie man in eine solche Fernsehrealität hat hineingeraten können und wer für so etwas Geld ausgibt. Dieser Blick hat eine Kraft, gegen die man sich nicht wehren kann, denn - es ist unser Blick, der Blick von achtzig Millionen, die sich fragen, wie man bitte für so etwas Geld (unser Geld) ausgeben kann.

Unverschuldet sind wir keineswegs hineingeraten, haben alle mitgemacht, aber wenigstens sollten wir die Wunderenergie dieses Zusammenbruchs nutzen, um mit einem großen Satz hinauszuspringen und das Unterhaltungsfernsehen von heute irgendwo im Schwarzwald zu verbuddeln. Scheitern als Chance. Da sagt man danke für.

Rechtsstreit um Ausstrahlung

Der Journalist Matthias Matussek, der von Kurt Krömer in dessen heute im Ersten laufender Show, um es zurückhaltend zu sagen, hart angegangen wird, hat versucht, die Ausstrahlung der Sendung mit dem Verweis auf Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte zu verhindern. Mit dem Antrag auf eine einstweilige Verfügung ist Matussek vor dem Hamburger Landgericht am Mittwoch gescheitert. Sein Anwalt versuchte es jedoch am Freitag in zweiter Instanz beim Hanseatischen Oberlandesgericht. Ein Beschluss des Gerichts lag bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Es gebe keinen Grund, die Sendung nicht auszustrahlen, hieß es auf Anfrage beim die Sendung betreuenden Rundfunk Berlin Brandenburg. F.A.Z.

Die Krömer - Late Night Show läuft nun eine ganze Staffel lang samstags um 23.40 Uhr in der ARD.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.08.2013, 19:35 Uhr