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TV-Kritik: Hart aber fair : Eine Flüchtlingsdiskussion und „ein wundervoller Neger“

  • -Aktualisiert am

Ein Polizist am Frankfurter Hauptbahnhof versucht die Flüchtlingsroute vier junger Syrer zu rekonstruieren. Bild: dpa

„800.000 Flüchtlinge – schafft Deutschland das??“, so der Titel der Sendung. Danach war man sich sicher: Die beiden Fragezeichen waren berechtigt. Auch wegen sprachlicher Entgleisungen des bayerischen Innenministers.

          Die Welt ist schön und voller rosa Wolken. Man musste gestern Abend nur dem WDR-Journalisten Ranga Yogeshwar zuhören. Er berichtete von einem Flüchtling aus Guinea, den er in einem Flüchtlingsheim in seiner rheinischen Heimat angetroffen hatte. Dieser las Albert Camus und das Libretto der Zauberflöte. Yogeshwar war von ihm beeindruckt, lud ihn zu sich nach Hause ein und wollte damit ein Beispiel setzen. Wie der persönliche Kontakt mit Flüchtlingen Ängste überwinde. Die Flüchtlinge erschienen nicht mehr als eine bedrohliche Masse, sondern bekämen ein Gesicht und ein Schicksal. Daraus leitete der gelernte Physiker Yogeshwar eine politische Schlussfolgerung ab. Bei eine Million Flüchtlingen kämen auf einem Flüchtling 80 Deutsche. Wenn sich jetzt jeder Deutsche um einen kümmerte, wäre das Problem gelöst.

          Wie man sich fast Integrationsexperten gespart hätte

          Man fragte sich unvermeidlich, was eigentlich passierte, wenn jetzt zwei Millionen Flüchtlinge in Deutschland Zuflucht suchten. Wäre das ein Problem? Schließlich kämen dann immer noch 40 Deutsche auf einen Flüchtling. Yogeshwars Argumentation war typisch für diese erste Sendung nach der Sommerpause von Frank Plasberg. Es gilt nämlich für Flüchtlinge die statistische Normalverteilung, wie für jede andere Population auch. Es finden sich dort nicht nur die Leser französischer Existentialisten, die sind auch in Deutschland eine Minderheit. Man wird dort motivierte Menschen finden, genauso wie phlegmatische Zeitgenossen. Manche werden es schaffen, andere scheitern. Es ist der soziologische Normalfall. Zudem hätte Deutschland seine bisherigen Integrationsprobleme spielend lösen können, wenn man die Idee von Yogeshwar rechtzeitig umgesetzt hätte: Man hätte nur die früheren Zuwanderer an die Hand nehmen müssen. So hätte man sich die zahllosen Integrationsexperten gespart, die sich seit Jahrzehnten mit diesem Thema beschäftigen.

          Yogeshwar machte den gleichen Fehler wie jene Zeitgenossen, die die Flüchtlinge lediglich als Bedrohung begreifen, nur spiegelverkehrt. Er idealisiert, wo jene dämonisieren. Auf der Strecke bleibt eine nüchterne Analyse, die sich gerade nicht dadurch auszeichnen kann, alle erwartbaren Schwierigkeiten unter den Teppich zu kehren. Diese Mentalität kommt mittlerweile in dem Mäntelchen der Diskurskritik daher. Es gilt jeden Begriff zu vermeiden, der missverständlich sein könnte. Nun muss man nicht die früher in den meisten Medien beliebte „Asylantenflut“ nennen. Das war in den frühen 1990er Jahren ein politischer Kampfbegriff geworden, der tatsächlich zur Stigmatisierung von Flüchtlingen (und Zuwanderern) geführt hatte.

          Nur wie benennt man eine Zahl von 800.000 Menschen, immerhin mehr als eine Großstadt wie Frankfurt am Main? Besonders die Parteivorsitzende der Grünen, Simone Peter, zeichnete sich durch ihr sprachliches Feingefühl aus. Sie erinnerte der Vorschlag, Asylbewerber aus dem Westbalkan in gesonderten Zentren zu betreuen, an die Roma-Lager der Nazis. Das kann man eine Entgleisung nennen, aber damit stand sie keineswegs allein. Schon vorher versuchte Yogeshwar den Begriff „Konzentrationslager“ einzuführen, wollte aber nicht falsch verstanden werden. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann nannte den Schlagersänger Roberto Blanco einen „wundervollen Neger“. So demonstrierten alle drei ihre persönlichen Schwierigkeiten mit dem richtigen Sprachgebrauch. Vielleicht diskutieren sie in Zukunft besser auf Latein, um das zu vermeiden.

          Ist die obere Mittelschicht rassistisch?

          Den „Neger“ führte allerdings Plasberg mit einem Einspieler ein. Dort hatte ein bayerisches Urgestein (darf man das sagen?) mit diesem Wort zum besten gegeben, dass Schwarze nicht zu seinem Volksstamm passten. Zudem ein junge Frau aus Dunkeldeutschland, das darf man neuerdings mitteilen, die sich vor der Vergewaltigung ihrer Kinder durch Flüchtlinge fürchtete. Außerdem ein Großvater, der davor Angst hatte, dass seine Enkelin in Zukunft nur noch mit Ausländern in einer Klasse gehen müsse. Ein Soziologe sah darin den Beleg für einen Stimmungswandel in die Richtung eines offen rassistischen Diskurses. Allerdings war die Auswahl interessant. Denn der Großvater sprach lediglich aus, was in der Forschung gesicherte Erkenntnis ist. Gerade die obere Mittelschicht achtet darauf, ihre Kinder nicht in Schulen aus sozialen Brennpunkten mit einem hohen Migrationsanteil zu schicken. Ist diese Praxis jetzt rassistisch? Bisher galt sie als Ausdruck für die Integrationsprobleme in dieser Gesellschaft – und die soziale Ungleichheit bezüglich der Lebenschancen hier geborener Menschen.

          Natürlich bietet diese Form der Zuwanderung auch Chancen. Eines der Stichworte ist der demographische Wandel. Wer aber so hartnäckig alle Probleme ausblendet, die in der bisherigen Zuwanderungsgeschichte aufgetreten sind, muss seine Gründe haben. Sie liegen im deutschen Asylrecht, das Yogeswahr eine historische Errungenschaft nannte. Plasberg wagte den Einwand, ob es sich in Wirklichkeit nicht um eine Einbahnstraße handelt. Dessen Ausgestaltung ist nämlich international einmalig. Nur hier wird jedem Menschen das Grundrecht auf einen Asylantrag eingeräumt. Deshalb gibt es auch keinen Missbrauch dieses Grundrechts. Wie soll man ein Grundrecht missbrauchen können, das dieser Staat jedem Menschen auf dieser Welt eingeräumt hat?

          Aber hier liegt das Problem. Herrmann wies auf die geltende Gesetzeslage hin. Asylbewerber  etwa vom Balkan müssen wieder in ihre Heimat zurückkehren, wenn sie nicht als als politischer Flüchtling anerkannt werden. Das ist die logische Konsequenz. Frau Peter dagegen fand jeden Grund, um diese Schlussfolgerung nicht zu ziehen. Man solle die Syrer aus dem System herausnehmen, die Altfälle pauschal positiv bescheiden und den Flüchtlingen vom Balkan eine Form der Arbeitsmigration ermöglichen. Damit fielen sie ebenfalls aus der Statistik heraus. Die Armutszuwanderung, so ihr Argument, sei ein legitimer Fluchtgrund. Schließlich wies sie noch auf die Praxis in anderen EU-Staaten hin, bei den Roma aus dem Kosovo oder Serbien den Status der Gruppenverfolgung anzuerkennen. Angesichts dieser Rhetorik empfand man als Zuschauer plötzlich Verständnis für Griechenland. Man kann wirklich jede Statistik so interpretieren, damit sie in das eigene Weltbild passt.

          Gehöre ich zu dieser Gesellschaft dazu?

          Ulrich Reitz, der Chefredakteur des  Focus, stellte die entscheidende Frage. Wie viele Flüchtlinge dürfen es am Ende sein? Frau Peter drücke sich um die Antwort herum. Darauf wartete man tatsächlich vergebens. Wie auch? In ihrer Ideologie hat de facto jeder Mensch das Recht, sich in der Bundesrepublik niederzulassen, der seine Lebenssituation verbessern will. Dieses Anliegen ist nachvollziehbar, aber liegt es im Interesse diesen Landes? Es war bei Frau Peter und Yogeswahr nicht erkennbar gewesen, wo diese Grenzen liegen könnten. Damit ruinieren sie das von ihnen so geschätzte Asylrecht. Es beruht bis heute auf die Unterscheidung zwischen den Flüchtlingen, denen man eine Zukunft in Deutschland gewähren will, und denen man das verweigert. Diese Unterscheidung hatte gleichwohl schon immer etwas Willkürliches.

          Das wurde an Nurjana Arslanova deutlich. Die junge Frau kam mit ihrer Familie im Jahr 2002 aus dem russischen Dagestan nach Deutschland. Der Asylantrag wurde abgelehnt, aber sie erhielt eine sogenannte „Kettenduldung“. Mit diesem unsicheren Aufenthaltsstatus sitze sie „wie auf gepackten Koffern“. Sie absolvierte trotzdem ihre Schullaufbahn, macht zur Zeit eine Ausbildung zur Erzieherin. Ihr war die tief sitzende Frustration über diese deutsche Asylgeschichte anzumerken. Es ist eine Form der Demütigung, Menschen wie Frau Arslanova solange die Antwort auf eine existentielle Frage zu verweigern: Gehöre ich zu dieser Gesellschaft dazu? Sie ist bestens integriert, auch politisch engagiert. An Frau Arslanova wurde der Bankrott einer Flüchtlingspolitik deutlich, die sich nicht entscheiden kann. Nämlich Menschen frühzeitig eine klare Antwort zu geben, ob sie bleiben dürfen oder nicht. Das betrifft aber auch die Deutschen selbst, inklusive der Zuwanderer der vergangenen Jahrzehnte. Sie müssen wissen, was auf sie zukommt.

          „Die Stärke der EU ist es, wenn Grenzen fallen.“

          Das kann nicht mit wolkigen Erklärungen gelingen, wie bei Yogeswahr: „Die Stärke der EU ist es, wenn Grenzen fallen.“ In Wirklichkeit „gibt es immer mehr Länder, die den Schutz der Schengen-Außengrenzen nicht mehr gewährleisten“, so die Antwort von Herrmann. Die Grenzen in der EU fallen tatsächlich. Die Menschen in den nahöstlichen Flüchtlingslagern vertrauen auf das Versprechen Deutschlands, sie aufzunehmen. Es beruhte auf der Voraussetzung, es in dieser Form nie einzulösen müssen. „Wir können das schaffen“, so formulierte es die Bundeskanzlerin in ihrer gestrigen Pressekonferenz. Frank Plasberg bemühte sich ebenfalls darum, diesen Eindruck zu vermitteln. Davon ließ sich sogar ein CSU-Innenminister sichtbar beeindrucken. Proteste gegen diese Sendung sind daher nicht zu erwarten. Sie sollte trotzdem möglichst lange in der Mediathek der ARD zu sehen sein: Als Beispiel für Realitätsverlust. Den sollte sich die Kanzlerin aber nicht leisten. Ansonsten droht nicht nur ihr ein böses Erwachen.

          Quelle: FAZ.NET

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