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TV-Doku über Indonesien : Wer Vulkane nicht fürchtet

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Wer wird denn gleich in die Luft gehen: Der Semeru ist ein Stratovulkan und mit 3.676 Meter Höhe der höchste Berg der indonesischen Insel Java. Bild: © Alle Rechte vorbehalten

Bildungsfernsehen de luxe: Eine profunde Dokumentation über Indonesien zeigt, dass die größte muslimische Nation der Welt kein Problem mit der Demokratie hat.

          Französische Dokumentaristen haben erfreulich wenig Scheu, ihr Publikum zu überfordern. Während sich Dokumentationen hierzulande oft exemplarischen Einzelereignissen widmen, sind bei unseren Nachbarn umfassende Länderporträts beliebt. Dank Arte kommen wir ebenfalls in den Genuss dieser meist hervorragend recherchierten Produktionen. Frédéric Compains zweiteiliger Film über Indonesien, dieses wohl zauberhafteste unter den großen Ländern, macht da keine Ausnahme. Die Reportage, die zugleich archivbasierte Aufarbeitung der Historie ist, überflutet uns geradezu mit Informationen zu Geschichte, Kultur und Politik des Landes. Das tut sie jedoch auf so durchdachte, unaufgeregte, schlüssig bebilderte Weise, dass man regelrecht eingesaugt wird in diese Reise ans Ende (oder den Anfang?) der Welt – wo sich Vulkane brodelnd mit dem Meer vermählen.

          Und doch hat dieser Film eine konstruktive Besonderheit, weil Compain zwar auf alle Probleme der sich über Tausende von Inseln erstreckenden Nation eingeht, aber trotzdem das Positive in den Vordergrund rückt. Dafür gibt es gute Gründe, denn während sonst überall Autokratien und Kulturkämpfe zuzunehmen scheinen, ist hier eine Demokratie auf dem Vormarsch. So wenig gefestigt diese Staatsform in dem mehrheitlich muslimisch geprägten Archipel noch ist, trotzt sie seit zwei Jahrzehnten allen Widrigkeiten: Wirtschaftskrisen, Nachbarschaftskonflikten und dem Erstarken des Islamismus in einigen Regionen. Interviewpartner Compains sind hochrangige Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, und sie betonen mehrfach, wie wichtig es sei, dass der Islam in Indonesien besonders friedfertig und keine Staatsreligion sei.

          Eine Botschaft, fern des weit verbreiteten Alarmismus

          Aufs Ganze gesehen – das ist die Zentralbotschaft dieses Porträts, die sich wohltuend vom verbreiteten Alarmismus unterscheidet – liefere Indonesien mit seiner Betonung von Toleranz und Gerechtigkeit den Gegenbeweis zum Arabischen Frühling: „Islam und Demokratie passen doch zusammen.“ Wer nur auf die Unruheprovinz Aceh blicke, die sich seit 2003 im Würgegriff der Scharia befindet, der übersehe, wie weit der Rest Indonesiens vorangekommen sei. Auch wirtschaftlich ist das Land im Aufstieg begriffen, soll 2030 die sechstgrößte Wirtschaftsnation der Welt sein. Dass der ökonomische Erfolg bislang nur wenigen zugutekommt und die Korruption noch lange nicht besiegt ist, beleuchtet der Film freilich auch, ebenso das mangelhafte Umweltbewusstsein: Immer noch werden riesige Torf-Areale brandgerodet und drainiert, um etwa Palmöl-Plantagen anzulegen. Die Spannungen mit dem unabhängigen Osttimor sind zwar beigelegt, nicht aber die mit den Freiheitskämpfern im annektierten Westpapua, wo eine sehr lukrative Goldmine liegt.

          Dass es der Gesamtbevölkerung in dem Archipel dennoch heute besser geht als je zuvor, zeigt schon ein flüchtiger Blick auf die wechsel- und leidvolle Geschichte des Landes. Die Dokumentation legt das Hauptaugenmerk nicht auf die lange Kolonialzeit, die nach bekanntem Ausbeutungsmuster ablief – die Holländer errichteten auf Java ihre Haupthandelsniederlassung, das heutige Jakarta –, sondern auf deren Ende und die Zeit danach.

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          Im Zweiten Weltkrieg vertrieben die Japaner die Niederländer und wurden wie Befreier gefeiert, etwas vorschnell, wie einige Zeitzeugen erzählen. Der Führer der indonesischen Nationalisten, Achmed Sukarno, arrangierte sich mit den Japanern und erklärte kurz vor deren Abzug am 17. August 1945 die Unabhängigkeit Indonesiens. Das führte zu blutigen Kämpfen mit den zurückkehrenden Niederländern und weitete sich zu einem der großen Schlachtfelder des zwanzigsten Jahrhunderts. Sukarno ließ zunächst Kommunisten massakrieren, was die amerikanische Regierung beeindruckte, paktierte aber bald mit allen Seiten und Ideologien. Als sich zwanzig Jahre später Kritiker gegen das korrupte Regime erhoben, wurden unter tätiger Mithilfe der CIA erneut Kommunisten zu Sündenböcken gemacht. „Die Hölle brach los“, wie es in der Dokumentation heißt – der einzige Ausreißer ins Reißerische. Die „Raserei“ kostete Hunderttausende das Leben, darunter auch viele Angehörige der chinesischen Minderheit im Land. Der Regisseur Joshua Oppenheimer hat der Geschichte des Massakers und den beteiligten Henkern seine erschütternde Dokumentation „The Act of Killing“ gewidmet.

          Aus dem Gemetzel von 1965 ging eine über dreißigjährige Phase der „Neue Ordnung“ genannten Diktatur unter Präsident Suharto hervor. Der Westen schaute auch weiterhin über alle Menschenrechtsverletzungen hinweg. In den neunziger Jahren erstarkte schließlich eine intellektuelle Reformbewegung, die auch aufgrund der Unterstützung durch den Sultan von Yogyakarta Erfolg hatte. Ein kleiner Scoop ist es, dass auch dieser Sultan Compain ein Interview gewährt. Nach der Abdankung Suhartos im Jahre 1998 begann die Phase der echten Demokratie und des Wirtschaftswachstums. Indonesien gehört heute zum elitären G20-Club. Seit 2014 ist mit Joko Widodo sogar ein „indonesischer Barack Obama“ im Amt, der – gänzlich unbelastet – den Kampf gegen die Korruption ernst nimmt, allerdings auch an der Todesstrafe festhält.

          Massenproduktion: Arbeiterinnen in einer Textilfabrik in Indonesien.
          Massenproduktion: Arbeiterinnen in einer Textilfabrik in Indonesien. : Bild: © Artline Films

          Es könnte, so zeigt der Film, weiter holpern auf dem Weg in die Moderne, denn viele soziale Probleme werden jetzt erst sichtbar. Dazu gehören die Landflucht, die Bildungsmisere, aber auch der Islamismus, der zwar eine extreme Randerscheinung sei, aber bereits seit 2002 - der Anschlag von Bali – gezielt den Tourismus ins Visier nimmt. Compain, der schon viel von der Welt gesehen (und gefilmt) hat, traut den katastrophenerprobten Indonesiern jedoch durchaus zu, sich diesen Problemen zu stellen. Es lohnt sich, seinen Argumenten zuzuhören, zumal der Westen diesen enormen Markt nicht gänzlich den Chinesen überlassen sollte.

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          Religion, Macht und Archipele: Indonesien (Teil 1 und 2) läuft heute um 20.15 auf Arte.

          Quelle: F.A.Z.

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