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Tutanchamun-Ausstellung Betteltour

29.04.2005 ·  Die Schätze Tutanchamuns reisen von Bonn nach Los Angeles und Chicago. Ihre Vermarktung auf Kosten von Erkenntnis und wirklichem Genuß ist ein globales Phänomen - mit erschütternden Auswüchsen in Ägypten.

Von Dieter Bartetzko
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Morgen geht im Bonner Kunstmuseum die sechsmonatige Ausstellung über den Pharao Tutanchamun mit einem Rekord zu Ende: 800.000 Besucher wurden gezählt, so viele wie nie und im Verhältnis gleichauf mit dem bisherigen Rekordhalter Berlin, dessen MoMa-Ausstellung in neun Monaten 1,2 Millionen anlockte.

Bei Öffnungszeiten zuletzt bis Mitternacht stand das Bonner Haus so oft und so lange wie nie zuvor der Öffentlichkeit offen. Und welche Summen in die Kassen derer flossen, die mit Souvenirs von Tut-Seife bis Tut-Seide, Tut-Radiergummis bis Tut-Krawatten samt Goldrepliken einiger und Gipskopien vieler Objekte den Rahm vom Besucherstrom abschöpften, wer also außer Ägypten, das Tut auf Weltreise geschickt hat, damit Geld in die Staatskasse kommt, Rekordprofite machte, das wissen letztlich nur Isis und Osiris.

Die Goldmaske war in Kairo geblieben

Was trieb täglich Tausende in die Ausstellung? Zweifellos die unzerstörbare Aura des Numinosen, des Gottkönigtums und unermeßlichen Reichtums, die Altägypten und seine Pharaonen umschwebt, seit die Neuzeit ihre kulturellen Ursprünge in Ägypten wiederentdeckt hat. Daß wiederum diese unstillbare Schaulust in Tutanchamun kulminiert, jenem so jung aus noch immer ungeklärten Gründen verstorbenen Herrscher, dessen fast unversehrtes Grab 1922 entdeckt wurde, ist allgemein bekannt. So bekannt wie jene gleißende Goldmaske, die Gesicht und Schultern des Toten bedeckte und die man auf vielen der Plakate zu sehen meinte, mit denen die Ausstellung zunächst in Basel und dann in Bonn beworben wurde.

Tatsächlich aber war auf dem Plakat das Goldgesicht eines der vier mumienförmigen kleinen Eingeweidesärge zu sehen, den die Ausstellung präsentiert. Die berühmte Goldmaske war, ebenso wie das zweitberühmteste Kunstwerk des Grabschatzes, der Thron, in Kairo geblieben.

Beide Artefakte, so hieß es schon in Basel, sind per Gesetz unveräußerliche und immobile Insignien des heutigen Ägypten. Also ist den Werbern allenfalls das berechnende Spiel mit Erwartungen, nicht aber Irreführung vorzuwerfen. Zumal die Ausstellung einen atemberaubend schönen Ersatz anbietet: das Diadem des Pharaos nämlich, zusammengesetzt aus einem edelsteinbesetzten Reif und einem mit Kobra und Geier besetzten Bügel. Dieses Hoheitszeichen sahen Tutanchamuns Untertanen, der Hofstaat und die Gesandten aller verbündeten und unterjochten Länder. Dasselbe gilt für zwei goldene Prunkdolche in der Schau; einer von ihnen hat eine Klinge aus Eisen, dem damals kostbarsten, nur aus Meteoriten zu gewinnenden Metall.

Untergang im Spotlightglanz der Eventkultur

Was wäre alles anschaulich zu machen an diesen drei Kostbarkeiten - die überfeinerte, letztlich lebensuntüchtige Kultur, zu der jene Dynastie, deren letzter Sproß Tutanchamun gewesen ist, sich entwickelt hatte und die in unendlich fein ziselierten Schmuckstücken aufscheint. Aber auch das sublimierte Weiterleben archaischer Komponenten in den Dolchen, die Zeichen der Gewalt des Pharaos über Leben und Tod sind, zivilisiert lächelnde Drohungen eines Häuptlings. Nichts davon in der Ausstellung. Krone und Dolche werden als Einzelstücke unter vielen behandelt, suggestiv ausgeleuchtet und unter Glas wie sie. So gehen sie und ihre Botschaften - woran der ausgezeichnete Katalog nichts ändert - ebenso wie andere Objekte, die jedes für sich eine Welt spiegeln, unter im Spotlightglanz einer Eventkultur Marke Aida light.

Ihr haben alle Beteiligten, und nicht nur die raffinierten Graphiker der Maskenplakate, zugearbeitet: Ob europäische und amerikanische Direktoren oder ägyptische Altertumsverwalter und Staatskassenwarte, sie sämtlich befinden sich auf der Jagd nach Besucherrekorden, Spitzeneinnahmen und Verwertungsmöglichkeiten. Ägypten, das seit langem, von weltweit live gesendeten Fernsehübertragungen sinnloser Roboterexpeditionen in leeren Pyramidenschächten bis zur Tut-Weltreise, seine pharaonische Vergangenheit ausschlachtet, schießt derzeit den Vogel ab: Man braucht dringendst Geld für ein neues Megamuseum nahe Kairo und etliche andere im Land geplante - Gesamtkosten 350 Millionen Dollar, erwarteter Touristenanstieg und Gewinn unbezifferbar.

Abriß unter dem Vorwand der Renovierung

Was der realen Hauptstadt recht ist, soll nun der heimlichen, nämlich Alexandria, billig werden: Beflügelt vermutlich vom lukrativen Weltspektakel, das die pompöse Einweihung der riesigen neuen Bibliothek von Alexandria 2002 auslöste, hat man sich dort zur zweiten Sanierung des Antikenmuseums innerhalb von zwei Jahren entschlossen. Der Bau wäre jede Mühe wert. Entstanden um die Jahrhundertwende in nobelstem Neoklassizismus (was auf seine damalige italienische Verwaltung zurückgeht), mit monumentalem Säulenportikus, perfektem Oberlicht und einem exzellenten begrünten Innenhof, beherbergt der Bau als einziger seiner Art in Ägypten die reichen griechischen und römischen Bestände; ein Kronzeuge der Zentralfunktion, die das hellenistische Alexandria bis zum Untergang des Römischen Reichs für die damalige Welt innehatte.

Doch ist es in Alexandria ein offenes Geheimnis, daß unter dem Vorwand der Renovierung abgerissen werden soll, um ein neues, mit allen Wassern der Eventkultur gewaschenes Museum zu bauen. Daß mit dem klassizistischen Bauwerk ein Denkmal ersten Ranges verlorenginge, das Alexandrias Sonderstellung als Mittler zwischen Orient und Okzident um 1900 überliefert, interessiert nicht. Was zählt, sind die Lenkung und das Abschöpfen der Touristenströme um und für jeden Preis. Bonn und demnächst Los Angeles und Chicago, wohin Tutanchamuns Schätze nun wandern, beweisen, daß dieses Vermarkten auf Kosten von Erkenntnis und wirklichem Genuß ein globales Phänomen ist.

Quelle: F.A.Z., 30.04.2005, Nr. 100 / Seite 37
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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