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Turner-Preis für Susan Philipsz Klangkunst

 ·  Was Susan Philipsz mache, sei nicht bildende Kunst, sondern Musik, rufen die Kritiker. Ihr Ruf ist vergeblich. Denn die Künstlerin versteht sich als Bildhauerin, die mit Lauten modelliert. Und das hat die Juroren des renommierten Turner-Preises völlig überzeugt.

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Eine vertrackte Folge von Gedankengängen führt vom Berliner Landwehrkanal, aus dem Rosa Luxemburgs verweste Leiche gefischt wurde, über Joyces „Finnegan’s Wake“ zu einer schwermütigen schottischen Ballade über einen Ertrunkenen, der seiner Geliebten im Traum erscheint. Diese Elemente schwebten der schottischen Klangkünstlerin Susan Philipsz durch den Kopf, als sie die alte Weise „Lowlands Away“ für ihre gleichnamige Installation aufnahm. Dazu muss man wissen, dass das Wasser die zusammenführende Idee bildet, der Kanal, in den die ermordete Rosa Luxemburg geworfen wurde, die Flüsse, welche die Wäscherin Anna Livia Plurabelle in Joyces letztem Roman verkörpert, und das Meer, das den ertrunkenen Schotten aus der Ballade umspült.

Ursprünglich in Glasgow, der Geburtsstadt der Künstlerin, beim Internationalen Festival für bildende Kunst unter drei Brücken des Clyde dargeboten, wurde das aus drei überlagerten Varianten der Ballade bestehende Werk für die diesjährige Schau der vier Turner-Preis-Bewerber in eine Galerie von Tate Britain transponiert. Bis auf drei Lautsprecher, aus denen der geisterhaft-melancholische Gesang von Susan Philipsz trieft, ist der Raum leer.

Die Künstlerin versteht sich als Bildhauerin, die mit Lauten modelliert. Statt eines Meißels setzt die in Berlin lebende Schottin die eigene Stimme als Werkzeug ein, wobei der Ausgangspunkt stets die Plätze sind, auf denen sie ihre Werke ortet, seien es Galerien, Supermärkte oder Freiräume. Es geht ihr dabei um die skulpturalen Eigenschaften des Klangs und um die emotionalen und psychologischen Effekte, die ihr fast aufdringlich intimes, obgleich entkörperlichtes Singen beim Zuhörer erweckt. So weit, so gut. Die Strapazierung des herkömmlichen Begriffs von bildender Kunst ist schon lange Bestandteil des Turner-Preises. Jedes Jahr wird ein britischer oder ein in Britannien arbeitender Künstler von unter fünfzig Jahren mit dieser begehrten Auszeichnung versehen.

Diesmal ist erstmals die Klangkunst prämiert worden. „Lowlands Away“ verlässt sich ganz auf gedankliche Bilder, die der Zuhörer für sich malen muss, sofern er empfänglich ist für diesen sinnlichen Überfall und der Aufforderung folgt, über das Selbstgefühl im Raum zu reflektieren. Susan Philipsz treibt die Abstraktion auf einen Gipfel mit einer Kunst, die ohne visuelle Anhaltspunkte auskommt. Das sei nicht bildende Kunst, sondern Musik, rufen die Kritiker. Aber die Anything-goes-Kultur hat sich längst von solchen Kriterien verabschiedet.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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