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Tunesien : Bücher brauchen kein Visum mehr

Bertrand Delanoë (li.), der amtierende Bürgermeister von Paris, besucht im Februar 2011 die Buchhandlung „Clairefontaine” in Tunis Bild: AFP

Ein ganzes Schaufenster mit verbotenen Werken: Nach der Flucht des Diktators Ben Ali blüht die tunesische Literaturszene auf. Früher musste jedes Buch dem Innenministerium vorgelegt werden, jetzt sind vor allem kritische Werke der Renner.

          Nachdem Ben Ali das Land verlassen hatte, ging alles sehr schnell. Nur acht Tage hat es gedauert, bis die tunesische Übergangsregierung im Fernsehen verkünden ließ, dass nach der Aufhebung der Pressezensur auch der Import von Büchern keiner Kontrolle mehr unterliege. Das war am 22. Januar. Noch am selben Tag, sagt der Buchhändler Faouzi Daldoul, habe er eine Liste nach Frankreich geschickt, auf der Bücher standen, die er in seiner Buchhandlung „Clairefontaine“ in Tunis seit Jahren nicht anbieten durfte. „Es war ein großer Moment.“

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Unter der Herrschaft Ben Alis war es üblich, dass Buchhändler ihre Bestellungen dem Innenministerium vorlegen mussten, bevor sie abgeschickt werden durften. Noch bis vor kurzem benötigten Bücher ein Visum, um nach Tunesien eingeführt werden zu können. Dieses Visum vergab das Ministerium. Das Prozedere dauerte manchmal mehrere Monate, sagt Daldoul, vor allem in den letzten Monaten vor dem Sturz des Regimes hätten sich die Kontrollen verschärft. Die Gründe, warum ein bestimmter Titel kein Visum erhielt, habe das Ministerium nie mitgeteilt. „Wir haben uns nicht getraut, danach zu fragen, weil uns das noch größere Schwierigkeiten bereitet hätte.“ Jetzt ist alles anders. Eine Visumspflicht für Bücher gibt es nicht mehr.

          Werke von Oppositionellen waren nicht zu bekommen

          Auch Selma Jabbès, deren Buchladen an der Avenue Bourguiba in Tunis der Zensur unterlag, erzählt, sie habe gleich ihr ganzes Schaufenster mit ehemals verbotenen Titeln dekoriert. Es waren vor allem Bücher, die sich kritisch mit Ben Ali auseinandersetzten. „La Régente de Carthage“ von den französischen Journalisten Nicolas Beau und Catherine Graciet dürfte das bekannteste von ihnen sein. Das 2009 in Frankreich erschienene Buch beschreibt den Aufstieg und die Machenschaften von Leila Trabelsi, der Frau des ehemaligen Diktators. 1600 Exemplare habe sie bestellt, sagt Selma Jabbès. Gut vier Wochen später hat sie gerade noch hundert übrig, der Rest ist verkauft. Auch Faouzi Daldoul hat in seinen vier Filialen die Erfahrung gemacht, dass derzeit kein anderes Buch in Tunesien so reißenden Absatz findet wie dieses. Dabei, so betonen beide, seien gerade importierte Bücher in Tunesien ein Luxusartikel. Oft kosteten sie zwischen fünfzehn und zwanzig Euro - stolze Beträge angesichts der tunesischen Lebensverhältnisse.

          Eine offizielle Liste der verbotenen Bücher hat es nie gegeben. Aber Faouzi Daldoul hat sich einmal die Mühe gemacht, alle Titel aufzuschreiben, die er nicht bestellen konnte. Auf dieser nichtoffiziellen schwarzen Liste finden sich vor allem politische und politiktheoretische Werke, etwa über die großen Diktaturen der Geschichte (“Les grandes dictatures de l'histoire“ von Ibrahim Tabet) und die Menschenrechte (“Les droits de l'homme“ von Emmanuelle Duverger). Auffallend viele Bücher beschäftigen sich auch mit der Geschichte Tunesiens, der Geschichte des Islams und der arabischen Welt sowie mit dem Aufstieg von Al Qaida. Werke von tunesischen Oppositionellen waren auch nicht zu bekommen. Das 2009 in Frankreich postum erschienene „Mon combat pour les lumières“ (Mein Kampf für das Licht) von Mohamed Charfi, der von 1989 bis 1994 Bildungsminister unter Ben Ali war und später zum Regimekritiker wurde, hat erst jetzt seinen Weg auf die Ladentische gefunden.

          Mit Romanen gab es wenig Schwierigkeiten

          Auch Bücher über Sexualität und die Rolle der Frauen in den Maghrebstaaten waren bislang nicht erhältlich. Gerade Erotik sei ein Tabu gewesen, sagt Faouzi Daldoul. Von Texten dieser Sujets hat er allerdings auch jetzt keine Exemplare bestellt. Seine Buchhandlung habe sich auf literarische und sozialwissenschaftliche Werke spezialisiert, sagt er, „nicht auf Vulgäres“. Der Buchhändler fürchtet, für derlei Titel keine Abnehmer zu finden.

          Die meisten Tunesier kaufen ihren Lesestoff nach wie vor in Buchläden. Eine Bestellung über das Internet ist nicht möglich, weil die tunesische Währung, der Dinar, nicht frei konvertibel ist und somit, etwa von Amazon, als Zahlungsmittel nicht anerkannt wird. „Zurzeit ist die Lage unklar in diesem Land, also wollen die Menschen sich über die Vergangenheit informieren, um für die Zukunft klarer zu sehen“, sagt Daldoul. Als Kaufmann gilt sein hauptsächliches Interesse auch deswegen den Sachbüchern. Mit Romanen habe es überdies vergleichsweise wenig Schwierigkeiten bei der Zensur gegeben. Nur wenige belletristische Werke bekamen früher kein Visum. Darunter zum Beispiel „Die Nonne“ von Denis Diderot und „Plattform“ von Michel Houellebecq, das wegen seiner Islamkritik in Tunesien unerwünscht war und, wie Daldoul meint, wohl immer noch ist. Das jüngste Werk von Houellebecq, „La carte et le territoire“ (Karte und Gebiet), das immerhin den Prix Goncourt gewonnen hat, habe sich in seinem Laden jedenfalls so schlecht verkauft wie kein anderes Buch in den sechzehn Jahren, in denen er als Buchhändler arbeite.

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