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Türkische Aleviten : Gebt die Religion frei!

Die Aleviten gehen auf die Straße, hier noch in Deutschland, jetzt auch in der Türkei Bild: picture-alliance/ dpa

In der Türkei protestieren die Aleviten erstmals öffentlich für die Anerkennung ihrer marginalisierten Religionsgemeinschaft und die Abschaffung der Religionsbehörde Diyanet. Würden ihre Forderungen umgesetzt, wäre das ein großer Schritt auf dem Weg zu einer säkularen Türkei.

          Das hat bisher noch niemand so offen gewagt. Die Aleviten in der Türkei verlangen vom Staat die Abschaffung der Religionsbehörde, der Diyanet. Doch nicht nur das, zum ersten Mal in der Geschichte der Türkei sind die Aleviten auf die Straße gegangen, um für ihre Rechte, für die Anerkennung ihrer Religionsgemeinschaft und ihrer Gotteshäuser zu demonstrieren. Fast hunderttausend Menschen versammelten sich am 9. November in Ankara zu der Großkundgebung. Angesichts der jahrhundertelangen Verfolgung und der seit der Gründung der türkischen Republik bis heute anhaltenden Marginalisierung der Religionsgemeinschaft war das an Mut kaum zu überbieten.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Unter frommen Sunniten gelten Aleviten als Häretiker, im Jahr 1993 legten deshalb islamische Eiferer in der ostanatolischen Stadt Sivas Feuer in einem Hotel, siebenunddreißig alevitische Intellektuelle und Künstler starben in den Flammen. Der Diyanet sind alle Belange islamischer Religionsausübung im Land unterstellt. Würde die Forderung der Aleviten umgesetzt, sie abzuschaffen, verbesserte sich nicht nur die Situation der religiösen Minderheiten in der Türkei. Der Staat wäre auch in der Lage, endlich sein größtes Versprechen einzulösen, nämlich säkular zu sein.

          Der sunnitische Islam als Maß aller Dinge

          Eine wirkliche Trennung von Staat und Religion hat es in der Türkei noch nie gegeben, genauso wenig existierte jemals Gleichheit vor dem Gesetz für alle Glaubensgemeinschaften. Die sufistischen Bruderschaften sind seit 1925 verboten. Nur Christen und Juden werden als religiöse Minderheiten anerkannt. Schätzungen sprechen von zwanzig Millionen. Die türkische Staatsreligion ist der sunnitische Islam – auch wenn er offiziell nie dazu erklärt worden ist. Er ist in der Türkei das Maß aller religiösen Dinge, denn nur ihn erkennt die Diyanet als muslimisch an.

          Staatsgründer Kemal Atatürk schuf die Religionsbehörde als Instrument nationalstaatlicher Integration. Die Diyanet genießt Verfassungsrang; über sie kontrolliert der Staat alle religiösen Angelegenheiten im Land. Die Diyanet ist Herr der Imame und der siebzigtausend Moscheen des Landes, sie organisiert den Religionsunterricht in den Schulen, bereitet die Freitagspredigten vor und überwacht die Publikation des Korans. In Gestalt der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) ist das Amt auch in Deutschland vertreten.

          Unerfüllte Hoffnung auf Anerkennung

          Finanziert wird es aus Steuergeldern, die alle türkischen Bürger unabhängig von ihrem Glauben entrichten müssen. Laut einer Umfrage glauben achtzig Prozent der Türken, dass die Behörde unter politischem Einfluss steht. Im August 2001, mitten in der damaligen schweren Finanzkrise in der Türkei, forderten die Imame in einer Freitagspredigt die Gläubigen auf, ihre Bankeinlagen und ihr Bargeld in einheimische Türkische Lira und nicht in Devisen zu halten – Politiker und Wirtschaftverbände hatte zuvor Ähnliches verlangt.

          Genaue Zahlen, wie viele Angehörige der alevitischen Glaubengemeinschaft in der Türkei leben, existieren nicht. Dass ihre Kinder von der Diyanet zu einem Religionsunterricht verpflichtet werden, der nichts mit ihrem Glauben zu tun hat und ihnen bisweilen Ketzertum unterstellt, dass die Regierung die alevitischen Gotteshäuser, die „Cemevi“, nicht anerkennt und sie anders als Moscheen keine staatliche Unterstützung erhalten, wollen die Aleviten nicht länger hinnehmen. Sie hatten gehofft, dass sich ihre gesellschaftliche Stellung unter Ministerpräsident Erdogan verbessern würde – nachdem der im Jahr 2002 zusammen mit Abdullah Gül, damals noch Außenminister, ein „Cemevi“ in Istanbul besucht hatte, unterstützten viele Aleviten mit ihrer Stimme Erdogans Partei, die AKP. Angekündigte Reformen aber bleiben bisher aus.

          Schritte zur Säkularisierung

          „Wir nehmen die Gedanken von den Rändern nicht zur Kenntnis“, sagte der für Religionsangelegenheiten zuständige Staatsminister Said Yazicioglu jetzt über die Demonstrationen in der Hauptstadt. Doch offenbar haben die Forderungen der Aleviten die türkische Politik stärker erschüttert, als Ankara es glauben machen will. Denn nun scheint sich ausgerechnet Devlet Bahceli, das Oberhaupt der nationalistischen Partei MHP, für die Aleviten einzusetzen – bisher war die MHP, die vehement für eine türkische Nation aus sunnitischen Muslimen eintritt, die absolute Antipode aller Minderheiten in der Türkei, insbesondere der alevitischen. „Gegenseitige Ängste und Vorurteile müssen überwunden werden“, sagte Bahceli bei einem Treffen seiner Partei.

          Doch man sollte die Aleviten davor schützen, sich von Interessengruppen, die eine Polarisierung der türkischen Gesellschaft vorantreiben wollen, politisch missbrauchen zu lassen. Offensichtlich kursiert in der Türkei die Angst, dass weitere religiöse Minderheiten für ihre Rechte auf die Straße gehen könnten. Denn dann geriete die Diyanet vielleicht tatsächlich ins Wanken und mit ihr der Vormachtsanspruch des sunnitischen Islam. Und das wäre ein großer Schritt auf dem Weg zu einer säkularen Türkei.

          Quelle: F.A.Z.

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