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Türkische Absurditäten : Käse und Honig statt Genozid

Ob Melonen, Astronauten, Hühner oder Radieschen - türkische Skulpturen und Denkmäler zeigen ein kindlich-naiv anmutendes Land Bild: Meltem Parlak, spektakulersehirheykelleri.tumblr.com

Das Denkmal für Menschlichkeit im osttürkischen Kars ließ Tayyip Erdogan abreißen, weil es ihm angeblich nicht gefällt. Was das Land tatsächlich an absurden Denkmälern zu bieten hat, trägt jetzt eine türkische Stadtplanerin zusammen.

          Vom „Denkmal der Menschlichkeit“ in der osttürkischen Stadt Kars, das an den Völkermord an den Armeniern erinnert, sind in diesen Tagen die letzten Steine abtransportiert worden. Als „abscheulich“ und „monströs“ hatte der türkische Ministerpräsident die dreißig Meter hohe Skulptur des Bildhauers Mehmet Aksoy bezeichnet und deshalb befohlen, sie schnellstmöglich abzureißen (siehe Denkmal in der Türkei: Mit der Abrissbirne gegen Versöhnung ).

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Dass in Wirklichkeit eher politische als ästhetische Überlegungen dafür ausschlaggebend waren, verstand jeder in der Türkei. Auch deshalb, weil dort ansonsten eine unermessliche Großzügigkeit im Umgang mit künstlerisch tatsächlich fragwürdigen Denkmälern regiert. Was das Land in diesem Sinne an Absurditäten zu bieten hat, trägt nun die türkische Stadtplanerin Meltem Parlak auf ihrem Blog „Spektaküler Sehir Heykelleri“ - „Spektakuläre Stadtsskulpturen“ (http://spektakulersehirheykelleri.tumblr.com/), zusammen.

          Monster-Huhn mit Eiern

          Seit Beginn der Abrissarbeiten erfreut sich ihr Blog nationaler Beliebtheit. Da ist eine riesige weiße Katze in türkischer Tracht zu sehen, die in Ankara einen Kreisverkehr bewacht; da steht in Sivas ein Hund groß wie ein Elefant auf einem künstlichen Steinhaufen; da sitzt im Städtchen Katha eine bronzene Frauenstatue auf einem Mittelstreifen und knetet selbstvergessen Brotteig. Und im Hafen von Marmaris blickt einem ein Astronaut der Nasa entgegen, den man aufgrund der maritimen Umgebung zunächst für einen Tiefseetaucher hält.

          Ob Melonen, Astronauten, Hühner oder Radieschen - türkische Skulpturen und Denkmäler zeigen ein kindlich-naiv anmutendes Land

          Vor allem aber, wenn es ums Essen geht, scheut man in der Türkei weder Größe noch Gewicht: Im Städtchen Baryampasa, in dessen fruchtbarer Umgebung Gemüse aller Art gedeiht, wächst eine haushohe grüne Artischocke zwischen Plattenbauten; in Inegöl, das bekannt ist für Grillspezialitäten, stößt eine riesige Hand eine Gabel mit einem Fleischkloß in den Himmel; in Osmaniye beschattet ein sechs Meter hohes Radieschen einen Springbrunnen; und am Sünnet See nahe dem Ort Bolu sitzt ein weißes Monster-Huhn in seinem Nest und brütet Eier.

          Stolzer Atatürk

          Es ist eine kindlich-naiv anmutende Türkei, die Meltem Parlak anhand der städtischen Skulpturen und Denkmälern in ihrem Blog zeichnet. Stolz zeigt jeder Ort, womit er wuchern kann. Mit Vorliebe werden die in Stein gemeißelten oder in Bronze gegossenen Aushängeschilder deshalb auch an Zufahrtsstraßen ins Stadtzentrum plaziert. Einmal dort angekommen, begegnen einem meistens jedoch nur noch Statuen von Mustafa Kemal Atatürk. Kreativen Freiraum, wie er ansonsten zu beobachten ist, erlaubt man sich in der Türkei bei seiner Darstellung freilich nicht: Stets wird der Staatsgründer ernst und aufrecht gezeigt. Erst mit ihm wurde in der Türkei die Denkmaltradition geboren. Während des Osmanischen Reiches gab es diese Form der Erinnerungskultur nicht. Ob und was für eine Skulptur im öffentlichen Raum aufgestellt wird, darüber entscheiden in der Türkei die jeweiligen Stadtverwaltungen. Anders als in Deutschland üblich, werden in der Regel keine Wettbewerbe unter Künstlern ausgeschrieben, wenn es um die Ausarbeitung einer Idee geht. Umgesetzt werden statt dessen die Phantasien von jenen Beamten, die im Rathaus gerade an der Macht sind. Sie vergeben den Auftrag an einen Handwerker oder Künstler, meistens ist es ein befreundeter.

          Die Stadt Kars hat derweil mitgeteilt, dass an der Stelle des abgerissenen „Denkmals der Menschlichkeit“ eine neue Skulptur entstehen soll. Sie wird ein Stück Käse und Honig zeigen.

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