Dominiki Yordanopulus zieht sein Handy hervor. Diese moderne Technik sei ganz wunderbar, sagt der alte Herr in fließendem Französisch, denn so könne er sein Hochzeitsfoto immer bei sich tragen: Ein junger Mann mit mächtigem Schnurrbart erscheint auf dem Display, neben ihm steht eine zarte Frau in Brautkleid und Schleier. Um den Hals trägt sie ein winziges armenisches Kreuz. Dominiki Yordanopulus ist sechsundsechzig Jahre alt. Er ist Türke mit griechischen Wurzeln, seine Frau Rebecca war Armenierin. Dominiki Yordanopulus lebt in einem Istanbuler Altenheim als einer von vier Christen unter etwa fünfhundertfünfzig Muslimen. So war das eigentlich nicht gedacht.
„Darülaceze“ heißt die von dicken Mauern umgebene Einrichtung, die Sultan Abdülhamid II. im Jahr 1895 als Zufluchtsort für alte und bedürftige Menschen im heutigen Stadtteil Okmeydani gegründet hat. Vor dem mächtigen Tor führt die Istanbuler Stadtautobahn vorbei, früher übten die Sultane sich dort im Bogenschießen - an manchen Stellen sind die Steine, mit denen die Distanz angezeigt wurde, noch zu sehen. Istanbul hieß damals noch Konstantinopel und war Zentrum eines Reiches, das jeder Religionsgemeinschaft Autonomie zugestand. Dieser Grundsatz hatte auch für das „Darülaceze“ zu gelten: Jedem Bedürftigen wurde dort ein Platz geboten, ganz gleich, welcher Religion er angehörte, und jeder sollte dort seine Religion leben können - die jeweiligen religiösen Feiertage, die Riten und mit einem Speiseplan, wie ihn die jeweilige Gemeinschaft vorsieht.
Die Synagoge, die griechisch-orthodoxe Kirche und die Moschee, die Sultan Abdülhamid II. auf dem Gelände errichten ließ, existieren bis heute: drei kompakte Kuppelbauten, kein Kirchturm, nur ein Minarett. Der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan hat die Kirche und die Synagoge im Jahr 1995 restaurieren lassen. Die armenische und die katholische Kirche hingegen wurden in Nutzräume umgewandelt - mit der steigenden Anzahl muslimischer Bewohner lohnte sich deren Betrieb nicht mehr. Das Ideal der religiösen Gleichberechtigung war mit dem Zerfall des Osmanischen Reiches und mit der Geburt der türkischen Republik gestorben. Viele Christen und Juden wurden aus Istanbul vertrieben, viele Armenier umgebracht. Heute ist es in der Türkei fast unmöglich, die Erlaubnis zum Bau einer neuen Kirche oder Synagoge zu bekommen.
Priester mit Touristenvisum
Vor allem das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel, das seinen Sitz seit mehr als vierhundertfünfzig Jahren im heutigen Istanbul hat, und dem dreihundert Millionen orthodoxe Christen auf der ganzen Welt angehören, kämpft seit dem Bestehen der laizistisch-kemalistischen Republik: Patriarch Bartholomäus I. darf nach einem Gerichtsentscheid nicht den Titel ökumenisch gebrauchen, die türkische Regierung verweigert ihm jegliche rechtliche Anerkennung. Seit Jahren setzt er sich für die Wiedereröffnung der im Jahr 1971 von der türkischen Regierung geschlossenen theologischen Hochschule von Chalki nahe Istanbul ein. Denn ohne die Priesterausbildungsstätte kann das Patriarchat auf Dauer nicht überleben. Nach türkischem Recht muss der Patriarch nämlich türkischer Staatsbürger sein.
Theologen, die im Ausland studiert haben, entzieht die Türkei jedoch regelmäßig die Staatsbürgerschaft. Aus dem Ausland kommende Priester bekommen weder eine Arbeits- noch eine Aufenthaltserlaubnis. Sie sind mit einem Touristenvisum in Istanbul tätig und müssen alle drei Monate das Land verlassen, um dann mit neuem Visum einzureisen. Dass es Bartholomäus I. am Wochenende gewagt hat, in einer amerikanischen Nachrichtensendung zu sagen, Christen würden in der Türkei als Menschen zweiter Klasse behandelt, sorgt in Ankara dennoch für Aufregung. „Die türkische Regierung wäre froh, wenn diese Kirche nicht existierte oder das Land verließe. Das wird aber nicht geschehen“, erklärte der Patriarch.
Verarmte Prinzessinnen, Maler und Komponisten
Die griechisch-orthodoxe Gemeinde, in der die Familie von Dominiki Yordanopulus eingebettet war, fiel in der Nacht vom 6. auf den 7. September 1955 einem Pogrom zum Opfer. Etwa hunderttausend Griechen verließen daraufhin das Land, heute leben nur noch etwa tausendfünfhundert in Istanbul. Auch seine Verwandten wohnten auf der ganzen Welt verstreut, sagt Dominiki Yordanopulus. Ein Großcousin sogar in Australien. Ob er jemals Schwierigkeiten wegen seiner Religion gehabt habe? „Nein“, sagt der alte Herr sehr schnell, „ich war sogar in der türkischen Armee!“ Eigentlich wollte er in das Altenheim des französischen Schwesternordens „Petites Sœurs des Pauvres“ ziehen. Doch dort war die Warteliste zu lang.
In Istanbul ist das „Darülaceze“ jedem ein Begriff. Verarmte Prinzessinnen, Maler und Komponisten haben dort ihren Lebensabend verbracht. Wenn die Stadtbewohner von dem Haus erzählen, dann sind sie begeistert, berichten von „Harmonie“ und „Einzigartigkeit“. Es klingt, als hätten die religiösen Minderheiten der Türkei dort Hundertschaften von Senioren untergebracht, die sich zwischen Mittagessen und Nachmittagstee zum Beten in die Synagoge, die Kirche oder in die Moschee zurückziehen, die jeweiligen Feiertage aber fröhlich gemeinsam feiern. Ein buntes, rüstiges Völkergemisch hat man vor Augen. Und so war es ja tatsächlich einmal gemeint.
Es gibt nur muslimisch und nichtmuslimisch
Fragt man heute die Dame von der Heimverwaltung, wie viele Christen und wie viele Juden denn nun auf dem Gelände leben, erntet man jedoch nur einen verständnislosen Blick. Für das Heim zählt - wie auch für den Rest der Türkei - nur noch die Unterscheidung zwischen muslimisch und nichtmuslimisch. Für das genaue Zahlenverhältnis müsse sie erst in den Büchern nachsehen. Dominiki Yordanopulus aber weiß Bescheid: „Es gibt mich, sechs Armenier und außerdem drei Juden. Aber natürlich bin ich auch mit den Muslimen befreundet, wir machen da keine Unterschiede“, sagt er und rückt seinen Hut zurecht. Wie jeden Tag trägt Dominiki Yordanopulus auch heute Krawatte, ein dunkelblaues Sakko und blankgeputzte Hackenschuhe. So habe er sich schon gekleidet, als er noch als Elektrotechniker die kaputten Straßenlaternen entlang des Bosporus repariert habe, erzählt er. Zwischen den anderen Heimbewohnern wirkt er dennoch wie ein Bote aus einer anderen Zeit.
Dominiki Yordanopulus will seine Kirche, die Aya Yorgi Kilisesi, zeigen. Religion sei ihm wichtig, sagt er, auch wenn er nicht viel von dem Gerede der Priester und Nonnen hält. Die Kirche ist abgeschlossen. Es dauert eine Weile, bis der Mann von der Sicherheitszentrale den Schlüssel gefunden hat. Dann öffnet sich die Tür: Etwa fünfzig Menschen fänden in der Kapelle Platz. Die Wände sind mit Heiligenbildern geschmückt, der Boden mit kostbaren Teppichen. Früher kam sonntags regelmäßig ein Geistlicher in das „Darülaceze“, um die Messe zu halten. Doch das ist lange her. Heute müsste Dominiki Yordanopulus die Heimverwaltung bitten, dass sie einen Pfarrer aus einer anderen Gemeinde herbestellt. Das aber ist ihm unangenehm. Wenn er beten will, geht er deshalb in die französische Kirche Notre-Dame de Sion, die in einem benachbarten Stadtteil liegt. Dort wird er auch Weihnachten feiern.
Der Begriff Religionspolitik ist ein Widersprich in sich
thomas schulz (peanutbutter)
- 25.12.2009, 13:50 Uhr
Die Zukunft wird es zeigen...
Faruk Yalcin Dinc (fereli)
- 25.12.2009, 14:38 Uhr
In der Türkei gibt es keine Religionsfreiheit
Harald Klingelhöfer (Harald_K)
- 25.12.2009, 14:44 Uhr
Die türkische Republik ist gar nicht so übel!
Itzhak Levinski (mohel)
- 25.12.2009, 14:58 Uhr
Religion?
Christian Schmidt (Chris2612)
- 25.12.2009, 18:07 Uhr