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Türkei Atatürk für alle Fälle

11.11.2009 ·  Vor einundsiebzig Jahren starb Mustafa Kemal Atatürk, der Begründer der modernen Türkei. Noch immer bringt man ihm höchste Verehrung entgegen. Auf sein Erbe berufen sich viele zu unterschiedlichen Zwecken. Hat er der Türkei mehr als ein säkulares Oberflächenkonstrukt gebracht?

Von Karen Krüger, Istanbul
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Wie jedes Jahr stand am 10. November um 9.05 Uhr in Istanbul das Leben still. Wie überall im Land ertönten in diesem Moment Sirenen, stoppte der Verkehr, die Menschen blieben auf der Straße stehen und senkten den Blick. Auf die Minute genau vor einundsiebzig Jahren starb Mustafa Kemal Atatürk, der Gründer der modernen Türkei.

Für den Beobachter ist überraschend, wie lebendig der Kult um Atatürk in der Türkei bis heute ist. Das Konterfei des Staatsgründers ist allgegenwärtig. Auch ein Entrinnen aus der ideologischen Hegemonie des Über-Vaters scheint für die türkische Gesellschaft nur schwer möglich zu sein. Seine Lehren gelten als vollkommen, schon Grundschulkinder müssen sie auswendig lernen. „Jugend der Türkei, höre, Deine vornehmste Aufgabe wird die Wahrung und Verteidigung der Türkischen Republik unter allen Umständen sein“, so lautet eine von ihnen. Als ein Schuljunge es vor einigen Monaten wagte, Atatürk als „Rindvieh“ zu bezeichnen, zeigte ihn sein Lehrer an, der Junge kam vor Gericht.

Flexibler Umgang mit dem Erbe

Eine klare Linie, wie die Lehren Mustafa Kemals zu verwenden sind und wer sich ihrer bedient, existiert nicht mehr. Der Dogmatismus, den der türkische Staat über Jahrzehnte im Umgang mit Atatürk pflegte, hat aus ihnen eine Waffenkammer gemacht, in die jeder mit einem politischen Anliegen greift. Geht es um Argumente gegen den EU-Beitritt, dann werden Atatürks Reden zur nationalen Unabhängigkeit zitiert. Befürworter verweisen dagegen auf sein Ziel, das Land zu einem europäischen Staat zu machen. Geht es darum, fromme Muslime in ihre Schranken zu weisen, dann wird an Atatürks Gesetze erinnert, mit denen er die Religion aus dem öffentlichen Leben drängte. Die Betroffenen rufen hingegen seine respektvolle Haltung gegenüber der Religion ins Gedächtnis. Bei Demonstrationen, ganz gleich, ob es um Arbeiter-, Frauen- oder Lehrerrechte geht, wird Atatürk um Hilfe angerufen. Sogar Ministerpräsident Tayyip Erdogan, dem viele nachsagen, einen islamischen Staat errichten zu wollen, soll schon einmal die Lehren Atatürks als noch immer zukunftsweisend für die Türkei bezeichnet haben. Ob er das ernst meinte, ist ungewiss. Ob er damit nicht irrt, erst recht.

Selbst türkische Intellektuelle wagen inzwischen zu sagen, dass die kemalistischen Dogmen und die Folgelasten der versuchten ethnischen Homogenisierung seit Atatürk einer Normalisierung des politischen Lebens mitunter im Wege stehen. Atatürk hat der Türkei die Republik gebracht, die modernen Gesetze, die Frauenrechte, die Abschaffung des Kalifats, die Trennung von Staat und Religion im öffentlichen Leben und die säkulare Erziehung – alles im Namen einer Nation, die der Staat jedoch erst schaffen musste. Atatürk und seine Weggefährten konstruierten ihn: radikal, schnell und autoritär.

Säkulares Oberflächenkonstrukt

Die ständisch-religiöse Binnengliederung des Osmanischen Reiches, die Christen, Juden und Fremdvölkern eigenständige Lebensbereiche garantierte, wurden abgeschafft. Die Existenz des kurdischen Volkes negiert. Eine nationale Geschlossenheit wurde proklamiert, deren Bindemittel jedoch – und das ist bis heute das wahrscheinlich größte Problem – trotz säkularen Anstrichs auf der islamischen Homogenität der Bevölkerung gründete. Der britische Historiker Perry Anderson hat den von Kemal Atatürk errichteten säkularen Staat deshalb als Oberflächenkonstrukt beschrieben: In staatlicher Regie wurde die Religiosität von der Öffentlichkeit ins Private abgedrängt, dennoch aber blieb sie das wichtigste Bindemittel der überwiegend agrarisch geprägten türkischen Gesellschaft. Dass inzwischen auch fromme Muslime im Land das Sagen haben und mit der AKP eine konservativ-religiöse Partei die Regierung stellt, ist für viele Türken – nicht nur für Kemalisten – kaum zu akzeptieren. Der Kult um Atatürk ist für sie auch ein Katalysator, um ihrem politischen Protest und ihrer Angst vor einer schleichenden Islamisierung Ausdruck zu verleihen.

So hatten sich nicht nur Anhänger der kemalistischen Partei CHP versammelt, als diese am türkischen Nationalfeiertag, dem 29. Oktober, in Istanbul einen Aufmarsch veranstaltete. Treffpunkt war die Bagdad Caddesi, eine der elegantesten und teuersten Einkaufsstraßen der Türkei. Viele Türken klagen, dass dort jetzt auch vermehrt Frauen mit Kopftüchern einkauften und flanierten. An diesem Abend jedoch war in der Menge kein einziges Kopftuch zu sehen. Von Festwagen dröhnte Marschmusik und von historischen Tonbandaufnahmen die Stimme Atatürks. Tausende von Menschen schwangen türkische Flaggen oder hielten Porträts des Staatsgründers in die Höhe. „Wir sind hier, um gegen das Kopftuch zu kämpfen, geliebter Vater“, riefen die Frauen. Für einen Abend war die Türkei wieder so, wie sie ihrer Meinung nach auszusehen hat: frei. Und sei es auch nur durch die Pflege eines Personenkults. Solange er nicht enttabuisiert wird, wird sich in der Türkei niemand den Widersprüchen des Kemalismus und ihren Folgen stellen.

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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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