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Tschernobyl : Die letzten Liquidatoren

Der Liquidator Arkadi Rochlin, Diagnose Krebs Bild: Rüdiger Lubricht

Sie waren 1986 die Retter Europas: Fünfundzwanzig Jahre nach Tschernobyl dokumentiert der Fotograf Rüdiger Lubricht das Schicksal der ersten Helfer, und in den geheimen Kremlprotokollen kann man lesen, wie es zu der Katastrophe gekommen ist.

          Bis zu 800.000 Menschen waren 1986 in den ersten Monaten nach der Katastrophe im Gebiet um Tschernobyl im Einsatz. Sie löschten, evakuierten, sammelten tote Tiere ein, bauten Versorgungsstraßen in die strahlende Hölle, mauerten den Reaktor ein, legten Stromleitungen dorthin, pumpten das verseuchte Wasser ab. Sie gehörten zur Armee, zur Feuerwehr, doch die meisten waren bis dahin Zivilisten. Verkäuferinnen, Krankenschwestern, Ingenieure, Arbeiter, Ärzte, Piloten, Köche, Putzfrauen.

          Regina Mönch

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Sie kamen, um zu helfen, freiwillig oder wurden dazu eingezogen. Man sorgte weder für ausreichende Schutzkleidung noch für genügend Essen, und einige aßen, weil der Hunger sie dazu trieb, schließlich auch verstrahlte Früchte, die sie in geräumten Häusern fanden. Wer einen Geigerzähler mitbrachte, bekam ihn meist vom KGB abgenommen, weil die Strahlendosis, die sie traf, sofort zu den Tschernobyler Staatsgeheimnissen zählte, im Kreml jahrelang sicher verwahrt.

          Moskau sorgte sich um den guten Ruf, und seine treuen Satrapen hatten darum am 1. Mai für eine glanzvolle Veranstaltung gesorgt: Überall in dem Gebiet, das bald schon weltberüchtigt wurde als die „Zone“, absolvierte man die Kampfdemonstrationen - wie üblich und unter strahlendem Himmel. „Wir haben alles im Griff“, war die Botschaft an die Welt. Sogar den leisen Tod. Parteibonzen saßen auf Tribünen und schauten den folkloristischen Darbietungen ihres Volkes zu, an den Sonderkassen der Reisebüros des Zentralkomitees der KPdSU jedoch standen die Familien der Funktionäre Schlange, um sich in Sicherheit zu bringen. Sowjetunion pur, kurz vor Schluss.

          Der Liquidator und Kommandeur des Sonderbataillons 731, Oberst Mikolai Bosyi im Jahr 2010
          Der Liquidator und Kommandeur des Sonderbataillons 731, Oberst Mikolai Bosyi im Jahr 2010 : Bild: Rüdiger Lubricht

          Keine schriftlichen Dokumente

          Oberst Mykola Bosyi ist längst Pensionär. Liquidatoren wie ihn hat die Stiftung „Internationales Bildungs- und Begegnungswerk“ (IBB) in Minsk ausführlich befragt und einige der Interviews, zum Teil stark gekürzt, im Katalog für eine Ausstellung im Berliner Willy-Brandt-Haus veröffentlicht. Vor 25 Jahren war Bosyis Einheit eine der ersten, die zum brennenden Reaktor geschickt wurden. Von Hubschraubern aus, zweihundert Meter über dem Höllenschlund, begannen sie, Sand, Blei, Blähton und dergleichen abzuwerfen. Nicht nur die Hubschrauber und Container waren bald verstrahlt. Seine Leute schliefen am Flugplatz, es gab keine Waschanlagen. „Jeder Soldat strahlte wie ein kleiner Reaktor“, sagt Bosyi im Zeitzeugengespräch.

          Seine Einheit wurde bald aufgestockt: Man berief Zivilisten ein, über die „Spezialeinheit 731“ wurde am 29. April 1986 das Kriegsrecht verhängt - mündlich, wie im Krieg. Die notwendige Ausrüstung für dieses Himmelfahrtskommando wurde den Neuen verwehrt. Sie beluden, berichtet Oberst Bosyi, die Container - später wurden Fallschirme genommen - zuweilen mit bloßen Händen.

          Es gibt keine schriftlichen Dokumente über diese Vorgänge und inzwischen kaum noch Zeugen. Fast drei Viertel der Soldaten der Spezialeinheit 731 sind tot; die 180 Männer, die noch leben, sind schwerkrank. Volodymyr Gudov, ebenfalls Zeitzeuge für das IBB, wurde 1986 als Zivilist eingezogen und hat vor kurzem ein Buch über die Tragödie der Spezialeinheit 731 geschrieben. Als es erschien, wurde seine Rente von umgerechnet 250 auf 150 Euro gekürzt. Tschernobyl als Synonym für das Lebensschicksal Hunderttausender ist immer noch ein Reizthema für die Behörden, eine Geschichte mit blinden Flecken ohne Zahl - egal, was Abschlussberichte behaupten.

          Keine Lobby für die Opfer

          Diesen vergessenen Helden der ersten Stunde, die, sofern sie noch leben, alle wissen, was ihnen geschah, und die überzeugt sind, mit ihrem Einsatz Europa vor Schlimmerem bewahrt zu haben, hat das Willy-Brandt-Haus in Berlin jetzt eine erschütternde Ausstellung gewidmet. Der Fotograf Rüdiger Lubricht hat über viele Jahre deren Lebensschicksale dokumentiert und die verlorene Heimat Hunderttausender fotografiert, die nun für immer Geisterstätte ist. Und er hat Liquidatoren porträtiert, Männer und Frauen, die zuerst als Helden gefeiert und später zu unerwünschten Zeugen der Katastrophe wurden. Für den Dokumentaristen zogen sie noch einmal ihre Uniform an und steckten sich die vielen Orden an die Brust, die man ihnen auch verlieh, damit sie Ruhe geben.

          Überlebende Liquidatoren störten nicht nur das Selbstverständnis des totalitären Sowjetsystems. Die Internationale Atomenergiebehörde erkennt bis heute nur 31 Todesfälle für die Reaktorkatastrophe an. Die Männer und Frauen in Lubrichts Porträtgalerie haben es anders erlebt, nicht wenige der für die Ausstellung publizierten Selbstzeugnisse enden mit der knappen Mitteilung, dass von ihren Kameraden nur noch die wenigsten leben, ausnahmslos schwerkrank. Allein die Ukraine zahlt an 17.000 Familien Hinterbliebenenrenten, weil deren Ernährer an den Folgen ihres Liquidatoren-Einsatzes verstarben.

          Einige konnten nur überleben dank medizinischer Hilfe aus Europa, die zumeist privat organisiert wurde. Oleksandr Kumarynets, auch ein 731er, dankt im Katalog noch einmal den deutschen Ärzten, die ihn retteten, und dem „freundlichen deutschen Volk“ und wünscht uns einen „friedlichen Himmel“, für immer. Anna Emyalyanchyk war neunzehn Jahre alt und Verkäuferin im Moskauer Kaufhaus GUM, als sie vom Komsomolzenverband nach Tschernobyl geschickt wurde. Weil sie so tüchtig und widerspruchslos arbeitete, wurde sie „ausgezeichnet“: Sie durfte direkt in der „Zone“ arbeiten. Als sie nach Hause kam, war sie krank, bis heute schmerzt sie die Ignoranz und Missachtung ihrer Kollegen. Gemeinsam mit ihren Kindern war sie mehrmals zur Kur in Deutschland. Den Kindern gehe es wieder einigermaßen gut, sagt Anna Emyalyanchyk den Interviewern vom IBB. Die chronischen Krankheiten, an denen sie selbst leidet, tauchen gar nicht erst auf in den standardisierten Berichten über Strahlenfolgen, die unser Gewissen so nachhaltig beruhigt haben. Und weil es keine Lobby gibt für Opfer wie Anna Emyalyanchyk, können Behörden sie immer noch schikanieren. Ein Schicksal, das sie mit Hunderttausenden teilt.

          Die „Taubstummen“ aus der Regierung

          Sparsam sind die Auskünfte der für dieses Zeitzeugenprojekt befragten Liquidatoren über ihren eigenen Anteil an der Eindämmung des Infernos. Lakonisch und nur ab und zu mit verhaltener Wut berichten sie ausführlicher über die groteske Desorganisation der Rettungsaktionen durch sowjetische Behörden - die Katastrophe hinter der Katastrophe, der sie ohnmächtig ausgeliefert waren und immer noch sind.

          Wer mehr dazu wissen will, lese den vor sechzehn Jahren im Berliner BasisDruck-Verlag erschienenen Bericht der ukrainischen Journalistin und späteren Volksdeputierten Alla Jaroshinskaja. Ein Bestseller ist er nie geworden. Der nüchterne, gleichwohl atemberaubende Rapport führt noch einmal in die absurde spätsowjetische Welt. 1994 bekam Alla Jaroshinskaja dafür den Alternativen Nobelpreis. Es ist das wohl umfassendste Protokoll über das Vertuschen, Ignorieren, über Unterschleif und Fälschung und über den Verrat vieler Wissenschaftler an den Menschen, die von der Reaktorkatastrophe direkt betroffen waren.

          Die Reporterin fuhr, oft ohne Genehmigung, in jene Gegend, die einmal ihre Heimat war. Dort lagen Städte und Dörfer, die man jahrelang vergessen oder ignoriert hatte, obwohl die Verantwortlichen wussten - was aber nicht öffentlich werden sollte -, dass ihre Bewohner sofort hätten evakuiert werden müssen. Mit anderen Abgeordneten kämpfte Alla Jaroshinskaja gegen das Schweigen, erreichte wenig und wurde selbst krank. Anfang der neunziger Jahre, mehr als vier Jahre hatte sie „mit den Taubstummen“ aus der Regierung und den Gebietsverwaltungen gestritten, wurde endlich eine Regierungskommission in Moskau gebildet, in die man sie berief. Sie sollten untersuchen, was tatsächlich geschehen war, wer wann was wusste und auf wessen Geheiß so viel vertuscht wurde. Es herrschte ja, zumindest war Alla Jaroshinskaja davon beseelt, Glasnost.

          „Nicht exportgeeignet“

          Sie berichtet über die Ärzte, die man zur strikten Geheimhaltung verpflichtete, damit die Krankenberichte verstrahlter Patienten, darunter die Tausender Kinder, nicht öffentlich wurden, über das Frisieren von Karten und Messdaten, um etwa Städte wie Kiew nicht evakuieren zu müssen. Und sie enthüllt einige Skandale, etwa über den Neubau von Siedlungen auf kontaminierten Böden, was deren dorthin evakuierte Bewohner durchaus wussten. Die verzweifelten darüber und ängstigten sich außerdem wegen der Versorgung mit Lebensmitteln, die nicht „sauber“ waren.

          Wie sie „schmutzig“ wurden, ist ein Politkrimi der übelsten Art. Auf allerhöchster Ebene handelten sowjetische Minister aus, welche Lebensmittel „gemischt“ wurden: Kontaminiertes Fleisch aus der Zone wurde in der ganzen Sowjetunion verteilt. Man hätte es auch vernichten können, wäre dann aber auf Hilfe aus dem Ausland angewiesen gewesen, was Eingeständnisse, die ja von der Welt gar nicht verlangt wurden, vorausgesetzt hätte. Also Verteilung im Namen des Teufels. Detailliert wurde angeordnet, wie die Wurst zu mischen sei: Empfohlen wurde ein Verhältnis von 1 zu 10 mit „normalem“ Fleisch. Bei der Milch wurden die Grenzwerte so lange heraufgesetzt, bis sie „sauber“ war, allerdings mit dem Vermerk „Nicht exportgeeignet“.

          So furchtbar wie die Katastrophe selbst

          Schließlich brachte Alla Jaroshinskaja einen Teil der geheimen Protokolle über die Folgen von Tschernobyl aus einem Panzerschrank im Kreml an sich, bevor sie heimlich vernichtet worden wären. Es war das Moskau nach dem Putsch, und einige Regierungsmitglieder, so Alla Jaroshinskaja, saßen nun im Gefängnis und dachten über ihr Leben nach. Sie machte sich das Durcheinander nach dem Putsch zunutze und bewahrt diese Konterbande bis heute in ihrem Archiv, zusammen mit amtlichen Totenscheinen der Katastrophenhelfer und Berichten über das Leben von neun Millionen Menschen, von denen viele - zum Teil bis weit in die neunziger Jahre - zu lange in verstrahlten Zonen ausharren mussten.

          Die geheimen Protokolle des Politbüros der KPdSU enthalten zum Beispiel die Berichte des Verteidigungsministeriums über Verfahren, wie die Strahlendosis aus den Akten jener Helfer zu tilgen sei, die nicht akut an der Strahlenkrankheit litten (das waren ja nur 31). Der höchsten Geheimhaltung unterlagen außerdem alle Informationen über die „Verschlechterung und den Verlust der physischen Arbeitsfähigkeit“ der Personen, die zur „Beseitigung der Folgen der Havarie“ herangezogen worden waren, Informationen über Behandlungsergebnisse und die ungeheure Zahl der bald chronisch Kranken.

          Diese Kremlprotokolle bezeugen ein großes Verbrechen, schreibt Alla Jaroshinskaja zum Schluss, das sich in andere Menschheitsverbrechen einreihe, die unter der Sowjetmacht begangen wurden: „Tschernobyl, langsames Sterben im Strahlenrausch, gehört zu den Verbrechen des Systems am eigenen Volk.“ Ein Isotop fehle in Mendelejews berühmter Tabelle, sagte sie später in ihrer Dankesrede für den Alternativen Nobelpreis. Es sei das „Isotop der Lüge-86“, genauso furchtbar wie die globale Katastrophe selbst. Und so haltbar wie das Material, das sie einst hervorbrachte, ist es scheinbar auch.

          Tschernobyl: Verlorene Orte, gebrochene Biographien. Bis zum 29. Mai im Willy-Brandt-Haus Berlin. Der Katalog, herausgegeben vom IBB Dortmund, kostet 25 Euro. Alla Jaroshinskajas Buch „Verschlusssache Tschernobyl - Die geheimen Dokumente aus dem Kreml“ ist im Basis-Druck- Verlag, Berlin, erschienen.

          Quelle: F.A.Z.

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