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Tschechische Glückseligkeit Komponistenturm

 ·  Über den Dächern der Stadt lässt sich Bohuslav Martinůs Leben erkunden. Und vielleicht auch eine Antwort darauf finden, wie er über zwei Weltkriege so ungebrochen heiter hinwegkommen konnte.

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Hunderteinundzwanzig Stufen. So weit und mühsam muss man über Stein und Holz, unter Balken hindurch und über diverse Türschwellen hinaufsteigen, um das sonderbarste und wohl bezauberndste Museum zu besichtigen, das es für einen Komponisten gibt. Sport, sagt die Wärterin schnaufend, braucht sie bei ihrem Beruf nicht zu treiben, und schließt lächelnd die letzte Tür auf: Hoch oben, in der Türmerstube der Sankt-Jakobs-Kirche über dem ostböhmischen Städtchen Polička wurde 1890 Bohuslav Martinů geboren.

Der lebenslang zierliche Winzling schlief zunächst in der Schublade der Wäschetruhe: denn die eine Turmkammer musste vier Personen Platz geben. Wundersam ist die alte Einrichtung bewahrt und zeugt von der Armut des Vaters, der nachts nach Feuern Ausschau hielt und tagsüber an einer winzigen Werkbank Schuhe nähte, während seine Frau neben ihm für Kundschaft bügelte - alles in perfekter Isolation hoch über den Dächern von Polička.

Ein Turmsohn, kein Nationalist

Der kleine Bohuslav wurde im Korb des Lastenaufzugs befördert, wenn er mal einen Ausflug in die Welt der profanen Erdenbürger unternahm. Ansonsten schulten nur die Kirchenglocken sein Gehör. Von der Balustrade herab wirkten die Menschen für den Türmersohn wie Ameisen. Und vielleicht hat diese Distanzperspektive ihm dazu verholfen, den inhumanen Gefahren seines schlimmen Jahrhunderts allzeit auszuweichen, ohne zu verbittern.

Aus Polička ging Martinů nach Prag, um schludrig Geige zu studieren. Dem Morden des Ersten Weltkriegs wich er, ausgemustert und glücklicher als der brave Soldat Schwejk, als Musiklehrer in die Heimatstadt aus. Dem tschechoslowakischen Nationalismus konnte er nichts abgewinnen und lebte ab 1923 lieber im swingenden Paris.

Als 1940 die Nazis kamen, zog er nach Amerika. Und zu den Kommunisten kehrte der gewitzte Weltmann Martinů gar nicht zurück. Die letzten Jahre - er starb 1959 - lebte er, unablässig spielerisch-klassizistische Musik voll Glanz und Virtuosität komponierend, an schönen und friedlichen Orten wie Nizza, Rom oder Liestal bei Basel. Dass er nun neben seiner französischen Frau auf dem Friedhof von Polička begraben liegt, ist ein letzter Gruß an die Bürger seiner Stadt, die dem bettelarmen Wunderkind einst kollektiv das Studium finanzierten. Über zwei Weltkriege und diverse mörderische Ideologien so ungebrochen heiter hinwegzukommen - das kann man nur auf einem Kirchturm lernen.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Venedig.

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