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Veröffentlicht: 06.02.2017, 08:14 Uhr

Trumps Chefstratege Die dunkle Seite der Macht

Krieg und Revolution sind die beiden Eckpfeiler im Denken von Stephen Bannon, dem Chefstrategen der Regierung Trump. Eine Exegese.

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© UPI/laif Die dunkle Seite der Macht: Stephen Bannon

Stephen Bannon gilt als der Ideologe hinter dem „Trumpismus“, wie er sich nach dessen ersten Tagen Regierungszeit abzeichnet. Doch eigentlich sind es nicht Ideen, die den Chefstrategen des amerikanischen Präsidenten zu einer so ungeheuren Figur machen. Was sich aus verstreuten Statements, Filmskripts und Rededokumenten an Bannons Anschauungen über die Welt herausdestillieren lässt, unterscheidet sich nicht groß von dem, was auch sehr viele andere denken: Die politischen Parteien und die Medien hätten den Kontakt zur Wirklichkeit und zum Volk verloren, der Kapitalismus sei zu einer korrupten Vetternwirtschaft verkommen, der Westen sei durch den Islamismus bedroht und überdies in Gefahr, seine eigenen jüdisch-christlichen Wurzeln zu verlieren. Doch all diese nicht so originellen Ansichten bekommen ihre spezielle Temperatur und Energie erst durch die beiden alles verschlingenden Urgewalten, auf die sie bei Bannon zulaufen: Krieg und Revolution.

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Um sich über die aktuelle Lage in den Vereinigten Staaten klarzuwerden, muss man möglichst genau verstehen, was diese beiden Begriffe, was „Revolution“ und „Krieg“ für diesen Mann bedeuten, dem der Präsident vor einer Woche sogar einen ständigen Sitz im Nationalen Sicherheitsrat verschafft hat. Als Erstes fällt auf, dass zwischen seinen Zeitdiagnosen und den vermeintlichen Heilmitteln eine Lücke klafft. Bannon gibt sich in den verfügbaren Quellen keine Mühe nachzuweisen, weshalb das eine zwingend aus dem anderen hervorgeht: weshalb es kein anderes Mittel gegen die terroristische Bedrohung geben könne als Krieg, weshalb gegen Elitenverblendung und Nepotismus nichts anderes helfe als Revolution. Es handelt sich bei ihm da vielmehr um Setzungen, die der Analyse konkreter Probleme vorausgehen.

Sein Passwort war „Sparta“

„Krieg“ war für Bannon schon längst vor dem 11. September 2001 ein Schlüsselthema, dem Tag, der nach der Aussage seiner früheren Hollywood-Mitarbeiterin Julia Jones das Datum seines Umschlags zum rechten Propagandisten markiert. Nach sieben Jahren bei der Marine, Studien der Nationalen Sicherheit und der Betriebswirtschaft sowie sechs Jahren bei der Investment-Firma Goldman Sachs war Bannon in den neunziger Jahren ins Filmgeschäft eingestiegen. Er erwarb Anteile an Fernsehserien (unter anderen an „Seinfeld“), produzierte Dokumentarfilme und schrieb Drehbücher für ehrgeizige Shakespeare-Adaptionen. Eines dieser nicht realisierten Projekte war eine Verlegung der blutigen Tragödie „Titus Andronicus“ ins Weltall; das Skript dieser Unheilsphantasie maximal galaktischen Ausmaßes fängt mit den lustvoll bedrohlichen Worten an: „Menschheit in Chaos. Außerirdische Raumschiffe schälen sich aus dem Dunkel, sonnenlose Himmel, Menschen fliehen in Panik.“

Jones, die Ko-Autorin des Drehbuchs, erzählte amerikanischen Zeitschriften auch, dass Bannon immer von den großen Schlachten des Römischen Reichs fasziniert gewesen sei, am meisten aber vom Peloponnesischen Krieg, bei dem Sparta über Athen siegte und damit der attischen Demokratie ein Ende machte; sein Computer-Passwort sei „Sparta“ gewesen. Zu Bannons Lieblingsbüchern habe „Die Kunst des Kriegs“ des antiken chinesischen Militärstrategen Sunzi gehört und das alte Hindu-Epos „Bhagavad Gita“.

44606985 © Reuters Vergrößern Der innere Zirkel: Bannon mit Donald Trump und Jared Kushner

Auch hier geht es um eine gigantische Schlacht, bei der die Gottheit Krishna dem Heerführer Arjuna den Rücken stärkt. Dass Bannons Respekt dem Krieg im Allgemeinen gilt, ganz unabhängig von dessen Zielen und ideologischen Begründungen, darauf deutet auch hin, dass er später in seiner Zeit bei der rechten Website „Breitbart“ dem nordvietnamesischen General Vo Nguyen Giap einen äußerst anerkennenden Nachruf widmete. Dessen „Kühnheit und Schonungslosigkeit“ hätten es vermocht, zwei der technisch avanciertesten Armeen der Welt – der französischen und der amerikanischen nämlich – die Stirn zu bieten. „Am Ende“, so zitiert er General Giap zustimmend, „war es der menschliche Faktor, der über den Sieg entschied“.

Alle achtzig Jahre Krieg oder Krise

Dieses gewissermaßen außerideologische Faible für Krieg als solchen begründet auch sein Interesse an Theorien, die den Krieg als anthroplogische Konstante beschreiben. Der Historiker David Kaiser schilderte in „Time“ die Begeisterung, mit der Bannon die These des Buchs „The Fourth Turning“ von Neil Howe und William Strauss aufgriff, die amerikanische Geschichte bewege sich in Achtzig–Jahr-Zyklen, an deren Ende jeweils eine große Krise wie der Bürgerkrieg oder der Zweite Weltkrieg stehe. Bannon verarbeitete diese Faszination in seinem Dokumentarfilm „Generation Zero“.

Ähnlich unabhängig von politischem Inhalt scheint seine Neigung zur Revolution zu sein. Wie ein Mitstreiter bei „Breitbart“ bezeugte, hat er eine Vorliebe für das Buch „The Private Life of Chairman Mao“, in dem dessen Leibarzt Li Zhisui ein durch alltägliche Beobachtungen gestütztes Psychogramm des Praktikers der permanenten Revolution vorlegt. Eines der nicht-realisierten Hollywood-Projekte Bannons machte das Shakespeare-Stück „Coriolanus“ zu einem Rapper-Film, der während der Rassenunruhen in Los Angeles spielt. Das Stück werde zeigen, versprach damals eine Einladung zu einer Lesung aus dem Skript, „wie eine Kultur aus Gier, Elitismus, Diskriminierung und Unmenschlichkeit sich heute in selbstzerstörerischen Grausamkeiten wiederholt.“

Doch das Pathos der Revolte steht hier noch im Dienst der Schwarzen gegen die Weißen: „Du wählst. Handeln und sterben – oder unter dem Stiefel des weißen Mannes liegen, talking trash“. Die Menge schreit: „Sterben, sterben, sterben“. Wie ein Echo dieses grausigen Rufs klingt, was Bannon letztes Jahr dem „Hollywood Reporter“ sagte, voller Lust am eigenen Image: „Darkness is good. Dick Cheney. Darth Vader. Satan. That’s power.“ Er zögerte auch nicht, sich gegenüber einem Autor von „The Daily Beast“ 2014 als „Leninist“ zu bezeichnen: „Lenin wollte den Staat zerstören, und das ist auch mein Ziel. Ich möchte alles zusammenkrachen lassen und alles vom heutigen Establishment zerstören.“

44627293 © AP Vergrößern „Dick Cheney. Darth Vader. Satan. That’s power.“ Der vormalige Vizepräsident Dick Cheney am Tag der Inauguration.

Bannon gab zwar später vor, er könne sich an das Gespräch nicht mehr erinnern, und nach der Wahl Trumps sagte er, dieser stehe nicht für eine Revolution, sondern für „eine Restauration des wahren amerikanischen Kapitalismus“. Doch er selber hat in den vergangenen Jahren immer wieder auf der Wortwahl „Revolution“ bestanden. Außerdem weist die Selbstbezeichnung als Leninist auch auf die Wechselseitigkeit von Revolution und Krieg hin, denn erst der Erste Weltkrieg brachte den Bolschewiki den Sieg, so dass Lenin von „sozialen Elementargewalten“ wie dem Hass der Massen schwärmen konnte.

Am Glauben ist vor allem die Gewalt interessant

Bei einer Konferenz im Vatikan, an der Bannon 2014 über Skype teilnahm, sprach er in einem einzigen Atemzug über die spirituelle Krise des „jüdisch-christlichen Westens“, den „globalen Krieg mit dem islamischen Faschismus“ und die seit der Finanzkrise von 2008 anstehende Revolution gegen das Establishment. Die Suggestion war, dass alles – Glaubensstärke, Krieg und Revolution – im Grunde dasselbe ist. Als einer der anwesenden Konferenzteilnehmer besorgt nachfragte, wie der Westen denn auf den Dschihadismus reagieren könne, ohne seine eigene Seele zu verlieren, ging Bannon auf die Seele gar nicht erst ein, sondern sagte bloß: „Wenn Sie auf die lange Geschichte des Kampfs des jüdisch-christlichen Westens mit dem Islam zurückschauen, glaube ich, dass unsere Vorfahren standgehalten haben, und ich glaube, sie haben recht daran getan.“ Mit anderen Worten: Die Bewahrung der Seele soll nur vom Krieg abhängen, dem man nicht ausweicht. Und am Glauben oder anderen Ideen soll vor allem die Gewalt interessant sein, die sie rechtfertigen.

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In seinen Radiosendungen auf der Website von „Breitbart“ hat Bannon das Publikum auf so autosuggestive Weise auf den angeblich anstehenden Krieg eingeschworen, dass das Selbstzweckhafte deutlich hervortrat, besonders markant im Dezember 2015: „It’s war. It’s war. Every day, we put up: America’s at war, America’s at war. We’re at war.“ Das Ziel ist dabei keineswegs nur die Bekämpfung des Islamismus. In einer anderen Sendung sagte Bannon: „Wir werden in fünf bis zehn Jahren im Südchinesischen Meer in den Krieg ziehen, oder etwa nicht? Darüber kann es keinen Zweifel geben.“

Wut ist eine gute Sache

Tonlage und Wortwahl ähneln sich bei den Themen Krieg und Revolution so sehr, dass man im einzelnen Fall oft unsicher ist, von was gerade die Rede ist. „Das wird ein sehr hässlicher, langer, sich hinziehender Kampf“, sagte Bannon 2013 bei einer Zusammenkunft von Konservativen in Washington. Damit war nun die Revolution gemeint: „Die Leute geben eine Aristokratie nicht leicht auf.“ Hauptsache Kampf. Es soll eine Revolution gegen den falschen und für den wahren Kapitalismus sein, gegen den Nepotismus der Konzerne und Politiker, denen „London und Berlin näher sind als die Leute in Kansas und Colorado“, und für das amerikanische Unternehmertum. „Ich glaube, Wut ist eine gute Sache“, sagte er bei derselben Zusammenkunft: „Man braucht Leute, die kämpfen wollen.“

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Das Fatale ist, dass es zwischen den Idiosynkrasien dieses Mannes und der Welt ringsum eine dreifache Entsprechung gibt: bei dem Teil der Wähler, der den Hass auf das sogenannte Establishment teilt; bei den islamistischen Strategen, die auf einen Weltbürgerkrieg der Kulturen und Religionen hinauswollen; und beim amerikanischen Präsidenten, der den im Wahlkampf bewährten Offensivmodus durch Bannon offenbar auf Permanenz stellen will. Noch fataler wäre die wechselseitige Verstrickung und Verstärkung dieser drei Resonanzebenen: Die Macht des Präsidenten kann dafür sorgen, dass das Spiel mit der Revolte, zu dem die soziale Unzufriedenheit viele verleitet hat, das Land und die Welt in genau jenen „Clash of Civilizations“ hineinzieht, den die liberalen westlichen Öffentlichkeiten bisher durch geduldiges Differenzieren auf Distanz halten konnten.

Ein Teil des Kräfteparallelogramms, der zugleich den fatalen Mechanismus durchbrechen könnte, bleiben die westlichen Öffentlichkeiten, ob liberal oder nicht. Wahrscheinlich wird man in Zukunft tatsächlich vermehrt über Krieg und Revolution sprechen müssen, aber anders, als der Stratege des amerikanischen Präsidenten dies suggeriert. Man wird diesen Gewaltphantasien ihre Verkleidungen nehmen müssen, die Rechtfertigungen, die ihnen einen Anschein von Notwendigkeit verleihen sollen. Man wird die Gewalt als die Ideologie der neuen Macht entlarven müssen, die sie ist.

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