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Trostlose Bauwelt : Architekten: Auf die Barrikaden!

Mit Baumarktlametta und Rallyestreifen – Einfamilienhäuser im Berliner Ortsteil Kladow zeigen, wie die Lobbyisten der Bauindustrie Vororte nach ihren Vorstellungen gestalten Bild: Jens Gyarmaty

Die Stadt: verödet. Die Vororte: Ein Horror. Wer ist schuld daran, dass unsere Häuser und Städte so trostlos sind? Ein Plädoyer für eine andere Architektur.

          Es ist nicht so einfach, sich über Architektur zu streiten. Immer, wenn einer kommt und ruft: Eure Städte sind eine Katastrophe! Eure Häuser elende Schrumpfformen der Idee des Hauses, eure Plätze unwirtlich, kommt ein anderer und sagt: Das ist eure Sicht - wir finden es schön.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Was ist so grauenhaft an der Architektur der Städte und der Vororte, und warum? Gibt es eine Krise des Bauens, der Stadt, unserer Vorstellung vom Wohnen - und wenn ja, was ist der Grund dafür?

          Diese Frage wurde bisher auf eine eher eigenartige Weise diskutiert. Da schreibt der Architekt Hans Kollhoff, ein „Schrägdach mit Giebel“ sei „im physiognomischen Vorteil gegenüber einem Flachdach“ - was ähnlich sinnvoll ist wie die Behauptung, ein Kopf mit Hut drauf sei im physiognomischen Vorteil gegenüber einem Seitenscheitel. Die Gegenseite sagt prompt nein, uns erscheint die Physiognomie der flachbedachten Villa Savoye wesentlich vorteilhafter, weil moderner. Und so sympathisch es ist, wenn jetzt auch die „Zeit“ gegen proportionslose Großkistenarchitekturen anreitet, so energisch werden andere diese Kisten als Teil einer modernen Ästhetik der Großstadt verteidigen - so fährt sich die Diskussion im Sumpf schwer verallgemeinerbarer Geschmacksurteile fest.

          Öde Fußgängerzone in bester Wasserlage

          Kollhoff versucht in seinem Essay „Gib mir Simse: Was ist zeitgemäßes Bauen“ einen Befreiungsschlag, in dem er argumentativ fast bis zum Menschenaffen zurückgeht und behauptet, es gäbe eine „anthropomorphe Konstante des Architektonischen“, eine überzeitlich lesbare „Tektonik“, die eine „unbewusste Kommunikation zwischen dem Menschen und seinen Artefakten“ herstelle. Damit wird gute Architektur biologistisch begründet - der „Mensch an sich“ wolle einfach Spitzdächer. Dass es individuelle historische Erfahrungen gibt, durch die sich Wohnvorstellungen ändern, ist nicht mehr vorgesehen. Von den neuen Archi-Essentialisten wird mit großer Geste vorgetragen, wenn man ein Kind bitte, ein Haus zu malen, male es eins mit Satteldach. Aber was passiert, wenn man ein Kind, das in einer Bauhausvilla aufwächst, bittet, ein Haus zu malen? Es malt, was es kennt: ein Flachdachhaus. Und nun?

          Viel interessanter als die endlose formalideologische Debatte um eine dem Menschen an sich angemessene Form wäre es, sich damit abzufinden, dass es sowohl gute Flachdachhäuser als auch gute Spitzdachhäuser, gute Glashäuser und gute Steinhäuser gibt - und stattdessen nach den strukturellen ökonomischen Bedingungen zu fragen, die dazu führen, dass Städte und Vorstädte so aussehen, wie sie aussehen: Welche Lobbys und Machtinteressen bilden sich in den Bauformen ab? Wie kommt es, dass neue Stadtviertel entstehen, für die nachher niemand verantwortlich sein will?

          Das beste Beispiel fürs Desaster der Stadt liefert zurzeit Hamburg. Dort baut man am Zentrum der neuen Hafencity, dem sogenannten Überseequartier - einem neuen Viertel, in dem etwa 7000 Menschen arbeiten sollen. 800 Millionen Euro werden investiert, unter anderem in einen „Überseeboulevard“, der mit seinen Backsteinwandschluchten eher an den etymologischen Ursprung des Worts Boulevard im deutschen Kriegsvokabular, nämlich an ein Bollwerk, erinnert. Was ist hier passiert? Warum baut man in allerschönster Wasserlage eine Fußgängerzone, wie man sie öder nicht hätte bauen können?

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