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Trigger-Warnungen : Achtung, grausame Literatur!

Ist „Der große Gatsby“ frauenfeindlich? Szene aus dem Film mit Leonardo DiCaprio Bild: AP

Muss man Studenten vor Literatur schützen, die traumatische Erlebnisse wieder aufwühlen könnte? In Amerika kämpfen einige Gruppierungen dafür: Das Schlechte soll nicht einmal mehr ausgesprochen werden, auf dass niemand verstört werde.

          Schöne Zeiten, vor zehn, zwanzig Jahren, in denen man über die Vor- und Nachteile der „political correctness“ streiten konnte. Da ging es noch um etwas, es sollte ja durch die Sprache auch die Wirklichkeit anders werden und besser. Jetzt müssen wir ein neues Wort lernen, eines, das sich gleichfalls mit Worten beschäftigt. Wie damals, so sind auch diesmal die Amerikaner drauf gekommen, aber jede Wette, dass wir es an deutschen Universitäten bald zu hören bekommen. Das Wort heißt „Trigger-Warning“.

          Das meint: Worte können alte Verletzungen wieder wachrufen, und der oder die Betroffene macht dann alles noch einmal durch. So auch Erzählungen, wie sie sich in der antiken Mythologie finden, von Kriegen und Kriegsverbrechen, von geschändeten jungen Frauen. Der Philomela wurde die Zunge herausgeschnitten, sagt Ovid in den „Metamorphosen“, auf dass sie nicht imstande wäre, den Vergewaltiger zu verraten. Studenten der Columbia-Universität verlangten eine Trigger-Warnung für das Ovid-Seminar, wie die „Washington Post“ am 14. Mai berichtete.

          Frauenfeindlichkeit und Rassismus

          Inzwischen ist in den Vereinigten Staaten eine lebhafte Debatte im Gang. Der „New Yorker“ und das Magazin „Atlantic“ haben Fälle aufgeführt: So sollen in Harvard Jurastudenten gefordert haben, dass ein Kurs über die juristischen Aspekte von Vergewaltigungen abgesagt wird, auch das Wort „Vergewaltigung“ sei zu vermeiden. Am Oberlin-College ging man an die Literatur: F.Scott Fitzgeralds „Der große Gatsby“ soll frauenfeindliche Passagen enthalten, Chinua Achebes Roman „Alles zerfällt“ zeige rassistische Gewalt. In der Tat, denn das Buch schildert die Kolonialzeit in Nigeria. Ein durchaus wertvolles Werk, befand Oberlin, indes: Es könne Leser „triggern“, die „Rassismus, Kolonialismus, religiöse Verfolgung, Gewalt, Selbstmord und ähnliche Dinge erfahren haben“.

          Man erließ in Oberlin Richtlinien – sie wurden inzwischen zurückgezogen –, nach denen auch soziale Privilegierungen, auf gut Deutsch: Klassenverhältnisse, zum Tabu wurden, weil sich jemand von der allzu lebhaften Darstellung an die eigene Unterprivilegierung erinnert und damit verletzt fühlen könnte. Dem Lehrkörper wurde empfohlen, solche Literatur nicht mehr zu unterrichten und, wenn es sich nun einmal nicht vermeiden lasse, die Lektüre den Studenten freizustellen. Es soll nicht mehr anders werden und besser, sondern das Schlechte soll nicht einmal mehr ausgesprochen werden, auf dass niemand verstört werde. Fürsorglich werden Studenten um der Gerechtigkeit willen für unmündig erklärt, oft tun sie es gleich selbst. Ihr Recht auf Wohlbefinden tritt die Erbschaft ihrer politischen Aktion an.

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