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Trevor-Roper und die Hitler-Tagebücher Jedes rationale Argument sprach gegen die Echtheit

Vor dreißig Jahren gab der „Stern“ den Fund der angeblichen Hitler-Tagebücher bekannt. Dem zum wichtigsten Gewährsmann aufgebauten britischen Historiker Hugh Trevor-Roper wurde dabei übel mitgespielt, wie ein Blick in seine persönlichen Unterlagen zeigt.

© picture-alliance / dpa Vergrößern Gewährsleute für die angebliche Echtheit der Hitler-Tagebücher: Hugh Trevor-Roper (l.) und Gerhard Ludwig Weinberg bei einer Pressekonferenz des „Stern“ am 25. April 1983

Vor dreißig Jahren meldete die „Times“ eine Sensation: die bevorstehende Veröffentlichung von Hitlers geheimen Tagebüchern, deren Existenz der „Stern“ tags zuvor in einer ersten Pressemitteilung enthüllt hatte. „Lord Dacre, der als Mr. Hugh Trevor-Roper nach dem Krieg die Umstände von Hitlers Tod für den britischen Geheimdienst untersucht hat, gehört zu denen, die von der Echtheit der Dokumente überzeugt sind“, posaunte die englische Zeitung auf ihrer Titelseite und verwies auf einen Beitrag im Inneren des Blattes, in dem der renommierte Historiker ausführlich darlegte, wie seine eigenen Zweifel geschwunden seien, als er den Hinterraum einer Zürcher Handelsbank betreten, in den dort aufbewahrten Kladden geblättert und die erstaunliche Geschichte ihrer Entdeckung vernommen habe: Aus dem Wrack eines im April 1945 abgestürzten Flugzeuges sollten sie geborgen worden und fast 35 Jahre in der DDR versteckt gewesen sein. Auch die „Times“ wollte deren Inhalt abdrucken; die wenigen Folgen vor der Enttarnung des Materials als Fälschung erschienen in englischer Übersetzung aber dann in der „Sunday Times“.

Gina Thomas Folgen:

Nach zwei Wochen fiebriger Spekulationen waren Bundesarchiv und Bundeskriminalamt zu dem Befund gekommen, dass es sich um eine grobe Fälschung handele. Im Nachhinein kann man nur den Kopf schütteln über Trug und Selbstbetrug, Hybris, Gier, Eitelkeit und Phantasterei, die das Urteil der Beteiligten trübten.

Die volle Verantwortung

Unter den vielen Ungereimtheiten erscheint die Rolle Hugh Trevor-Ropers besonders rätselhaft. Es lag auf der Hand, dass die „Times“, die unter strengster Geheimhaltung mit dem „Stern“ über die britischen Rechte für die Veröffentlichung des Materials verhandelte, gerade ihn nach Zürich schickte, um die Tagebücher zu begutachten. Trevor-Roper galt seit seinem publizistischen Glanzstück „Hitlers letzte Tage“, das den souveränen Blick eines Historikers mit der Spürnase eines Geheimdienstagenten verband, als ausgewiesener Kenner der Materie, obwohl sein Fachgebiet die Geschichte des siebzehnten Jahrhunderts war. Seit Erscheinen seines Bestsellers im Jahr 1946 hatte er zahlreiche Dokumente über die Nazi-Zeit herausgegeben und war regelmäßig als Rezensent von Büchern über das „Dritte Reich“ in Erscheinung getreten. Zudem war er der „Times“ als Mitglied des Aufsichtsrates verbunden. Wie konnte sich ein kritischer Kopf seines Kalibers derart täuschen lassen?

Unter der Überschrift „Hitler: ein ganzer Fehlerkatalog“ hat der Historiker selbst in der „Times“ vom 14. Mai 1983 erklärt, wie es zu seinem Fehlurteil gekommen war. Dabei verschwieg er allerdings, dass er der Redaktion schon am Tag der Bekanntgabe des Fundes mitgeteilt hatte, dass er noch Zweifel hegte. Als die „Sunday Times“ ihren Eigentümer Rupert Murdoch davon in Kenntnis setzte, soll dieser befohlen haben: „F*** Trevor-Roper. Drucken.“ Murdoch meinte sich 2012, als er im Zuge der Untersuchungen zum britischen Pressewesen aussagte, zu erinnern, dass die meisten damals für den Abdruck gewesen seien, doch er übernehme rückblickend die volle Verantwortung: „Ich habe einen großen Fehler gemacht, und damit werde ich für den Rest meines Lebens leben müssen.“

Versicherungen des „Stern“

Dass er selbst die Verhandlungen mit dem „Stern“ geführt hatte, dass er einen Tag nach Trevor-Roper mit dem Privatflugzeug in die Schweiz gereist war, um die Dokumente anzuschauen, dass Trevor-Roper durch die plötzliche Entscheidung des „Stern“, den ursprünglich geplanten Erscheinungstermin um zwei Wochen auf den 28. April vorzuziehen, nur einen Tag Zeit hatte, sein Gutachten zu schreiben, ohne dass man sich an die ursprüngliche Vereinbarung gehalten hatte, ihm eine Abschrift der für ihn schwer lesbaren Aufzeichnungen zukommen zu lassen - all das hatte Murdoch mittlerweile offenbar vergessen.

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