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Sonntag, 12. Februar 2012
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Trauerfeier für Robert Enke Ihr Klager klagt

15.11.2009 ·  Die Trauerfeier für Robert Enke war schon deswegen angemessen, weil den Teilnehmern das Bedürfnis nach Katharsis ins Gesicht geschrieben stand. Im Hannoveraner Fußballstadion war mit Händen zu greifen, was es heißt, wenn man sagt, ein ganzes Land halte den Atem an.

Von Edo Reents
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Die größte Beerdigung seit Adenauer? Wohl jeder hat sich, bei aller Betroffenheit über den Tod Robert Enkes, gefragt, ob das sein kann. Als Konrad Adenauer im April 1967 starb, gab das allen Gelegenheit zu sehen, wie es ist, wenn sich eine ganze Gesellschaft ins Verhältnis zum Tod setzt, und deswegen kann sich auch jeder daran erinnern, obwohl es schon zweiundvierzig Jahre her ist. Dass nun ein Fußballer gewissermaßen in eine Reihe mit dem ersten deutschen Bundeskanzler gestellt wird, könnte deswegen als unverhältnismäßige Konsequenz einer so sehr lange nicht gesehenen Anteilnahme am Tod eines Menschen erscheinen, die man dann aber rasch einsortiert ins kollektive Gedächtnis einer zu Übertreibungen neigenden Öffentlichkeit.

Doch spätestens jetzt gehört es sich nicht mehr, nach der Verhältnismäßigkeit zu fragen. Was wäre richtiger daran gewesen, dem am Dienstag aus dem Leben geschiedenen Torwart in aller Stille und Abgeschiedenheit die letzte Ehre zu erweisen? Die Trauerfeier für Robert Enke war schon deswegen angemessen, weil den Teilnehmern das Bedürfnis nach Katharsis ins Gesicht geschrieben stand. Es war in den vergangenen Tagen oft davon die Rede, eine Stadt, ja, ein Land halte den Atem an, und natürlich wurde gefragt, ob man das überhaupt so sagen könne. Im Hannoveraner Fußballstadion war nun mit Händen zu greifen, was dieser Ausdruck eigentlich bedeutet.

Selbstgericht des Fußballs

Die Sprachlosigkeit, die in diesen Tagen so oft beschworen wurde, hielt am Sonntagvormittag dort Einzug, wo sie sonst nicht anzutreffen ist, und verlieh einem normalerweise von Redseligkeit und Lautstärke geprägten Milieu einen ungekannten Anblick. Reinhold Beckmann trat vor die Kamera und beschränkte sich in seiner Moderation auf das absolut Notwendige. Ganz still war es unter den rund 40.000 Trauergästen, wie man es so vielleicht nur aus Sandalenfilmen kennt, wenn die auf Krawall getrimmte Menge in der Arena einen Moment innehält, weil ein Gladiator begnadigt wird. Aber der Kämpfer, um den es hier ging, glaubte, dass er vor der Öffentlichkeit keine Gnade finden würde, wenn er ihr seine Depressionen eingestehen würde. So war es der Fußball selbst, der dieser sich am Ende tödlich auswirkenden Tatsache Rechnung trug, indem er über sich selbst zu Gericht saß.

Denn vermutlich spürte jeder im Stadion, dass auch er, als Funktionär, Vereinspräsident, Trainer, Mitspieler oder Fan, Teil eines Systems ist, in dem man sehr schnell aufsteigen kann, in dem es aber auch üblich ist, Fehler öffentlich zu analysieren und zu erörtern, und zwar verbissener, gnadenloser als in den allermeisten anderen Berufsständen. Jeder will doch hinterher wissen, was los war mit der Mannschaft und vor allem mit dem Torwart, der einen vermeintlich haltbaren Ball durchgelassen hat. Nun spürte man, dass diese für den Leistungssport essentiellen Fragen nur an Menschen gerichtet werden können, die auch seelisch im Vollbesitz ihrer Kräfte sind.

„Fußball ist nicht alles“

Die Unterscheidung von Schein und Sein, an die DFB-Präsident Theo Zwanziger in seiner Rede rührte, ist im Grunde eine Trivialität, die für das Leben schlechthin gilt. Oft genug hat sie schützende Funktion und ermöglicht überhaupt das, was wir Diskretion nennen. Enkes Witwe hob sie am Mittwoch in aller Öffentlichkeit auf, indem sie preisgab, wie ihrem Mann all die Jahre zumute war und wie wenig sie am Ende dagegen ausrichten konnte. Dies war ein im tieferen Sinne indiskreter Schritt, der die sportliche Leistung und die wirkliche, nicht die in Interviews vermittelte psychische Disposition zusammenführte. Der Respekt vor diesem Schritt ging gewissermaßen durchs Stadionrund und hallte in den Ansprachen der Vereins-, Verbands- und Ministerpräsidenten sowie des Oberbürgermeisters und des katholischen Geistlichen wider.

„Fußball ist nicht alles“: Theo Zwanziger rief die Bedeutung einer Binsenweisheit ins Bewusstsein, indem er zeigte, wie fatal es sich auswirken kann, wenn die Selbstverständlichkeit, dass ein Mensch immer mehr ist als ein Sportler, übersehen oder vergessen wird. Pfarrer Heinrich Plochg kam darauf zu sprechen: „Misserfolg, Krankheit, Niederlagen, aber auch Schicksalsschläge gehören dazu.“ Das alles seien keine „Schwächen, die man wegtrainieren kann, auch wenn unsere Gesellschaft das oft von uns verlangt.“ Es ist schwer zu sagen, welche Impulse von diesem Volkstrauertag auf den Profifußball ausgehen werden; wesentlich verändern wird er sich vermutlich nicht. Aber die Trauerfeier fand, indem sie die Öffentlichkeit auf eine Art, die nichts Heuchlerisches hatte, zur Revision ihrer selbst zwang, ihren Zweck in sich.

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