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Trauerfeier für Kohl : Gerichtet? Gerettet!

Soldaten tragen den Sarg mit Helmut Kohl aus dem Speyerer Dom. Dazu erklingt Händels Trauermarsch. Bild: dpa

Die europäische Trauerfeier zu Helmut Kohls Beerdigung hat die Erwartungen übertroffen. Und sie sorgte für einen Moment der Selbstbesinnung eines ganzen Kontinents.

          Als der Leichenwagen mit dem Koloss darin unterwegs zur letzten Ruhestätte und Händels Trauermarsch verklungen war, kamen die einfachen Leute draußen im Regen zu Wort, auf die der nunmehr Begrabene immer so gesetzt hatte: „Eine solche Trauerfeier erlebt man wahrscheinlich nur einmal im Leben.“

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Dieser Mann, der schon vor fast zwanzig Jahren beim Großen Zapfenstreich für den scheidenden Kanzler in Speyer dabeigewesen war, sprach vom „Highlight meines Lebens“, was gar nichts Floskelhaftes hatte. Auch als Beobachter konnte man sich der allenthalben spürbaren Vereinfachung der Gefühle kaum entziehen. So bekam auch, was ein anderer sagte, jene schlichte Evidenz, bei der sich jede Nachfrage verbietet: Er sei, sagte dieser, „dankbar dafür, fünfzig Jahre hier zu leben und nicht in den Krieg zu müssen“.

          Intellektuelle verhalten sich zu Danksagungen aus dem Volk an Politiker zuweilen herablassend und wittern dabei immer noch einen Untertanengeist, der sich schwertue, in vermeintlich zivilisierteren Kategorien wie „Anerkennung“ oder „Respekt“ zu denken. Sei es drum.

          Die Selbstbesinnung eines Landes

          Vollends obsolet wirken jetzt die vernichtenden, ja, ehrabschneiderischen Stilkritiken, die, durchdrungen von einem übertriebenen Anspruch an Weltläufigkeit, Karl Heinz Bohrer, einstiger Literaturchef dieser Zeitung, in den neunziger Jahren an Kohl vorbrachte. Auch so gesehen, hatte das längst auch weltpolitisch geadelte Provinzielle von Speyer etwas Stimmigeres, als es Berlin zu bieten gehabt hätte.

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          Denn hier, wo man dabei war, einen „guten Mann“ zu begraben, machte sich tatsächlich etwas von der Volksfrömmigkeit eines Matthias Claudius breit, die allen Streit zu schlichten, alle Gräben zuzuschütten in der Lage ist – nur nicht in der anhaltend entzweiten Familie. Die deutsche Öffentlichkeit aber, die wahrscheinlich schon befürchtet hatte, wegen des von der Witwe untersagten nationalen Staatsakts zu kurz zu kommen, wurde in ihr Recht gesetzt, die von allerlei protokollarischen Rangeleien doch etwas gedämpfte Erwartung übertroffen.

          Die meisten, vielleicht alle dürften das Gefühl gehabt haben, dass hier etwas geschehen war wie zuletzt vor fünfzig Jahren bei Adenauer: Der als solcher ja vorhersehbare, aber fast schon zerredete Abschied von einem Mann, der einst sechzehn Jahre lang das Land regiert hatte, wurde auf eine Weise zur Selbstbesinnung eines Landes und vor allem eines Kontinents, mit der wohl kaum jemand gerechnet hatte.

          Zwei Ansprachen nähern sich dem Mysterium um Kohl

          Wie ging das vor sich? Nicht auf dem Wege politischer Erörterungen, auch nicht durch Entwicklung etwaiger neuer Visionen, an denen sich der junge französische Staatspräsident Emmanuel Macron in Ermangelung einer persönlichen Kohl-Bekanntschaft in Straßburg versuchte; sondern indem man eben diese lange so eklatant unterschätzte Persönlichkeit, deren sterbliche Überreste in dem riesigen, von einer blauen Europa-Fahne umhüllten Sarg lagen, zu fassen zu kriegen suchte.

          Es waren insbesondere zwei Ansprachen, die dem Mysterium, das am Ende jeder Mensch darstellt, zu Leibe rückten: Jean-Claude Juncker, der die protokollarische Verlegenheit handstreichartig in Luft auflöste – „Diese Feier ist nicht nicht-deutsch, sondern europäisch, also auch deutsch“ –, verlangte als „Freund, der Kommissionspräsident wurde“ (und nicht etwa umgekehrt), von diesem „Nachkriegsgiganten“, im Himmel nicht gleich wieder einen CDU-Ortsverein zu gründen, sondern sich gewissermaßen auf seinen Lorbeeren auszuruhen, „in ewiger Ruhe“. Und Bill Clinton war dankbar für die von Kohl, der ja noch lieber gegessen habe als er selbst, gewährte „Möglichkeit, an etwas mitzuwirken, das über uns hinausweist“.

          Eine würdige und unpolitische Zeremonie

          In welches Licht die zeitgeschichtliche Forschung diese Erinnerungen dermaleinst taucht, bleibt abzuwarten, wie auch der im Fernsehstudio anwesende, für diese Zeitung schreibende Historiker Andreas Rödder mit opportuner Zurückhaltung anmerkte. Im Grunde war die ganze Zeremonie über weite Strecken unpolitisch und wahrscheinlich deshalb so über alles Erwarten würdig, wie dann auch in Speyer deutlich wurde. Helmut Kohls (betuliches) Credo „Frieden wächst nicht in den Konferenzen, sondern in den Herzen der Menschen“, das Bischof Wiesemann in dem von Kohl so geliebten Kaiserdom bemühte, würde ja bei klarem, von Trauer ungetrübtem Verstand kein Politiker unterschreiben.

          Aber darum ging es nicht an diesem denkwürdigen 1. Juli, von dem durchaus die Kraft der letzten Dinge ausging (von der sich die EU allerdings nicht allzu viel versprechen sollte). Als der Sarg, an dem die Soldaten sichtlich schwer zu tragen hatten, ein letztes Mal in Bewegung gesetzt wurde und Händels Trauermarsch das Geschehen abermals ins Licht erhöhter Bedeutsamkeit tauchte, rührte es einen. Helmut Kohl war endgültig auf dem Weg in die Transzendenz, die gerade im Dom so zwingend beschworen worden war, befreit hoffentlich von der Schwere, die ihm auf Erden anhaftete.

          Verstorbener Altkanzler : Abschied von Helmut Kohl in Speyer

          Quelle: F.A.Z.

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