04.11.2009 · Keine Skandale, wenig Leidenschaft: Eher kühl trauert Frankreich um den großen Anthropologen Claude Lévi-Strauss. Amerika würdigt den französischen Mythenforscher als einen der Seinigen. Reaktionen, gesammelt von unseren Korrespondenten.
Von Jürg Altwegg, Genf, und Jordan Mejias, New YorkKeine Skandale, wenig Leidenschaft: Eher kühl trauert Frankreich um den großen Anthropologen Claude Lévi-Strauss. Amerika würdigt den französischen Mythenforscher als einen der Seinigen. Reaktionen, gesammelt von unseren Korrespondenten.
ZEITGENOSSE DER UNSTERBLICHKEIT
Von Jürg Altwegg, Genf
Albert Camus starb - im Januar vor fünfzig Jahren - im Auto seines Verlegers Michel Gallimard. Nach dem Tod von Jean-Paul Sartre folgten Zehntausende seinem Sarg zum Friedhof von Montparnasse, mit dem Abschied von ihm wurden die ideologischen Illusionen und revolutionären Hoffnungen des Nachkriegs zu Grabe getragen. Simone de Beauvoir beschrieb seine letzten Jahre und Altersbeschwerden als ziemlich exhibitionistische „Zeremonie des Abschieds“. Roland Barthes wurde von einem Lieferwagen in Paris überfahren. Ein paar Jahre später starb Michel Foucault an Aids, auch seinen Tod begleitete die Zeitung „Libération“ mit einem Sonderheft. An Jacques Lacans Hinschied erinnern wir uns nicht mehr so genau - er blieb immerhin durch die Streitereien seiner Jünger mit dem Testamentsvollstrecker im Bewusstsein der intellektuellen Öffentlichkeit präsent.
Keine Stunde nach der Ankündigung des Todes von Claude Lévi-Strauss am Dienstagabend eröffnete Staatspräsident Sarkozy mit einem viel zu langen Kommunique aus dem Elysée den Reigen der Würdigungen. Ihm folgte Minuten später sein Vorgänger Jacques Chirac - er befindet sich gerade auf PR-Tour für seine Memoiren. Schon etwas engagierter wirkte die Stellungnahme von Außenminister Bernard Kouchner. Was dann in den audiovisuellen Medien ablief, war ähnlich voraussehbar wie die Zeitungen vom Mittwoch, die ihm die Titelseiten und viele Beiträge widmen. Auf den etablierten Homepages wurden weitgehend ältere Texte aufgetischt, die Welt von Twitter und Youtube, die sich an Michael Jacksons Tod entflammte, hat den großen Anthropologen nicht mehr erreicht.
Das Schweigen des Internets zeigt durchaus die Temperatur der Trauer um Lévi-Strauss an. Die Emotionen halten sich in wohltuenden Grenzen. Der Tod des Meisterdenkers, der sich nie als solcher aufspielte, hat keinen Schock ausgelöst. Er musste erwartet werden. Mit den intensiven Ehrungen zum hundertsten Geburtstag vor einem Jahr (Ein Zivilist in der Fremde: zum 100. Geburtstag von Claude Lévi-Strauss) wurde vieles vorausgenommen. Es gab Sondernummern und Spezialsendungen. Die Medien haben ihr Pulver verschossen. Für Wiederholungen ist es zu früh, vieles wird zweifellos noch kommen.
Ehrfurcht und Dankbarkeit
„Das Jahrhundert Lévi-Strauss“, titelt „Libération“. Das schrieb die Zeitung schon zum Zentenar. Mit dem Verlust seines letzten Riesen ist dieses Jahrhundert, gegen dessen Versuchungen der Anthropologe gefeit war wie kaum ein anderer, endgültig zu Ende. Und mit ihm ist offensichtlich auch die Epoche der großen Inszenierungen zur Trauer um die Intellektuellen vorbei. Lévi-Strauss hat seine Zeitgenossen um zwanzig, dreißig Jahre überlebt. Ehrfurcht, ja sogar ein bisschen Dankbarkeit kennzeichnen Frankreichs Haltung ihm gegenüber. Kultisch verehrt wurde und wird er nur von ganz wenigen. Die Distanz ist eine durchaus gegenseitige. Sie erinnert an Raymond Aron und kennzeichnet auch das Verhältnis beider zum eigenen Judentum. Aron, ebenfalls ein großer Konservativer und dem Rationalismus verpflichtet, starb vor Gericht. Er hatte einen Kollegen unterstützt, der als Faschist bezichtigt wurde und um seine Ehre kämpfte. Erst Jahre nach seinem Tod wurde er von seinen Gegnern als politischer Prophet, der Recht bekommen hatte, entdeckt und verehrt.
Selbst in diese Rolle wird man Lévi-Strauss nicht zwingen können. Es gab bei ihm nie ein Mode - den Strukturalismus hat er als Methode gepflegt. Es gibt keine Affären und keine Lebenslügen. Keine politischen Irrtümer. Keine Prophezeiungen, kein Anspruch zur Weltverbesserung, ganz im Gegenteil! Die Diskussion mit Sartre um „Rasse und Geschichte“ hat keine menschlichen Beziehungen zerstört, anders als die Polemik zwischen Sartre und Camus, die noch immer die Geistesgeschichte beschäftigt. In seinem jüngsten Werk „Un coeur intelligent“ geht Alain Finkielkraut nochmals auf sie ein und erinnert an Sartres Nachruf auf Camus, in dem er den Bruch als Modalität der intellektuellen Beziehung, ja Freundschaft zelebriert: Eine „großartige Todesrede“. Kein Nachgeborener muss sich rehabilitieren, Lévi-Strauss' Größe wurde zu Lebzeiten erkannt. Feindschaften waren ihm fremd. Und zu Recht hat Frankreich auch überhaupt kein schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Die wirklichen Freunde, die in den letzten Jahren auch an den Schwierigkeiten und Leiden des hohen Alters Teil hatten, schweigen.
Am vergangenen Samstag ist Claude Lévi-Strauss gestorben. Erst am Dienstagabend hat die Familie die Nachricht von seinem Tod bekanntgegeben. Er hinterlässt uns das sehr persönliche Buch „Traurige Tropen“, das auch ein literarisches Meisterwerk ist. Memoiren hat er keine geschrieben, dafür nahm er sich nicht wichtig genug. „Die Welt hat ohne den Menschen begonnen und sie wird ohne ihn zu Ende gehen“, hat er einmal gesagt. Er bezog seine wissenschaftlichen Erkenntnisse und philosophischen Überlegungen stets auf die eigene diskrete Existenz. Auch noch im stillen Sterben ist Claude Lévi-Strauss bescheiden und sich selber geblieben. Für ihn spricht sein Werk, sein Wirken wird kommen.
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AVATAR DES STRUKTURALISMUS
Von Jordan Mejias, New York
Amerika würdigt den französischen Mythenforscher auch als einen der Seinigen. Claude Lévi-Strauss kam im Kriegsjahr 1941 nach New York, wo er, mit finanzieller Hilfe der Rockefeller Foundation, als „visiting Professor“ an der New School for Social Research Unterschlupf fand. Wie Edward Rothstein in der „New York Times“ gewiss nicht ganz ohne einen Hauch von Nationalstolz berichtet, bezeichnete Lévi-Strauss seinen immerhin sechsjährigen Aufenthalt als die „fruchtbarste Zeit meines Lebens“, die er nicht zuletzt im majestätischen Lesesaal der New York Public Library, Ecke Fifth Avenue und Zweiundvierzigste Straße, verbrachte. Er freundete sich mit dem Linguisten Roman Jakobson an, der ihn in der Entwicklung seinen strukturalistischen Analysen bestärkte, und bewegte sich im Kreise von emigrierten Surrealisten wie André Breton und Max Ernst. Aber er befasste sich auch mit amerikanischen Indianerstämmen.
Seine Beschreibungen, so Rothstein, hätten nur noch wenig mit den einst gängigen sentimentalen und pastoralen Klischees zu tun. Als einer, der die westlichen Vorstellungen vom „primitiven Menschen“ von Grund auf verwandelte, habe er in seinem strukturellen Ansatz nach den kulturübergreifenden Eigenschaften des menschlichen Geistes gesucht und damit alle bisherigen Überzeugungen der Anthropologie untergraben. Rothstein nennt ihn, ganz aktuell, einen „Avatar des Strukturalismus“ und quintessentiellen französischen Intellektuellen, der sich im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit ebenso wohl gefühlt habe wie im akademischen Ambiente und mit seinen Schriften, einer Mischung des Pedantischen und Poetischen, voller wagemutiger Nebeneinanderstellungen, verzwickter Beweisführungen und Metaphern, einen völlig neuen Weg einschlug.
Wie Rothstein und Thomas H. Maugh in der „Los Angeles Times“ unterschlägt auch Alexander F. Remington in der „Washington Post“ nicht die Kritik, die dem Mann, dem zusammen mit Jean-Paul Sartre und André Malraux alles überragenden französischen Intellektuellen des vergangenen Jahrhunderts, bisweilen mehr, bisweilen weniger heftig entgegengeschlug. Aber selbst seine zahlreichen Kritiker, die ihm vorwarfen, Geschichte und Geographie zu missachten und mit Mythen allzu leichtfertig und beziehungslos zu jonglieren, hätten sich nicht seinem Einfluss entziehen können. Die Version des Strukturalismus, die Lévi-Strauss entwarf, dürfte sich nach Rothsteins Ansicht gegen die poststrukturalistischen Konzepte eines Michel Foucault, Roland Barthes und Jacques Derrida durchsetzen. In Frankreich habe es nach ihm keinen vergleichbaren Nachfolger gegeben. Und in Amerika ernennt ihn nun das Nachrichten- und Klatschportal Gawker gar zum „Gott der Anthropologie“, während Bloomberg.com nicht vergisst, seinen Nutzern von Levi-Strauss' „abgeklärtem Pessimismus“ zu erzählen und von seiner Prophezeiung, dass die Menschheit irgendwann, ohne eine Spur zu hinterlassen, dem Universum wieder abhandenkomme. Darauf Gawker mit bewährter Flapsigkeit: „Eine sichere Voraussage.“