29.09.2011 · Dem Auktionshaus Lempertz wird der Prozess gemacht: Hat es ein Bild versteigert, von dem es hätte wissen können, dass es sich um eine Fälschung handelt?
Von Rose-Maria GroppDer vierte Verhandlungstag im Saal 7 des Kölner Landgerichts im Strafprozess gegen den voll geständigen Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und seine drei Mitangeklagten war gerade zu Ende, da begann im Raum 117 die erste Sitzung des Zivilprozesses, in dem sich das Kölner Auktionshaus Lempertz und die Trasteco Limited, eine Gesellschaft auf Malta, gegenüberstehen. Henrik Hanstein, der Chef und persönlich haftende Gesellschafter von Lempertz, erschien nicht persönlich bei Gericht, was ein wenig bedauerte, wer am Vormittag die Einlassungen von Helene Beltracchi und ihrer Schwester Jeanette Spurzem, zwei der Angeklagten im Fälscherprozess, gehört hatte.
Im Zivilprozess Trasteco gegen Lempertz/Hanstein geht es um jenes, angeblich von Heinrich Campendonk 1914 gemalte „Rote Bild mit Pferden“, das ins Zentrum des Geschehens geriet, als der Kunstfälscherskandal vor gut einem Jahr publik wurde: Lempertz hatte das Gemälde im November 2006 versteigert. Für 2,4 Millionen Euro, zum Rekordpreis für den expressionistischen Künstler, wurde es der Trasteco zugeschlagen, die inklusive Aufgeld rund 2,88 Millionen Euro dafür bezahlte. Der damalige Eintrag im Auktionskatalog von Lempertz enthielt als Herkunftsangabe „Alfred Flechtheim; um 1930 bei Flechtheim erworben, seitdem in Familienbesitz, Privatsammlung Frankreich“.
Titanweiß auf der Leinwand
Der rückseitige Sammlungsaufkleber mit einem (angeblichen) Holzschnittporträt Flechtheims war im Katalog abgebildet, und es wurde auf ein verschollenes Gemälde desselben Titels aus dem Werkverzeichnis von Andrea Firmenich verwiesen - allerdings im OEuvrekatalog verzeichnet als: „o(hne) Abb(ildung)“ und weiter „Öl a(uf)? Maße, Signatur und Verbleib unbekannt“. Die schriftliche Expertise zu dem Bild von Firmenich lag zum Zeitpunkt der Auktion, soweit erkennbar, nicht vor. Einige Zeit nach dem Erwerb beauftragte die Trasteco das Doerner-Institut in München mit der wissenschaftlichen Analyse des Gemäldes.
Das Ergebnis der chemischen Untersuchung war der Nachweis von Titanweiß auf der Leinwand, einem Pigment, das zum Zeitpunkt der vorgeblichen Entstehung des Gemäldes noch nicht benutzt werden konnte. Daraufhin erstattete die Trasteco Anzeige gegen Lempertz. Wohl ist die Pflicht des Auktionshauses zur Rückabwicklung drei Jahre nach dem Verkauf prinzipiell erloschen. Wenn indessen Lempertz bei der Herkunft vom „Roten Bild mit Pferden“ eine grob fahrlässige Recherche nachgewiesen werden könnte, würde dieser Haftungsausschluss hinfällig.
Kein schnelles Einlenken
Jedenfalls will die Trasteco ihr Geld von Lempertz zurück haben. Die erste Verhandlung dauerte nur knapp eine Stunde, und es war schnell klar, wie komplex sich die Lage juristisch darstellt. Ist es schon schwierig genug, über die Frage der Fahrlässigkeit, gemessen an den Usancen des Kunstmarkts, Klarheit zu schaffen - „Bewegte sich, was die Beklagte tat, im Bereich der Üblichkeit?“, wie es die Vorsitzende Richterin formulierte -, so wird die Angelegenheit noch komplizierter durch den Umstand, dass es eben Jeanette Spurzem war, die 2006 als Einlieferin der Fälschung auftrat. Ob sie, als sogenannte Streithelferin der beklagten Partei und ebenfalls nicht anwesend, bösgläubig handelte, ist dann von Bedeutung. Wer sie zuvor im anderen Saal hörte, konnte allerdings wissen, dass sie gleich zu Beginn einräumte, dass sie bei ihrer Vermittlungstätigkeit die Möglichkeit von Fälschungen gesehen habe.
Ehe dann die Kammer nach der Feststellung: „Eine gütliche Einigung ist derzeit nicht möglich“ einen nächsten Termin festlegte, stellte sie die Option auf ein Vergleichsangebot vonseiten Lempertz' in den Raum und auch die, einen Sachverständigen in Sachen der Fahrlässigkeit zu hören. So begann diese zivilgerichtliche Prozedur. Der Kunstmarkt ist nicht ein Terrain, auf dem das schnelle Einlenken einer der Streitparteien zu erwarten ist, es steht zu viel auf dem Spiel: Seit dem „Fall Jägers“ geht es um die künftigen Usancen im Markt.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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