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Transplantationsmedizin Organe als Skandal

Manipulationen von Patientendaten scheinen mancherorts Klinikalltag zu sein: Die Transplantationsmedizin hat gesundes Misstrauen heute nötiger als Vertrauen.

© Wolfgang Eilmes Vergrößern Kühlbehälter mit Spenderorgan in der Frankfurter Uniklinik

Wurde in der Vergangenheit über Transplantationsmedizin geschrieben, dann waren es Heldengeschichten. Es ging um neue Operationstechniken, Übertragung von immer mehr Organen und Körperteilen, um den Pioniergeist der Ärzte und die Leiden der Patienten vor und ihr Glück nach den Eingriffen. Transplantationsmedizin lieferte eindrucksvolle Beispiele für die Leistungsfähigkeit der Medizin. Deshalb hat sie ihren Weg gemacht, trotz des hohen ethischen Preises, den sie verlangt, weil sie dringend und in großer Zahl Organe braucht, die anderen entnommen werden.

Soweit es um die Entnahme bei Lebenden geht, durchbrechen Ärzte hier - bezogen auf die Spender - den Grundsatz, niemandem zu schaden, denn die Entnahme eines funktionsfähigen Organs stellt stets eine erhebliche Schädigung dar, die zwar rechtlich durch die Einwilligung des Geschädigten und durch eine Notstandssituation zu rechtfertigen sein kann, damit aber nichts an ethischer Brisanz verliert. Dass ein Todeszeitkriterium normiert wurde, dessen einziger Zweck es ist, die Entnahme von Organen zu ermöglichen, unterstreicht, was die Gesellschaft bereit war, für die Transplantationsmedizin zu geben. Die vergleichsweise geringe Zahl derer, die sich selbst zu Lebzeiten zu einer Spende nach dem festgestellten Hirntod bereit erklärt haben, macht deutlich, dass nicht alles, was die Gesellschaft für wertvoll hält, auch vom Einzelnen für wichtig oder richtig gehalten wird.

Verstöße gegen Verfahrensregeln

Seit Medizin als Ware angesehen wird und kranke Menschen als Kunden umworben werden, tritt die andere Seite hervor: Dass Transplantationschirurgen ihren oft todgeweihten Patienten das Überleben nicht nur versprechen, sondern auch ermöglichen können, fördert Begehrlichkeiten. Wenn es um Leben und Tod geht, erscheint ein Verstoß gegen Verfahrensregeln leichter hinnehmbar. Das gilt wohl umso mehr, je weniger ehern und gefestigt die Verfahrensregeln wirken.

Gegenwärtig wird viel über Vertrauen geredet, das der Transplantationsmedizin entgegengebracht werden müsse. „Nie war die Transplantationsmedizin sicherer als heute“ - so hat es der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, im Gespräch mit dieser Zeitung formuliert. Angesichts der Verstöße, von denen bizarrerweise seit Verabschiedung des neuen Transplantationsgesetzes alle paar Wochen neue öffentlich bekanntwerden, sind diese Worte eher als deprimierende Beschreibung der zurückliegenden Missstände zu lesen denn als hoffnungsfrohes Versprechen. Noch vor einem halben Jahr hat der Strafrechtsprofessor Hans Lilie, Vorsitzender der Ständigen Kommission Organtransplantation der Bundesärztekammer, nach Bekanntwerden der ersten Vorwürfe gegen das Göttinger Transplantationszentrum geäußert, er habe in Deutschland „niemals mit so etwas gerechnet“.

Konstruktives Misstrauensvotum

Es ist eingetreten, womit selbst professionelle Kontrolleure nicht gerechnet haben, und anders als damals angenommen handelt es sich nicht um einen einzelnen Skandal. Die Manipulation der Patientendaten lag offenbar so nahe, dass sie in verschiedenen angesehenen Kliniken über Jahre praktiziert wurde. Wenn sich herausstellt, dass das für unerwartet Gehaltene sogar einen Alltag entwickelt hat, ist die Fortschreibung von Normalität unangebracht. Jetzt auf die Intensivierung von Kontrolle zu verweisen greift zu kurz, denn Kontrolle sollte es ja auch bislang gegeben haben. Nicht nur die Transplantationsmediziner, die gegen Regeln verstoßen haben, müssen sich rechtfertigen, sondern auch die Kontrolleure.

In der Politik gibt es den schönen Begriff des konstruktiven Misstrauensvotums. Mit Blick auf die Transplantationsmedizin ist derzeit kein Vertrauensbeweis der Gesellschaft gefragt, sondern ein Misstrauensantrag. Der Veränderungsbedarf ist groß, sehr viel größer, als der Bundestag im vergangenen Jahr bei den Diskussionen über das Transplantationsgesetz angenommen hat. Ziel des Gesetzes ist es nunmehr, die „Bereitschaft zur Organspende in Deutschland zu fördern“. Es stellt sich heraus, dass es dafür nicht in erster Linie darauf ankommt, dass sich die Bürger regelmäßig mit dem Thema befassen. Vielmehr muss sich der Gesetzgeber wenigstens einmal wieder intensiv der Probleme annehmen und dabei unvoreingenommen klären, warum gerade angesichts einer so heiklen Materie die Strafvorschriften des Gesetzes so zurückhaltend formuliert worden sind. Die Verhängung eines strafrechtlichen Berufsverbots beispielsweise ist hier überhaupt nicht vorgesehen.

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Der Verstoß gegen die Verteilungsvorschriften für Organe steht so wenig unter Strafe wie Verstöße gegen wichtige Verfahrensvorschriften des Transplantationsgesetzes, die allenfalls als Ordnungswidrigkeit geahndet werden können. Strafrechtliche Vorschriften allein können Fehlverhalten nicht verhindern, sie können aber unterstreichen, dass die Gesellschaft hier deutliche Grenzen auch einer an Private delegierten Kontrolle zieht. Sie signalisieren auch, worauf die Gesellschaft höchsten Wert legt - und welche Verhaltensweisen sie gerade auf einem ohnehin ethisch heiklen Terrain wie der Transplantationsmedizin eben nicht mehr als bloßen Regelverstoß zu akzeptieren bereit ist.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 04.01.2013, 09:06 Uhr

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Von Regina Mönch

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