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Traditionsverlust in Russland Trockenes Silvester

Der russischen Regierung ein guter Bürger zu sein ist nicht leicht. Im Ausland soll man nicht reden - und, kaum zumutbar: an Silvester nicht trinken.

Die Last der patriotischen Pflichten wird für Russlands Bürger immer schwerer. Der Schriftsteller und Journalist Dmitri Bykow, der zugleich zum Koordinationsrat der Oppositionsbewegung gehört, meldet aus Berlin, wo er im Rahmen des deutsch-russischen Kulturjahres auf dem Literaturfestival „Rusimport“ zu Gast ist, er spanne alle Kräfte an, um den ständigen Versuchungen, Heimatverrat zu begehen, zu widerstehen. In Deutschland bestehe eine spezielle Schwierigkeit darin, im Interesse des neuerdings weit gefassten Schutzes russischer Staatsgeheimnisse den Kontakt zu Ausländern zu meiden, stellt Bykow fest.

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Dabei stelle es noch das geringste Problem dar, Journalisten abzuwehren, die kremlkritische Kommentare aus dem Oppositionsaktivisten herauskitzeln wollten. Er sage denen einfach, er rede nur über Rainer Maria Rilke, verrät der Schriftsteller, und die deutsche Presse, die mit diesem Namen kaum noch etwas anfangen könne, trolle sich dann von allein. Schwieriger sei es mit dem Kellner, der im Café das Wechselgeld bringe. Mit Hilfe einer versteckten Kamera, wie sie das russische Staatsfernsehen NTW gern verwendet, könne man daraus leicht eine Beweisszene dafür machen, dass er von Deutschen Geld annehme, sagt Bykow, der um die heimlich aufgezeichneten und auszugsweise veröffentlichten Gespräche von Putin-Kritikern weiß, die als umstürzlerische Verschwörungen hingestellt wurden. Und sogar wo die Geldsumme selbst lächerlich erscheine, könne ein kreativer Kremlkriminalist das noch als verächtliche Geste dem russischen Regime gegenüber deuten.

Putin um Mitternacht gepfählt unterm Kremlturm

Doch auch daheim heißt es von liebgewordenen Traditionen Abschied zu nehmen. Zur Neujahrsnacht wird in Moskau erstmals nicht nur im Umkreis öffentlicher Plätze vom frühen Abend an kein Alkohol mehr verkauft. Darüber hinaus darf man auf der Straße nicht einmal mitgebrachte Spirituosen genießen. Das geschehe im Interesse jener Mitbürger, die nie Maß halten könnten, erklärt ein Sprecher des Bürgermeisteramts die dem russischen Charakter kaum zumutbare Maßnahme.

Die Volksseele jedenfalls kocht. Leute, für die eine Neujahrsfeier ohne Sekt und Wodka auf dem Roten Platz keine ist, schärfen Äxte und Heugabeln gegen die „Volksfeinde“, vorerst verbal im Internet. Ein zorniger User namens Alexej gibt freilich mit seinem Tagtraum, um Punkt Mitternacht Präsident Putin unterm Kremlturm zu pfählen, den strengen Stadtvätern ungewollt recht. Eine philosophisch gestimmte Stimme setzt dagegen darauf, dass ein Verbot, zum Neujahr zu trinken, nicht durchsetzbar sei. Seine Landsleute könnten dergleichen nur als Appell verstehen, demonstrativ dagegen zu verstoßen.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.12.2012, 16:53 Uhr

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