05.05.2004 · In zwölf Jahren hat der Plan, ein Dokumentationszentrum für die „Topographie des Terrors“ zu errichten, nur eine Bauruine hervorgebracht - und lauter Verlierer. Eine Entscheidung, wie es weitergeht, ist überfällig.
Von Heinrich WefingIn zwölf Jahren hat der Plan, ein Dokumentationszentrum für die Berliner Stiftung "Topographie des Terrors" zu errichten, nur eine Bauruine hervorgebracht - und lauter Verlierer. Das Ansehen des Schweizer Architekten Peter Zumthor hat heftig gelitten, dessen 1993 preisgekrönter, ebenso eleganter wie verkopfter Entwurf sich als fatal schwierig erwiesen hat. Zwei an dem Projekt beteiligte Betonbaufirmen sind in Konkurs gegangen, wobei unklar ist, ob sie an den konstruktiven Schwierigkeiten des diffizilen Zumthorschen Stabwerks gescheitert sind oder an der miserablen Lage ihrer Branche, und die Berliner Bauverwaltung hat ihren Ruf als institutionalisierter Hemmschuh grotesk bestätigt.
Der Senatsbaudirektor, Hans Stimmann, bestreitet zwar ein Versagen seiner Behörde, nennt den seit drei Jahren andauernden Stillstand auf der Baustelle neben dem Martin-Gropius-Bau aber dennoch die "schwerste Niederlage" seiner nicht ganz kurzen Amtszeit. Und auch Reinhard Rürup, der Wissenschaftliche Direktor der Stiftung, der Ende März von seinem Amt zurücktrat, geht nicht ohne Blessuren. Gewiß, er spürt einen "Anflug von Melancholie" und einen "Zugewinn an Freiheit", doch fraglos ist es für ihn nicht ohne Befriedigung, den Zeitpunkt seines Ausscheidens selbst bestimmt zu haben. Aber Rürup weiß, daß er seiner Stiftung die lang ersehnte und dringend nötige Ausstellungshalle nicht erstritten hat.
Konkurrenzkampf der symbolischen Orte
Die Stiftung, die sich der Sichtbarmachung der letzten Spuren der nationalsozialistischen Terrorzentralen rings um das Prinz-Albrecht-Palais verschrieben hat, ist die größte Verliererin in dem allgemeinen Debakel. Nicht allein, weil sie im hauptstädtischen Konkurrenzkampf der symbolischen Orte neben dem Holocaust-Mahnmal und dem Jüdischen Museum arg ins Hintertreffen geraten ist. Schwerer noch wiegen die verpaßten Gelegenheiten: Was ist Berlin, was ist der Republik entgangen durch die Verewigung der Provisorien? Was hätte an Ausstellungen und Veranstaltungen realisiert werden können, wenn das Dokumentationszentrum halbwegs pünktlich fertiggestellt worden wäre? Die Stiftung "Topographie des Terrors", darf man annehmen, stünde im öffentlichen Bewußtsein für Aufklärungsarbeit am zentralen Ort der Täter und nicht als Synonym für das Qualvolle der Berliner Verhältnisse.
Just diese Aura des Aussichtslosen aber droht dem Vorhaben nun zum Verhängnis zu werden, fast noch mehr als die aberwitzigen Schwierigkeiten der architektonischen Konstruktion. Die ließen sich vermutlich in den Griff kriegen, ebenso die "schweizerische Sturheit" (Stimmann) des Architekten und die immer neuen Preissteigerungen. Vorausgesetzt, irgend jemand - ein Bundespolitiker, ein Stiftungsvorstand, ein Kultursenator - würde unablässig treiben, drängeln, werben, notfalls toben und nicht eher ruhen, als bis der Bau vollendet ist. Bislang aber hat es diesen Einpeitscher und Einschmeichler nicht gegeben.
Der unbaubare Entwurf
Der frühere Regierende Bürgermeister Diepgen, der einst vor einer "Hauptstadt der Schande" warnte, unterstützte das anfangs privat betriebene Projekt bestenfalls halbherzig, er fürchtete den Sturm der internationalen Entrüstung, der losgebrochen wäre, hätte er das Vorhaben gestoppt. Auch Diepgens Nachfolger Wowereit ist bisher nicht durch Enthusiasmus für die Sache aufgefallen, und all die Kultur- und Bausenatoren, die in den vergangenen zwölf Jahren amtierten, glaubten offenbar, genug andere Sorgen zu haben, oder zogen es vor, mit weniger verworrenen Projekten Ruhm einzuheimsen. Und wer wollte es ihnen verdenken? Schien der Entwurf von Peter Zumthor nicht unbaubar und der ganze Prozeß mit dem Virus des Scheiterns infiziert?
Wer also wagt es jetzt, da alles verhakt und verharzt ist, jetzt, da unzählige Wunden geschlagen und die Fäden schier unentwirrbar verknotet sind, sich noch für das Dokumentationszentrum der "Topographie" zu verkämpfen? Nach Lage der Dinge kann das nur der Bund sein, in Person der Staatsministerin für Kultur, Christina Weiss. Die Berliner Politiker sind gleichsam verbrannt, die Stiftung "Topographie des Terrors" ist nach Rürups Rücktritt ihrer Spitze beraubt. Und Frau Weiss, die umtriebig und eifrig, aber bislang ohne akzentuiertes Profil agiert, könnte von einer energischen Rettungsaktion zugunsten des Bauvorhabens durchaus auch politisch profitieren. Einstweilen allerdings spricht wenig dafür, daß sie die Dinge tatsächlich an sich ziehen wird.
Gesamtstaatliche Bedeutung
In der Vergangenheit hat der Bund, obwohl Mitträger der Stiftung, sich darauf beschränkt, Geld zu versprechen, immerhin die Hälfte der mittlerweile veranschlagten 39 Millionen Euro Baukosten. Einfluß auf das Durcheinander rings um die Bauruine aber hat er nicht beansprucht. An den Sitzungen des Stiftungsrates, so klagt Reinhard Rürup, habe statt der Kulturstaatsminister oder ihres Abteilungsleiters Nevermann regelmäßig bloß ein Beamter ohne Entscheidungsvollmacht teilgenommen. Und den mehr als naheliegenden Vorschlag, die "Topographie" wie das Jüdische Museum und das Holocaust-Mahnmal zu einem nationalen Anliegen in alleiniger Trägerschaft des Bundes zu machen, haben die beiden Vorgänger von Frau Weiss stets mit dem legalistischen Argument blockiert, dann drohe das fein austarierte System der föderalen Gedenkstättenförderung durcheinanderzugeraten - als ließe sich nicht umstandslos die gesamtstaatliche Bedeutung eines Ortes nachweisen, an dem die Schreibtische von Himmler und Heydrich standen und an dem die über ganz Europa ausgeworfenen Terrornetze zusammenliefen.
Nun immerhin, nachdem der angesehene Zeithistoriker Rürup seinen Posten unter Protest verlassen hat, entfaltet Christina Weiss einigen rhetorischen Aufwand zur Beförderung der "Topographie". Jüngst hat sie noch einmal die "wirklich unbefriedigende Situation" beklagt. Unterhält man sich dieser Tage mit ihr, dann spricht sie von einem potentiellen Wendepunkt, von einem Neuanfang, der nun, nach dem Ausscheiden Rürups und dem Rücktritt des einflußreichen Berliner Bausenators Strieder, möglich sei. Aber sie spricht auch von der bizarren Situation, daß ihr Haus zwar viel Geld für den Zumthor-Bau bereitstelle, aber über keinerlei Einfluß auf die Bauabwicklung verfüge.
Flucht an den runden Tisch
Deshalb hat sie vorgeschlagen, einen "Runden Tisch" zur weiteren Beratung der Bauprobleme einzurichten. Das nun freilich ist das Gegenteil von Entschiedenheit. Konferiert, geprüft, verhandelt und gegengerechnet worden ist in den vergangenen zehn Jahren wahrlich mehr als genug. Wenn irgendeine Hoffnung sprießen soll, der "Topographie" doch noch zu einem, zu irgendeinem Gebäude zu verhelfen, dann muß die Sache jetzt dem Wirrwarr und der Wurschtelei Berlins entrissen werden. So schnell und so rücksichtslos wie möglich.
Ein dröhnender Beweis für diese Rücksichtslosigkeit wäre die Trennung von Peter Zumthor. Mit seinem bockigen Beharren auf statischen Phantasmen und seiner "Scheinphilosophie" (Rürup) hat sich der anfangs von der Kritik gefeierte Architekt in der Hauptstadt alle Sympathien verscherzt. Sowohl die neue Berliner Stadtentwicklungssenatorin, Ingeborg Junge-Reyer, als auch der neue SPD-Landesvorsitzende haben betont, der Fortgang der Bauarbeiten sei wichtiger als die Person des genialischen Architekten. Der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung, Wolfgang Benz, bemerkte ganz unprofessoral drastisch, man solle Zumthor doch "zum Teufel jagen", und die Kunsthistorikerin Stefanie Endlich, seit langem dem Projekt gegenüber kritisch gesinnt, nutzte unlängst die Gelegenheit ihrer Antrittsvorlesung an der Berliner Universität der Künste zu einer architekturtheoretischen Generalabrechnung mit Zumthors pathetischem Minimalismus. Würden ihm die Bauherren jetzt kündigen, der Protest bliebe mutmaßlich lau. Notwendig ist ein solcher Schnitt freilich nicht, und wahrscheinlich ist er ohnehin nicht.
Alles wartet
Dazu nämlich bedürfte es ebenjenes Durchsetzungswillens, der allen Akteuren abgeht. Aus dem Hause von Christina Weiss ist schon zu hören, daß die Kulturstaatsministerin jedenfalls nicht diejenige sein wolle, die Zumthor die Kündigung überreiche. Das sollten denn doch, bitte schön, wenn es sich gar nicht vermeiden ließe, die Berliner machen, die ihm den Auftrag erteilt hätten. Aber die denken nicht daran. Statt dessen warten alle Parteien auf das Ergebnis einer neuerlichen Machbarkeitsstudie der zuständigen Bundesbehörden, die endgültig und abschließend und wirklich ganz genau klären soll, ob der Entwurf von Zumthor für die veranschlagten neununddreißig Millionen denn nun tatsächlich gebaut werden kann. Die Studie soll Mitte Mai vorliegen, und alle Beteiligten ersehnen sie wie eine göttliche Offenbarung.
Sollte die Prognose günstig ausfallen, könnte irgendwann im Herbst die Baustelle aus ihrem Tiefschlaf erwachen. Was hingegen geschehen wird, wenn die Bundesprüfer den Daumen senken und Zumthor für unrealisierbar erklären sollten, das mag noch niemand aussprechen: Kündigung des Architektenvertrages, Prozesse und Schadenersatzforderungen, Auslobung eines zweiten Wettbewerbs, neuerliche Ausschreibung der Bauarbeiten, Debatten, Ärger und noch ein paar verlorene Jahre. Was immer geschehen wird, schnell wird es, allem öffentlichen Überdruß zum Trotz, nicht gehen.
Nicht selbstverständlich
Es gibt allerdings auch noch andere Fragen als die leidige Architektencausa, in denen der Bund eine Führungsrolle für sich einfordern könnte. Ob mit oder ohne Zumthor gebaut wird, der Berliner Bauverwaltung müßte die Bauleitung entrungen werden. Das wenigstens will auch Frau Weiss durchsetzen, wenngleich sie einstweilen vorsichtig nur von einem Vertrag spricht, in dem sich Berlin dem Bund gegenüber zur Einhaltung bestimmter Fristen, Kostenobergrenzen und Kontrollstandards verpflichten müsse. Lauter Selbstverständlichkeiten also, die sich in Berlin aber eben nicht von selbst verstehen.
Nicht weniger wichtig ist die Regelung der Nachfolge Rürups. Auch dabei ließe sich Gestaltungswillen beweisen, und das schon bald. An diesem Freitag tritt der Stiftungsrat, das höchste Gremium der Stiftung, zusammen. Auf der Tagesordnung steht natürlich die Personalie. Wer berufen werden könnte, ist dabei so vorentscheidend wie der künftige Zuschnitt der Position. Wird wieder ein in Berlin lehrender Historiker gesucht, der die wissenschaftliche Leitung und die Außenrepräsentation der Stiftung neben seinen Verpflichtungen an der Hochschule betreibt? Oder werden alle Direktoriumsfunktionen in einer gutdotierten Stelle gebündelt, die Rürups Nachfolger mehr Freiheit und mehr Durchschlagskraft garantieren würde? Wird vielleicht jetzt, da es vordringlich ums Bauen geht, ein erfahrener Baumanager installiert, wie es jüngst die Stiftung zur Errichtung des Berliner Holocaust-Mahnmals getan hat? Und warum nicht kühn werden und gleich über die Verschmelzung der beiden Stiftungen nachdenken, die einander so unähnlich nicht sind? Nur eines kommt gewiß nicht in Betracht: einfach so weiterzumachen wie bisher.