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Top-Rezensenten Man benutzt Amazon und wird benutzt

 ·  Thorsten Wiedau zählte zu den Top-Rezensenten des Versandhändlers Amazon. Er stieg aus, weil er das System der Online-Kritik für unmoralisch hält.

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© Jens Gyarmaty Vergrößern Der Mann, dem die Verlage vertrauen: Thorsten Wiedau habe alle Rezensionsexemplare besprochen und nur drei Porzent verrissen

Fragt man Thorsten Wiedau, was ihn dazu getrieben habe, antwortet er: „Ich bin leidenschaftlicher Leser.“ Seine Bilanz hat etwas Manisches. 3468 Buchkritiken in zehn Jahren hat der heute Dreiundvierzigjährige für Amazon verfasst, von „Faszination Wolf“ bis „Die deutsche Seele“. Ein Tag, ein Buch, eine Besprechung - seit 2002 war das in etwa sein Lebensrhythmus. Der Lohn: öffentliche Anerkennung und Rezensionsexemplare. Wiedau, der als Exportleiter arbeitet, war lange Zeit der beliebteste deutsche Hobbykritiker der Plattform. Sieben Jahre lang schaffte es der Hamburger in die „Hall of Fame“. In der finden sich bei Amazon die zehn sogenannten „Top-Rezensenten“. Verlage schickten Wiedau bereitwillig ihre Leseexemplare, und an Buchmesseständen war er ein gern gesehener Gast. „Ich wurde hofiert“, sagt er. Doch damit ist jetzt Schluss. Thorsten Wiedau ist ausgestiegen. Wie Rezensionen bei Amazon zustande kämen, sagt er, sei unmoralisch. Er habe das nicht mehr länger mitmachen wollen.

Dabei hat Amazon, scheint es, nur die Literaturkritik mit einfachen Spielregeln demokratisiert. Jeder registrierte Kunde kann hier Bücher bewerten; Hunderttausende tun es. Bis zu fünf Sterne für einen Titel, dazu ein kurzer Text, bitte ohne Schimpfwörter, fertig ist die Rezension. Über ihre Qualität heben und senken die anderen Nutzer den Daumen. „War diese Rezension für Sie hilfreich?“, fragt der Online-Händler neben Buttons für „Ja“ und „Nein“. „Hilfreiche“ Besprechungen wandern nach oben, die „nicht hilfreichen“ nach unten. Was sich nach einer soliden Grundlage für Empfehlungen unter Laien anhört, gehört für Thorsten Wiedau zur „doppelten Daumenschraube“, die Online-Rezensenten bei Amazon angelegt werde. Der indirekte Druck komme von anderen Kunden - vor allem anderen Rezensenten - und vom mathematischen Algorithmus, der hinter dem Besprechungsranking steckt. Er bestimmt auch den Rang der Top-Rezensenten.

Bei Büchern ist das anders

“Wer in der Rangliste aufsteigen will, muss vor allem eines tun“, sagt Wiedau: „Fünf Sterne vergeben.“ Als er 2002 seine erste Besprechung online stellte, seien die Mechanismen durchschaubar gewesen: An der Spitze standen Vielschreiber. Schrittweise habe Amazon den Algorithmus verfeinert. Heute wandere nach oben, wer vor allem positive Rezensionen schreibe. Und positiv bei Amazon heiße: mit fünf Sternen und nicht weniger prämiert.

Denn Internetkunden wollten keine ausgewogenen Rezensionen lesen, zumindest nicht, wenn es um Bücher geht. „In Rezensionen über Staubsauger möchten die Leute etwas über die Stärken und Schwächen des Produkts erfahren und bewerten auch kritische Rezensionen als hilfreich“, sagt Wiedau. Wer dagegen Bücher kritisch oder ausgewogen bespreche, werde von den Kunden abgestraft, als ob man sie persönlich beleidigt hätte. Der Klick auf „nicht hilfreich“ kostet Rangplätze und spült verkaufsfördernde Positivbewertungen nach oben.

Durch die Masse nach oben

Wie genau der Algorithmus funktioniert, der Rezensionen und Rezensenten in eine Rangfolge bringt, ist ein gut gehütetes Geheimnis des Konzerns. Viele positive Besprechungen zu schreiben, scheint nicht auszureichen, um aufzusteigen. Thorsten Wiedau ist längst von Platz zwei auf Rang 48 gerutscht, jetzt führt „BaluForKanzler“ die Liste an: mit mageren 162 Besprechungen. Eine der aktuellen Kritiken widmet sich Espressokapseln und vergibt einen Stern. Null von zwei Kunden fanden das hilfreich. Dass dieser Rezensent trotzdem an der Spitze steht, liegt vermutlich daran, dass er als einer der Ersten eine amüsante Kindle-Rezension geschrieben hat. 4671 Mal wurde sie mittlerweile angeklickt. Andere Hobbykritiker wiederum scheinen über die schiere Masse nach oben zu kommen.

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