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Tony Kushners Familiendrama Mach mir den harten Kommunisten!

26.01.2012 ·  „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen“ heißt Kushners heißes Drama. Groß gedacht und technisch virtuos gemacht, abgekühlt in Mannheim inszeniert.

Von Martin Halter
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© Hans Jörg Michel Irene Kugel und Jacques Malan im Nationaltheater Mannheim

Pill, der schwule, sexsüchtige Sohn des alten Kommunisten Gus, schreibt seit 34 Jahren an seiner Dissertation über einen Arbeiterstreik von 1934. Mit ihrem länglichen Titel „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ hat Tony Kushner schon 1997 sein eigenes Lebenswerk umschrieben. Sein letztes Jahr in New York uraufgeführter „Intelligent Homosexual’s Guide“ ist ein Kapitel daraus: Ein Ratgeber zur Erlösung, mit Schlüssel zu den Heiligen Schriften von Marx und Lenin, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle homosexueller Intellektueller und der Tradition des Familiendramas von Tschechow bis Eugene O’Neill und Arthur Miller.

Die Familie ist Spiegel und Gegenmodell zur kapitalistischen Konkurrenz, aber was die Alten mit Hand und vor allem Kopf erarbeitet haben - Solidarität und Stolz, Wohl- und Vorruhestand -, verspielen die Jungen. Gus, der pensionierte Hafenarbeiter und alte Kommunist, der sich aus Verzweiflung über den Zerfall seiner Partei und Familie umbringen will, ist zwar keine sehr glaubwürdige Figur, aber Edgar M. Böhlke gibt dem lebensmüden Working Class Hero auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters im Lehnstuhl die Würde eines König Lear.

Ein letztes Fanal des Widerstands

2008 feierte der Mannheimer Schauspielchef Burkhard C. Kosminski mit „August: Osage Country“ von Tracy Letts, einer ähnlich monumentalen, wenn auch intellektuell weniger ambitionierten Familiensaga, einen großen Erfolg. Bei Letts entzog sich der Patriarch der Schlammschlacht seiner schwächlichen Kinder durch Selbstmord, ehe das Stück richtig begonnen hatte. Bei Kushner lässt er eine Familienkonferenz demokratisch darüber abstimmen, ob sein Suizid in einer „hohlen Welt voll verlogener und wertloser Scheiße“ eine Option ist. „Osage Country“ war der schwerblütige Schwanengesang eines Südstaaten-Daddys, das neue Stück ist ein hitziger Thesenschaukampf in Brooklyn. Alle Figuren sind mehr oder weniger homosexuelle und intellektuelle Linke, die pausenlos über Gott und das „Kapital“, Revolution und Psychotherapie streiten. Selbst Eli, der Stricher, hat einen Hochschulabschluss und kennt die Marxsche Theorie der Verdinglichung; selbst Adam, der Prolet in der Trainingshose, zitiert den „Kirschgarten“. Nur Vinnie, der cholerische Bauarbeiter, kann mit dem „ganzen radikalen, subversiven, hirnverbiegenden, lebensverschlingenden Quark dieser Familie“ nichts anfangen. Der politischen Illusionen und Familienquerelen überdrüssig ist auch Clio, die Schwester von Gus: Die einstige Nonne und spätere Maoistin ist zur christlichen Wissenschaft konvertiert. Gus, der alte Gewerkschaftshaudegen, übersetzt Horaz und römische Stoiker, ist mit seinem Latein aber am Ende: Sein Kampf für den garantierten Jahreslohn war ein Pyrrhussieg, und so will er jetzt, entnervt von Altersdepression, Resignation und womöglich Alzheimer, ein letztes Fanal des Widerstands setzen. Seine Kinder raten halbherzig vom Selbstmord ab, sind aber viel zu beschäftigt mit sich selbst, um die Feinheiten der väterlichen existentialistisch-materialistischen Dialektik angemessen würdigen zu können.

Sex und Klassensolidarität

Pill hat Ärger mit seinem Mann, einem Theologieprofessor, der für ihn seine Karriere opferte, und braucht Geld für seine wechselnden Liebhaber. Seine Schwester Empty ist bei Irene Kugler die taffe Lesbe, die den Laden zusammenhält, aber ihr eigenes Leben nicht in den Griff bekommt. Die Arbeitsrechtsanwältin hat ihrem Bruder Geld für seine Stricher geliehen, das ihre Lebensgefährtin Maeve schon für eine künstliche Befruchtung verplant hatte. Maeve holt sich eine Gratissamenspende bei Schwager Vinnie ab; Empty schläft mit ihrem Ex.

So bleibt alles in der Familie: Liebe, Hass und Verrat, Geld, Sex und Klassensolidarität. Am Ende wird ausgerechnet der Strichjunge die Fackel des italienischen Anarchokommunismus weitertragen. Prostitution ist auch eine Form von Lohnsklaverei, und Martin Aselmanns Eli ist ein aufgewecktes Bürschchen. Das letzte Wort behält allerdings der rote Großvater: „Ich denke“.

Kushners Stück ist ein Familiendrama auf Ecstasy, groß gedacht und technisch virtuos gemacht, rasend überdreht und theorielastig. Kosminski kühlt es in Mannheim auf der Drehbühne zum Karussell der verlorenen Illusionen herunter und schraubt es unter einem gigantischen Balken realistisch-gediegen zu einer Art „Drei Schwestern“-Travestie empor. Aber drei Stunden dirty talk (“Mach mir den harten Kommunisten!“) sind doch ziemlich anstrengend.

Und was in Brooklyn funktioniert, wirkt in Mannheim doch einigermaßen befremdlich: Die Mischpoke als Keimzelle und Tod der kommunistischen Utopie, der Stadtneurotiker aus dem Woody-Allen-Milieu als tragischer Gewerkschaftssekretär. Kushner will das Beste aus Schwulen- und Arbeiterbewegung retten, wirkt dabei aber so streberhaft wie ein notorischer Arbeiterklassenbester.

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