28.05.2001 · Das Pariser Duo „Air“ hat auf seinem neuen Album "10.000 Hz Legend" seinen Franzosen-Pop amerikanisiert. Zur Freude der Ohren.
Von Aram LintzelMit ihrem Debütalbum „Moon Safari“ landeten Air 1999 einen Überraschungserfolg. Plötzlich galten sie als die modernsten Vertreter des Easy Listening, also jenes Genres, mit dem man seit den 60er-Jahren federleichte und eingängige Hintergrundmusik bezeichnet.
Doch schon auf dem folgenden Soundtrack zu dem Film „The Virgin Suicides“ versuchten Nicolas Godin und Jean-Benoit Dunckel, sich vom Image der harmoniesüchtigen Beaus zu befreien und untermalten die Selbstmordthematik des Films mit schaurig-schönen Klangwolken. Jetzt streben die beiden Pariser Musiker gar den völligen Neustart an. „Wir wollen alles zerstören, was Air bedeutete“, behaupteten sie kürzlich in einem Interview des Popmagazins Spex.
Ein süßes Leiden
Und tatsächlich ist „10.000 Hz Legend“ geprägt von unerwarteten Referenzen: akustische Folkgitarren, ländliche Mundharmonikatöne, psychedelische Verzerrungen und leidende Gesangspassagen treten erstaunlich oft in den Vordergrund. Es scheint, als habe sich Airs schwelgerischer Franzosen-Pop nunmehr „amerikanisiert“ - auch der angstrengte Versuch der Beiden, ihren französischen Akzent abzulegen und amerikanisch zu klingen, bestätigt diesen Eindruck.
Einige Arrangements wurden in Los Angeles aufgenommen, wo Dunckel und Godin den Sänger Beck trafen, dessen Stimme bei zwei Stücken zu hören ist. Und dennoch: Air gelingt es nicht völlig, sich vom Image der geschmackssicheren Süßlinge zu verabschieden. Nach wie vor überzieht ein milder Zuckerguss das Stimmungsbild, nur dass er nun gelegentlich - wie schon bei „Virgin Suicides“ - mit bitteren Klangsubstanzen vermengt wird. So liegen auf „10.000 Hz Legend“ Lust und Schmerz, Zuckerbrot und Peitsche immer nah beieinander.
Lücken und Lichtungen
Hinsichtlich der produktionstechnischen Umsetzung ist „10.000 Hz Legend“ ein Werk der Gegensätze. Im Hintergrund bauen sich massive digitale Klangwände und Effektkaskaden auf, während im Vordergrund verzärtelte Akustikinstrumente, romantische Pianoklänge und weiche Gesangpassagen zu hören sind. Das führt mitunter zu seltsamen Effekten: Bei der Single- und Videoauskopplung „Radio #1“, einem der Höhepunkte der Platte, bahnt sich plötzlich eine Stimme ihren Weg nach vorne, drückt die dichten Soundmassen beiseite und steht ganz alleine in der ersten Reihe. Das wirkt wie ein Moment der Besinnung im wabernden Strom der Opulenz, welcher im Hintergrund dröhnt.
Auf ähnliche akustische Lichtungen stößt man immer wieder. Es ist beeindruckend, wie die sorgfältig geschichteten Klangebenen durch kleine, feine Verknappungen und Verschleppungen - oft sind es trockene Schlagzeugbeats - durchlöchert werden. Trotz der vielen amerikanischen Einflüsse erinnert dieses Vorgehen an eine der wichtigsten französischen Pop-Platten aller Zeiten: Serge Gainsbourgs 1971 erschienenes Album „Histoire de Melody Nelson“. In einzigartiger Weise ließ der exzentrische Chansonier damals ein großes Orchester und ein Rocktrio zusammen spielen - es ist diese gelungene Melange aus Maximalismus und Minimalismus, an die Air mit „10.000 Hz Legend“ anknüpfen.
Aristokratische Dandys
So tief die vielen wundervollen, Chanson-haften Melodien auf „10.000 Hz Legend“ den Hörer auch berühren mögen - das Gefühl bleibt immer auf eine seltsame Weise oberflächlich. Schuld daran ist der dekadente Habitus von Dunckel und Godin selbst. Wie moderne Dandys haben sie die Künstlichkeit zum Programm erklärt und distanzieren sich von jeder tiefer reichenden (musikalischen) Leidenschaft, verweisen vielmehr ironisch auf musikalische Klischees. Als zweifelnde Dandys wissen sie, dass Mundharmonika und Akustikgitarre ihre Freiheitsversprechen bis heute nicht eingelöst haben - und eben diese Erkenntnis distanziert sie vom gutgläubigen Rest der Welt.
Genaugenommen ist diese Musik des Duos wie Zuckerguss ohne Kuchen: Man kann an ihr nur lecken, aber nicht in sie hineinbeißen; eine befriedigende Erfüllung stellt sich nie ein. Und eben deshalb muss man diese großartige CD wieder und wieder hören.