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Tonträger : Wetterleuchten des Elektro-Jazz: Eivind Aarsets zweites Soloalbum

Klangbastler auch auf der Bühne: Eivind Aarset Bild: Jazzland/Universal

Der Gitarrist Eivind Aarset findet auf seinem zweiten Soloalbum eigene Wege in den Grenzlanden zwischen Elektro-Jazz und Clubmusik.

          "Ich war eine Zeit lang mit einer Heavy-Metal-Band unterwegs. Eine fantastische Erfahrung. Bis ich es leid war, jeden Abend wütend zu sein." So erinnert sich Eivind Aarest, als Zwölfjähriger durch eine Jimi-Hendrix-Platte zur Gitarre gekommen, seiner Anfangszeit. Später bekam er über Umwege mehr und mehr Kontakt zur norwegischen Underground-Jazzszene.

          In den vergangenen Jahren hat sich in Oslo um den Trompeter Nils-Petter Molvaer und den Keyboarder Bugge Wesseltoft eine kreative Szene entwickelt, die jenseits der norwegischen Jazzgrößen Jan Garbarek und Terje Rypdal die Grenzlande des Jazz zu elektronischer Musik erkunden. Das Album "Light Extracts" zeigt Eivind Aarset, Gitarrist in Molvaers bekannter "Khmer"-Formation, jetzt auf seiner zweiten Solo-Expedition.

          Unerschrocken

          Dass er in musikalischen Kreisen - die nicht nur Samples und andere Errungenschaften der Studiotechnik verwenden, sondern auch als Kompositionsprinzip einsetzen - durchaus eigene Wege gehen kann, zeigen die acht Stücke des Albums. Seine einstige Nähe zu Deep Purple oder Black Sabbath, aber auch zum Mahavishnu Orchestra oder Santana spiegelt sich dabei in Aarsets musikalischer Aufgeschlossenheit und Unerschrockenheit.

          „Light Extracts” von Eivind Aarset (Cover)

          Wie sich das dann anhört, veranschaulicht etwa der Titel "Between Signal & Noise". In eine diffuse Szene sphärischer und dumpfer Klänge platziert der Gitarrist eine Reihe verschiedenfarbiger Akkorde und Einwürfe. Schließlich entwickelt sich ein Störgeräusch - das Entflammen eines Streichholzes? - zur rhythmischen Basis des Stückes. Die Klanglandschaft wird dichter, strukturiert sich, eine erste melodische Aussage bahnt sich an. Sie kommt schließlich von der Bassklarinette, die nach einem kurzen Motiv in jene grummelnden Tiefen abwandert, die ihr seit gut 30 Jahren im Elektro-Jazz zugewiesen sind. Anders als bei Miles Davis' Epoche machender "Bitches Brew"-Aufnahme und den vielen Verweisen auf dieses Doppelalbum greift die Klarinette allerdings auch in höheren Lagen ins melodische und improvisatorische Geschehen ein.

          Wahnwitzig

          In "Wolf Phrase", einem der klarsten und dramaturgisch stärksten Stücke des Albums, nimmt die Klarinette das Leitmotiv der wie ein Streichinstrument phrasierenden Gitarre auf. Die Motivarbeit, deren Einheiten eher als Samples denn als Melodien funktionieren, strukturiert das gesamte Album. Sie trägt durch die seltenen Ausflüge in exzessivere Abschnitte, in denen Aarset durchaus an die alte Wut anknüpfen kann, führt dabei auch - wie in "The String Thing" - zuweilen in Sichtweite der wahnwitzigen "Naked City"-Arbeiten eines John Zorn. In "Dust Kittens" wurde die Schlagzeugspur der Aufnahme fragmentiert, so dass der durchgehende Beat über weite Teile des Stückes versteckt bleibt und einer enormen rhythmischen Unruhe weicht, die die atmosphärischen Klangschichtungen oberhalb anzugreifen scheint.

          Virtuos

          Störgeräusche durchziehen "Light Extracts" wie Wetterleuchten, in ihrer Funktion zweideutige Akkordschichtungen lagern wie eine Wolkendecke über durchgehenden Schichten aus wiederkehrenden Bassfiguren und Breakbeat-naher Perkussion. Wirbel und Böen, plötzliche Schauer, ab und an brechen Sonnenstrahlen durch die Wolken und spiegeln sich unvermittelt in darunter liegenden Wasserflächen. Keine Musik für Wetterfühlige.

          Was sich auf diese Art als Klanglandschaft umschreiben lässt, bleibt aber in sich ebenso zweideutig: organisch auf der einen, zutiefst künstlich und verfremdet auf der anderen Seite. Darin, im Oszillieren zwischen diesen beiden Eindrücken, liegt - jenseits aller musikalischer Virtuosität und Präzision - die eigentliche Stärke dieses Albums.

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