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Tonträger Töne mit Signal-Wirkung von To Rococo Rot and I-Sound

30.04.2001 ·  Die elektronische Musik von To Rococo Rot behandelt Geräusche wie Musik und Musik wie Geräusche. So entsteht Poesie.

Von Olaf Karnik
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Ohne Zweifel besteht eine der größten Leistungen elektronischer Musik darin, Geräusche zu musikalisieren und musikalische Elemente wie Geräusche einzusetzen. Dem hat das DJ- und Band-Projekt To Rococo Rot auf ihrem neuen Album eine weitere Ebene hinzugefügt: das Organisationsprinzip der Improvisation.

An „Music Is A Hungry Ghost“ haben die Brüder Robert und Ronald Lippok, Stefan Schneider und der New Yorker DJ und Musiker I-Sound über einen Zeitraum von zwei Jahren gearbeitet. Mitgewirkt hat auch der rumänische Violinist Alexander Balanescu, der für melodischen Halt in den komplexen Schichtungen vorbeiziehender Soundlandschaften sorgt. Entstanden sind Aufnahmen, in denen sich To Rococo Rot tief in die Musik versenkt.

Tief bedeutet hier, dass der abgesicherte Referenzrahmen aufgegeben wird und stattdessen neuartige Sound-Architekturen aufgebaut werden, die im Zusammenspiel unterschiedlichster Klangerzeuger erstehen. To Rococo Rot selbst bezeichnen diese Methode als „konstruierte Improvisation“.

Klänge als Ereignisse

Bei „Music Is A Hungry Ghost“ kann man an jeder Stelle ein- oder aussteigen, denn die Platte verzichtet auf eine Album-Dramaturgie und auf herkömmliche Strukturen, wie man sie vom Popsong oder Dance-Track kennt. Man hört rhythmisierte Geräusche und verstreute Akkorde, hier ein paar melodische Fragmente, da ein sachtes Löwenbrüllen. Die lose Abfolge und rasche Abwechslung der Sounds kennzeichnet To Rococo Rots Musik, die sich in erster Linie Freiräume schafft, indem sie Klischees vermeidet. Und schon nach kurzer Zeit erkennt man, dass es die zahlreichen Klangereignisse selbst sind, die Orientierung schaffen - denn sie treten wie vertraute Signaltöne auf, die man von der Alltagswahrnehmung her kennt.

„For A Moment“, „Along The Route“ oder „From Dream To Daylight“ - schon die Titel der Stücke betonen das Momenthafte und Beiläufige einer Wahrnehmung, die sich auch an der Filmgeschichte schult. Nicht umsonst haben sich To Rococo Rot in den letzten Jahren immer wieder auf Kinofilme bezogen - etwa Claude Sautets „Die Dinge des Lebens“ - oder auch Soundtracks zu Dokumentarfilmen (etwa für Vladimir Mushesky und Abdur Rehman Ismael Mia) komponiert.

Poesie und „Black Vibes“

Mit ihrer strukturellen und mittelpunktslosen Musik stehen To Rococo Rot nicht allein da. Mit der Emanzipation des Geräusches von seiner Funktion als billiger Effekt sind auch Musiker wie Mouse On Mars, Cristian Vogel, Wolfgang Voigt und viele Künstler des Mille Plateaux-Labels seit Jahren beschäftigt. Doch selten löst sich eine Spannung, die aus der Vermischung und Reibung verschiedenster Klangquellen hervor geht, in derart poetische Momente auf wie bei „Music Is A Hungry Ghost“.

Am erstaunlichsten ist allerdings die Tatsache, dass bei To Rococo Rot and I-Sound schwarze Musik wieder präsent ist, obwohl deren Spuren gar nicht konkret auszumachen sind. Es gibt keine HipHop-Beats, keine Reggae-Rhythmen, keinen Soul-Gesang - und doch schwirren die „Vibes“ dieser Stile unmerklich durch den Klangraum.

„Music Is A Hungry Ghost“ von To Rococo Rot and I-Sound ist auf City Slang / Labels / Virgin erschienen.

Quelle: @kue
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