Ähnlich wie der viel gerühmte Detroiter House-Produzent Theo Parrish arbeitet auch der Kölner Elektronik-Musiker Thomas Brinkmann seit einigen Jahren an einer Renovierung des Soul und Funk der 60er und 70er Jahre. Die Platten, die er unter dem Pseudonym „Soul Center“ veröffentlicht, lassen nicht nur die euphorische Stimmung alter Stax- und Motown-Stücke aufleben, sondern sind auch eine Huldigung an den alten Soul-Center-Club in Mönchengladbach, wo Brinkmann einst das Tanzen lernte.
Veröffentlichte Thomas Brinkmann „Soul Center I“ & „II“ noch auf seinem eigenen, kleinen Label W.v.B. Enterprises, ist Teil III nun auf Novamute erschienen - einem Unterlabel von Mute Records. Bei Fans elektronischer Musik genießt die britische Plattenfirma ein hohes Ansehen, denn schon Ende der 70er Jahre erschien bei Mute Synthie-Pop und elektronische New Wave-Musik. Beides Stile, die später unter anderem als Modell für Techno dienten.
Geradlinigkeit
Die Geradlinigkeit von Techno dient auch bei „Soul Center III“ als Leitfaden. Rund um die stur klopfende Bassdrum, die heutige Tänzer oft als einzig gültigen Bewegungsimpuls akzeptieren, gruppiert Brinkmann typische Charakteristika schwarzer Musik: vertrackte Rhythmik, jazzige Harmonien, repetitive Gitarren- und Keyboardriffs, Sprach- und Gesang-Samples aus der Soul- und Funkära. „Dance“, „I know“ „How far do you wanna go?“ oder „I don't know what this world is“ - so schlicht die inhaltlichen Botschaften auch bleiben, so transparent wirkt die musikalische Struktur insgesamt.
Man merkt schnell: hier geht es nicht um ein Schaulaufen mit musikalischen Referenzen samt Präsentation ungehörter Samples von raren, alten Schallplatten, sondern um Funktionalität. Dabei entspricht die Funktionalität von „Soul Center“ nicht unbedingt einer auf Spannung, Steigerung und Entladung ausgerichteten Dramaturgie, wie sie für Techno typisch ist, sondern bleibt insgeheim dem hypnotischen Groove des Funk verschrieben. George Clinton, James Brown, Fela Kuti, die Commodores oder Bar-Keys - sie alle sind hier anwesend, auch ohne zitiert zu werden.
Klischeefreiheit
Wirkt die Musik von „Soul Center“ auch für ungeübte Ohren stets nachvollziehbar und vertraut, so offenbaren sich die Feinheiten erst auf der Ebene von Sounddesign und Arrangement. Fast wissenschaftlich und nüchtern entsteht die Groove-Dynamik durch standardisierten Einsatz altbewährter Mittel, deren Ton jegliche Klischees vermeidet: Handclaps, Hi-Hats und Bass klingen immer ein wenig anders als gewohnt.
Denn Thomas Brinkmann, der neben seiner Arbeit als Musikproduzent auch als bildender Künstler tätig ist, hat mit den sound-ästhetischen Dogmen diverser Techno-Schulen wenig am Hut. Seine Klanggestaltung orientiert sich an den Erfordernissen im Umgang mit dem je spezifischen Material - hier Soul und Funk - und nicht am allerneuesten oder gerade angesagten Effekt. Nur so kann es gelingen, zwei so gänzlich verschiedene Musikstile wie Techno und Soul in Einklang zu bringen.
Eigensinnigkeit
Eigensinnig und konzeptionell durchdacht verfährt Brinkmann auch bei seinen anderen Produktionen, die auf verschiedenen Labels wie A-Musik oder Force Inc. bzw. unter Pseudonymen wie Ernst, max.ernst, Ester Brinkmann oder Klick erschienen sind. Mal nimmt sich Brinkmann dabei der Theoreme des Kybernetikers, Künstlers und Sprachwissenschaftlers Owald Wiener an (Ester Brinkmann), mal erforscht er das rhythmische Potenzial von Kratzern in alten Vinylplatten, wie zuletzt bei Klick.
Auch als Remixer ist Brinkmann aktiv - das Spektrum reicht vom Minimal Techno eines Richie Hawtin über das Notwist-Nebenprojekt Tied & Tickle Trio bis zu Depeche Mode, deren Hit „I Feel Loved“ kürzlich von Brinkmann bearbeitet wurde. Neben „Soul Center“ arbeitet Brinkmann, der in seinem mobilen Tonstudio überwiegend in den südlichen Gefilden Europas unterwegs ist, zur Zeit mit Marcus Nicolai von Perlon an dem Liveprojekt Florida sowie an neuen Tracks zusammen mit dem britischen Klangforscher Scanner. Von Thomas Brinkmann wird man noch viel Verschiedenes hören.