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Tonträger Jimi Tenor: Lockrufe eines finnischen Alleinunterhalters

08.10.2001 ·  Jimi Tenor lockt den Hörer auf „Utopian Dream“ in einen Privatkosmos aus utopischem Free Jazz, Pop und Easy Listening.

Von Aram Lintzel
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Der Finne Jimi Tenor ist nicht nur ein Unikum, sondern auch ein Entertainer der alten Schule. Wenn er sich auf der Bühne hingebungsvoll gebärdet, fühlt man sich unweigerlich an Stevie Wonder, an Frank Sinatra, gelegentlich auch an Prince erinnert.

Natürlich bricht Jimi Tenor die klassischen Codes des Alleinunterhalters oft ironisch. Dennoch ist seine Musik keine plumpe Ulknummer à la Guildo Horn. Dass Jimi Tenors musikalisches Projekt trotz seiner komischen Brille von echter Ernsthaftigkeit getrieben ist, wird auf seinem neuen Album „Utopian Dream“ deutlich hörbar.

Jenseits des irdischen Daseins

Tenor greift munter in das Archiv des Jazz und stößt dort vor allem auf dessen spirituell-utopische Spielarten. Raum und Zeit, Unendlichkeit und Transgression sind wiederkehrende Metaphern auf „Utopian Dream“. Was in seinem „utopischen Traum“ genau passiert, verrät uns Tenor zwar nicht - die musikalischen Daten lassen aber genügend Raum für eigene Phantasien.

Die Bläser, Flöten und insbesondere die Free-Jazz-Exkurse am Saxofon verweisen auf die Befreiungsgesten von Jazz-Interpreten wie Ornette Coleman oder Sun Ra. Auf LPs wie Sun Ras „Space is The Place“ oder Colemans „Science Fiction“ benutzten diese in den Siebzigern sphärische Soundimprovisationen, um eine Welt jenseits des irdischen Daseins anzurufen. Jimi Tenors Instrumentarium und sein mal unwirklich hoher, dann wieder düsterer, tiefer Gesang knüpfen an diese auditiven Utopien an.

Reise in einen Privatkosmos

Anstatt wie viele seiner Zeitgenossen den Jazz allein als schmuckes Ornament zu benutzen, lässt Tenor sich auf dessen Komplexität ein und improvisiert. Die dissonanten Soundwucherungen durchbricht er aber immer wieder durch melancholische Melodien, mitreißende Grooves und wunderschön-romantische Klangflächen. Der Hörer wird somit nicht unnötig verschreckt und lässt sich deshalb gerne in Tenors eigenartigen Privatkosmos locken. „Follow Me / Come Follow Me“, singt Jimi Tenor an einer Stelle mit unheimlicher Stimme. Begleitet von einer Querflöte, klingt er dabei wie eine finnische Ausgabe des Rattenfängers von Hameln.

Verspielt, versponnen, verführt

Insgesamt gibt sich Jimi Tenor auf „Utopian Dream“ weich und besänftigend - mitunter klingt das Album wie Easy Listening für den gehobenen Geschmack. Filigran fügt das finnische Mulititalent - Tenor spielt alle Instrumente selbst! - elektronische Störgeräusche und kosmische Querflöten-Eskapaden in seinen verführerischen Klangteppich ein. Das ist ziemlich hinterlistig. Denn wäre „Utopian Dream“ nicht von einer märchenhaften Schönheit umhüllt, würde man sich kaum auf Tenors verspielte-versponnene Eskapaden einlassen.

Tatsächlich lassen uns Tenors utopische Klangträumereien für Momente an eine bessere Welt glauben. Am Ende enttäuscht uns Tenor dann aber doch: „Paradise can wait“, heißt das letzte Stück. Trotzdem hat es sich gelohnt, dem finnischen Scharlatan zu folgen. Außerdem lassen sich CDs ja immer wieder auf Anfang stellen - bis ins Unendliche.

„Utopian Dream“ von Jimi Tenor ist auf Sähkö/EFA erschienen.

Quelle: @aram
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