12.11.2001 · Die Musiker des Berliner Produzenten-Duos Rhythm & Sound reduzieren, abstrahieren und digitalisieren den klassischen Dubreggae.
Von Aram LintzelHinter Rhythm & Sound verbergen sich die beiden Berliner Musiker Mark Ernestus und Moritz von Oswald. "Verbergen" ist hier mehr als eine Metapher: Tatsächlich treten die beiden fast nie an die Öffentlichkeit. Sie arbeiten stattdessen in ihrem klandestinen Kreuzberger Studio. Unter verschiedenen Pseudonymen - Mainstreet, Maurizio oder Burial Mix - veröffentlichen sie minimalistische Techno- und House-Musik.
Als Rhythm & Sound verschmelzen Ernestus und von Oswald jamaikanischen Dubreggae mit zeitgenössischer elektronischer Musik. So bearbeiten sie auf ihrer aktuellen CD beispielsweise ein altes Stück von Bob Marleys "Wailers Band". Auf den Hörer hat ihre Arbeit an Rhythmus und Klang berauschende bis hypnotische Wirkungen.
Schaben und Schleifen
Bis auf eine Ausnahme ("Smile") sind alle Stücke Instrumentals. Ihre gleichsam spirituellen Effekte sind um so erstaunlicher, als die einzelnen Tracks mit einem fast schon mathematischem Abstraktionswillen konstruiert wurden. Aber gerade die elementare Nüchternheit ist für die Strahlungskraft von Rhythm & Sound verantwortlich.
Mit kleinsten Mitteln haben sich Ernestus und von Oswald ihre typische Klangsignatur erarbeitet: Wiederkehrende Hallsounds, zarte Schabe- und Schleifgeräusche und tiefe Bässe fügen sich ineinander und bilden einen tiefen Klangraum, der ohne Grenzen zu sein scheint. Beschränkung und Erweiterung -es sind diese beiden widersprüchlichen Methoden, mit denen Rhythm & Sound arbeiten.
Zerbrechliche Autorität
Die zehn Stücke klingen ernst, auf Effekthascherei und laute Signale verzichten die beiden Produzenten ganz bewusst. Aber gerade diese Ernsthaftigkeit macht den überwältigenden Charme der Musik aus. Die voluminöse Autorität, die sie abstrahlt, bleibt dabei eigenartig zerbrechlich: Die sanften, tiefen, manchmal kaum wahrnehmbaren Sounds drohen stets zu verschwinden.
Die Macht des Erhabenen
Durch ihre federleichte Dichte ragt Rhythm & Sound-Musik aus der Ästhetik des Alltags heraus. Die mächtig schallenden Wiederholungsschlaufen erzeugen eine beinahe metaphysische Präsenz. Die klassische ästhetische Kategorie des "Erhabenen" scheint hier angemessen: Der Philosoph Immanuel Kant bestimmte das Erhabene einst als "das, was durch seinen Widerstand gegen das Interesse der Sinne unmittelbar gefällt." Das "Interesse der Sinne" besteht dabei in ständig neuen Stimuli und Reizen. Rhythm & Sound-Stücke gefallen tatsächlich entgegen diesem Interesse. Ihre schier unendlichen Wiederholungsschlaufen erzeugen oberflächlich gehört Langeweile - dennoch halten sie den Sinnesapparat hellwach. Ein Schwebezustand stellt sich ein, Sein und Bewusstsein fühlen sich gedehnt und erweitert an. Diese Rhythmen und Sounds kommen aus der Tiefe des Raums.