14.05.2001 · Klassischer Jazz, Gesang und Samples menschlicher Essgeräusche: sanfte, warme House-Musik von Matthew Herbert.
Von Aram LintzelDer Londoner DJ, Multi-Instrumentalist und House/Techno-Produzent Matthew Herbert lehnt sich gerne gegen die gängigen Produktionsmuster und Präsentationsformen elektronischer Tanzmusik auf. Bei Auftritten verarbeitet der ehemalige Theaterschauspieler schon mal das Knistern mitgebrachter Chipstüten und Cola-Dosen. Derzeit ist es ein Manifest auf Matthew Herberts Webseite www.matthewherbert.com, das für Diskussionsstoff in der elektronischen Musikszene sorgt.
Dort formuliert Matthew Herbert strikte Regeln für den musikalischen Produktionsprozess. Die zentralen Paragrafen des Manifests besagen, dass der Gebrauch bereits existierender Klänge verboten ist. Auch das Samplen von Aufnahmen anderer Musiker ist nicht gestattet. Außerdem darf kein Sound zweimal benutzt werden. Unleugbar begibt sich Matthew Herbert damit in Widerspruch zu den ungeschriebenen Regeln von House und Techno.
Schließlich beruhte die Innovation dieser Musikstile im ausdrücklichen Verzicht auf Originalität: Neues sollte gerade nicht durch originäre Schöpfung, sondern durch die Wiederholung und Rekombination schon vorhandenen Klangmaterials entstehen. Entsprechend verstört reagierten einige von Matthew Herberts Kollegen. Dabei übersahen aber viele, dass das Manifest als ein „persönlicher Vertrag“ verfasst ist und Matthew Herbert niemandem außer sich selbst die Regeln des Musikmachens vorschreiben möchte.
Schmatzen als Beat
Ziel des Selbstdiktats ist das Aufbrechen stereotyp gewordener Formate. In der Praxis richtet sich Matthew Herbert schon lange nach den nun auch schriftlich fixierten Prinzipien der Innovation: Unter verschiedenen Pseudonymen (Doctor Rockit, Wishmountain, Radio Boy und Herbert) arbeitet er seit 1995 mit originellen und originären Soundquellen: Auf der letzten Herbert-CD „Around The House" baute er die schwingenden House-Grooves nicht etwa aus den Features gängiger Drumcomputer, sondern aus gesampelten Haushaltsgeräuschen zusammen.
Den Erwartungen des Clubpublikums lief dies aber keineswegs zuwider: Begeistert tanzte man damals zum Sound zerschmetternder Weingläser und quietschender Türen. Auch auf „Bodily Functions“ bleibt Herbert seinem Spieltrieb treu - statt Hausgeräuschen sind es nun aber die hörbaren Absonderungen essender Menschen, die gesampelt und verfremdet werden. Neben klappernden Tellern meint man an manchen Stellen auch leise Schmatzgeräusche zu vernehmen.
Jazz und Melancholie
Allerdings klingt „Bodily Functions“ weit weniger körperlich, als es der Albumtitel vermuten ließe - nur noch drei Stücke sind zupackende House-Tracks. Der Grund für die verminderte Tanzbarkeit liegt in Herberts neu entdeckter Liebe für klassischen Jazz. Für die Aufnahmen holte er Londoner Jazzmusiker ins Studio und nahm sogar selbst Jazz-Unterricht. Der Musik verleiht dies eine unerwartete Prägung: Ein warm tönendes Rhodes-Piano, zarte Bläser und zurückhaltende Kontrabassläufe geben den Songs eine kompakte Struktur, während die klöppelnden, schabenden und klappernden Beats nunmehr im Hintergrund mitlaufen.
Das überraschendste Moment ist aber der Gesang von Dani Siciliano. Während sie ihre Stimme auf den bisherigen Matthew Herbert-Platten eher funktional wie ein Instrument einsetzte, hat die amerikanische Sängerin ihr Register nun beträchtlich erweitert. Oftmals erinnert ihr melancholischer-introvertierter Gesang an Ella Fitzgerald und Billie Holliday.
Von Draußen nach Drinnen
Auch die von Matthew Herbert verfassten bezaubernden Melodien haben stets einen trauernden Unterton, viele Texte handeln von Abschied und Sehnsucht. Man hat den Eindruck, als habe der Produzent diesmal mehr in sich selbst als in die Geräuschumwelt hinein gehört. Weil die Jazzelemente zudem nicht improvisiert eingespielt wurden, klingt „Bodily Functions“ zweifellos weniger experimentell als frühere Herbert-Platten.
Ein Verfehlen seines eigenen Innovationsanspruchs muss man dem Musiker aber keineswegs vorwerfen: Ein höchst konzentrierter Swing gibt dem Album eine eigenartige Dynamik. Gleichzeitig strahlt „Bodily Functions“ eine Atmosphäre der Wärme und Ruhe aus, die man im House-Kontext so noch nie gehört hat.